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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2005 » Politik, Geschichte und Philosophie
 
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Die Schnittmenge von Problem und Lösung

Die Gefängnisbriefe der deutschen Jakobinerin Gudrun Ensslin sind erschienen

Von Fabian KettnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian Kettner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Berg von Publikationen zur bundesdeutschen Stadtguerilla wächst still vor sich hin, zumal in linken Kleinverlagen. Einst verbotene Texte werden wieder zugänglich, es erscheinen umfangreiche Interviews mit ehemaligen Terroristen und man kann an Erinnerungen früherer Aktivisten teilhaben. Ein Erkenntniswert ist häufig nicht zu sehen - weder in der Perspektive historischer Aufklärung, noch in der politischen Analyse. Aber man kann ein Publikum bedienen, das sich gerne an bewegte Zeiten erinnern möchte. Die Herausgabe der Briefe Gudrun Ensslins, Mitglied der ersten Generation der RAF, vervollständigt diese Textesammlung nun um ein weiteres Element.

Der Band enthält die Briefe Ensslins an ihre Schwester und an ihren Bruder, vom Juni 1972 bis November 1973, aus der Zeit unmittelbar nach ihrer zweiten Verhaftung. Teilweise waren Briefe von der Gefängnisleitung einbehalten und erst rund acht Jahre später freigegeben worden. Neben detaillierten Besorgungslisten von Kosmetika, Büchern, Kleidung und Nahrung (in dieser Reihenfolge) wird in den Texten politisches Stroh gedroschen. Da Ensslin mit niemandem sonst korrespondieren durfte, agitiert sie ihre Geschwister. Diese freut das im Nachhinein, und so bewundern sie im Vorwort die "begriffliche Schärfe und Veranschaulichungskraft" der Briefe. Aber nicht im geringsten geht Ensslin "mit Geduld und Genauigkeit auf die politische Entwicklung ein", wie die Herausgeber meinen, sondern wie damals schon Peter Brückner in den Texten der RAF, so kann man auch heute in den neu edierten Briefen nur ein "sprudelndes Wortvarieté", einen "förmlichen Amoklauf von Abstraktionen, Analogien, Verkürzungen und Extrapolationen" entdecken. Indem Ensslin sich wie die anderen Häftlinge "fest im marxistischen Denken" verankert habe, habe sie "die alltäglichen Erfahrungen mit Bedeutung" aufladen können. Das führt dann zu dem "pompös Unverständlichen, Ausgehöhlten, Unwahren" (Brückner), zu der bekannten Melange von moralisch aufgeheizter Alltagsbeobachtung, antiimperialistischem Großsprech, Klassenkampf-Jargon und verselbständigter theoretischer Phrase. Genau "das Atemlose, das Stakkato in ihren Briefen", das die Geschwister lobend bemerken und das ihrer Meinung nach in Verbindung mit "dieser genauen Benennung von Dingen" eine besondere "Überzeugungskraft" evoziere, ist kein Mittel der Darstellung, sondern genaue Wiedergabe der hochgradig erregten Weltsicht der RAF, die mangels Besinnung gar nicht anders konnte, als die so genannten "Schweinereien" additiv zu verknüpfen, in der Illusion, so die "kapitalistische Totalität" darstellen zu können.

Der "Trennungsstrich", den man aus dieser Sicht ziehen sollte, indem man Revolutionär wurde, besteht nicht nur darin, militant für eine andere Gesellschaft zu kämpfen, sondern sollte nicht zuletzt der persönlichen Selbstfindung dienen. Weil man heutzutage "hoffnungslos eingewickelt und abgepackt in die Verhältnisse" sei, müsse man sich bemühen, nicht mehr "Material des Kapitals", nicht mehr "Ware", sondern "Mensch" zu sein. Es gelte, nicht "auf der seite der [...] 'schuldigen' [zu] bleiben", weswegen man "eine Identität" gegen "die Verdinglichung" zu schaffen habe. Und die Identität wurde dann ja auch eines der Lieblingsthemen der radikalen Linken und ihrer verschiedenen Mutationen: zunächst die persönliche Identität von einem selbst und die der unterdrückten Völker, dann schließlich die des eigenen Volkes.

Auch wenn Ensslin hier den nach eigener Logik exekutierten Niedergang der deutschen Linken in Lebensphilosophie, Spiritualismus und ihrer Wiederauferstehung in kultureller beziehungsweise nationaler Identität vorwegnimmt, und auch wenn sie sich gegen die Rezeption Marxens in der akademischen Linken ausspricht und sich mehrmals vom Marxismus-Leninismus distanziert, so bleibt sie in theoretischer Hinsicht doch mit beiden einig: Marx habe das "Gesetz der Dialektik", also "die treibende Kraft der Geschichte" entdeckt, sowie die Tatsache, dass das "Sein das Bewußtsein" bestimme. Und danach habe man sich zu richten. Souverän beruft sie sich auf die "Gesetze der Geschichte", sortiert die bürgerliche Gesellschaft nach "Basis und Überbau" und findet als Grund all dessen den "Hauptwiderspruch" von "Lohnarbeit und Kapital".

Es verwundert wenig, dass für sie dabei der Antisemitismus nur eine "innerstaatliche Feinderklärung" unter vielen anderen ist. Fast zu erwarten war, dass die Judenvernichtung für sie nur der "deutlichste Ausdruck" des Kapitalismus ist. Der von der RAF gezogene Trennungsstrich war grell deutlich, aber er ging mitten durchs bundesdeutsche Wohnzimmer: man gelangte nicht aus ihm hinaus.

Titelbild

Gudrun Ensslin: "Zieht den Trennungsstrich, jede Minute". Briefe an ihre Schwester Christiane und ihren Bruder Gottfried aus dem Gefängnis 1972-1973.
Herausgegeben von Christiane und Gottfried Ensslin.
Konkret Literaturverlag, Hamburg 2005.
198 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-10: 3894582391

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2005 » Politik, Geschichte und Philosophie
 

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Letzte Änderung: 25.07.2005 - 11:59:04
Erschienen am:23.06.2005
Lesungen: 3910
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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