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Hakenkreuz und Sowjetstern

Artur Landsberger sah die Vertreibung der deutsche Juden in einer optimistischen Groteske voraus

Von Geret LuhrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Geret Luhr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 4. Oktober 1933 nahm sich der Berliner Erfolgsschriftsteller Artur Landsberger an seinem Schreibtisch das Leben. Die Nachricht davon drang bis nach Österreich, wo man im "Neuen Wiener Tagblatt" von seinem "pünktlichen Tod" sprach - denn Artur Landsberger war Jude. Man wird an Ernst Toller und Kurt Tucholsky, an Walter Benjamin, Carl Einstein und Stefan Zweig denken, die sich ebenfalls vom Faschismus in den Selbstmord getrieben sahen. Jedoch starben alle diese Autoren erst Jahre nach Landsberger, so daß man sich fragen muß, warum der heute vollkommen unbekannte Romancier sich bereits kurz nach Regierungsantritt der Nationalsozialisten dazu entschloß, seinem Leben ein Ende zu setzen. Hatte er etwa lange vor seinen Weggefährten erkannt, daß es für die europäischen Juden keinen Ausweg geben würde? Oder wollte er mit seinem Suizid ein Zeichen setzen, das die Bürger Europas wachrütteln und zum Widerstand gegen die Judenpolitik der deutschen Regierung veranlassen sollte?

"Berlin ohne Juden", Landsbergers 1925 erschienener und damals wenig erfolgreicher Roman, legt eine solche Symbolik für seinen Freitod zumindest nahe. Denn in dem Werk treten nicht nur ein oder zwei, sondern gleich an die hundert Personen auf, die ihrem Autor zum Vorbild gedient haben könnten. Um gegen die vollständige Vertreibung der Juden aus Deutschland zu protestieren, opfern sie sich in einer Art christoidem Massensuizid, dem von Landsberger sogenannten "Tod der Siebenundneunzig". Offiziell beharren sie dabei auf ihrem Recht, wie es nicht ohne Pathos heißt, "in ihrer Heimat zu sterben und auf deutscher Erde bestattet zu werden."

Obwohl es sich bei dem Buch fraglos um eine literarische Groteske handelt und Landsberger selbst von einer "Tragi-Satire" sprach, ist es ihm mit dem feierlichen Hinscheiden der Hundertschaft bitterernst. Ausführlich beschreibt der Roman eine politische Krise: den auf Agitation und betrügerischer Propaganda beruhenden Wahlsieg eines nationalfaschistisch - kommunistischen Parteienbündnisses und die bedingungslose Entfernung der Juden aus Deutschland. Mit dem zum Symbol des Weltgewissens stilisierten "Tod der Siebenundneunzig" ist die historische Krise jedoch auch schon überwunden, denn dieser Tod soll es sein, der die politische Mitwelt letztlich von der Notwendigkeit überzeugt, den Nationalsozialismus durch einen Boykott wirtschaftlich zu isolieren und so in Deutschland einen Regierungswechsel herbeizuzwingen.

1925, in dem Jahr, in dem auch Hitlers "Mein Kampf" erschien, mußte man kein Prophet sein, um voraussagen zu können, was bei einem Sieg der Nationalsozialisten mit den jüdischen Bürgern Deutschlands geschehen würde. Und auch Landsberger brauchte sich, nachdem er die Idee zu dem Buch bei dem Wiener Schriftstellerkollegen Hugo Bettauer und dessen Roman "Die Stadt ohne Juden" entlehnt hatte (Bettauer wurde wegen seines Werks Anfang 1925 von einem Nazi erschossen), nur an die Vorgaben der Wirklichkeit zu halten, um mit "Berlin ohne Juden" ein Szenario zu entwerfen, das nur wenige Jahre später Realität werden sollte. Konkreter politischer Ausgangspunkt waren ihm dann die Landtagswahlen vom Dezember 1924, bei denen sowohl die Nationalsozialisten als auch die Kommunisten überraschend große Verluste hinzunehmen hatten - eine Notlage, die sie nicht nur im Roman durch den zeitweiligen politischen Schulterschluß zu beseitigen suchten. Auch wenn der konservative Landsberger die Bereitschaft der Kommunisten, sich an dem Gewaltantisemitismus zu beteiligen, übertreibt - die Linken tragen hier letztlich Hauptschuld - , gelingt es ihm zuletzt, die plumpen Mechanismen des deutschen Judenhasses realistisch nachzuzeichnen.

Interessieren dürfte im Zuge der gegenwärtigen Erinnerungsdebatten auch der letzte Teil des Romans, in dem Landsberger en detail ein "Berlin ohne Juden" schildert. Die Klage um den Verlust, den die deutsche Kultur durch die Judenvernichtung erlitten habe, ist inzwischen verpönt. Die Provinzialisierung des judenfreien Berliner Lebens wird von Landsberger jedoch derart plakativ illustriert, daß man nicht umhin kann, das Phänomen des so plötzlichen wie dauerhaften Kulturschwunds in Deutschland erneut zu reflektieren. Ästhetische Subtilität war Landsbergers Sache nicht, und so sind gerade diese Passagen des Buches literarisch besonders unbefriedigend geraten. Der Unterhaltungsschriftsteller Landsberger hatte jedoch nie viel besser geschrieben. Wenn das Buch ein Flop gewesen ist, so muß das also einen anderen Grund haben. Vor allem die jüdischen Leser Landsbergers haben den Roman ignoriert, haben den Kassandra-Ruf der Landsbergerschen Vision weder wahrhaben wollen noch können - ein Problem, das denn auch im Buch selbst umfassend erörtert wird. An dem aufklärerischen Geist Lessings, Goethes und Kants sowie an der Idee einer deutsch-jüdischen Symbiose festhaltend, verkennen die Juden Landsbergers trotz vielfältiger Warnungen den ideologischen Wandel in Deutschland und somit auch die Gefahr einer völkischen Katastrophe.

Ist auch in diesem Bereich zumindest summarisch die historische Wirklichkeit getroffen, so wird man endlich fragen wollen, warum Landsberger bei allem Realitätssinn so naiv war zu glauben, das Ausland würde den deutschen Juden rechtzeitig zu Hilfe eilen. Daß Landsberger sich in diesem Punkt irrte, mag jedoch weniger daran gelegen haben, daß er besonders einfältig, als daran, daß Hitler besonders schlau war; und zwar so schlau, daß er - wie zuletzt Saul Friedländer gezeigt hat - während der ersten Monate seiner Judenpolitik immer wieder Scheinkompromisse einging, die der internationalen Gemeinschaft offenbar genügten, um sich nicht zum Eingreifen genötigt zu sehen. Damit hatte Landsberger, dessen Enttäuschung überaus groß gewesen sein muß, nicht gerechnet. Als er sich das Leben nahm, konnte er jedenfalls nicht mehr darauf hoffen, mit seinem einsamen Tod noch etwas verändern oder bewirken zu können. Man darf diese Situation auch deshalb tragisch nennen, weil sich in ihr die Geschichte der jüdischen Bürger Deutschlands insgesamt widerspiegelt, über die man in diesem Buch trotz all seiner literarischen Zumutungen einiges lernen kann.

Titelbild

Artur Landsberger: Berlin ohne Juden.
Weidle Verlag, Bonn 1998.
215 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3931135349

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http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=809

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:10:05
Erschienen am:01.02.2000
Lesungen: 16247
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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