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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2005 » Kunst- und Kulturwissenschaft
 
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Askese

Ein Sammelband über Berührungen zwischen Kunst und Lebenskunst

Von Friedrich W. Block

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass die uralte Kulturtechnik der Askese seit einigen Jahren verstärkt Thema der kulturwissenschaftlichen Forschung ist, verdankt sich nicht zuletzt dem Zeitgeist und einer seiner typischen Paradoxien: dem Zusammenhang von Askese als modischem oder gar sensationslüsternem Lifestyle und dem Bedürfnis bzw. der enthaltsamen Praxis, auf solche Zumutungen der Medien als Konsum- und Bewusstseinsindustrie zu verzichten. Askeseforschung entwickelt sich - in allgemeiner Hinsicht - aus einem wissenschaftlichen Perspektivenwechsel hin zur performativen Dynamik und Methodik kultureller Handlungsspiele mit ihren Geschichten und Diskursen. Drittens ist - im Besonderen - die Wirkung von Michel Foucaults Spätwerk und seinem Interesse an den "Technologien des Selbst" wichtig: Von hier aus eröffnet sich das vielversprechende Projekt, das komplexe Verhältnis zwischen einer subjektorientierten Ästhetik und der ästhetischen Verfasstheit des Subjekts, mit anderen Worten: das Verhältnis zwischen Kunst und Lebenskunst neu zu bearbeiten versucht.

Dieses Projekt wird - das sei vorweggenommen - durch den Sammelband zu "Geschlecht und Geschichte der Selbstdisziplinierung" interessant bereichert. Dafür sorgen die Fragestellungen der Herausgeberinnen und die sinnvollerweise interdisziplinär ausgewählten Beiträge, die das Thema aspekt- und kenntnisreich auffächern.

Ein Vorzug des Bandes ist, dass er verschiedene, historisch gewachsene Askesebegriffe zusammenführt, ausgehend vom antiken Verständnis von Askese als Arbeit an Körper und Geist zur Veränderung, Festigung und Ermächtigung seiner selbst über christliche Enthaltsamkeitslehren und Tugendmodelle bis zur Rezeption und Verarbeitung entsprechender Techniken östlicher Herkunft. Dabei werden drei Blickwinkel gewählt, denen die einzelnen Beiträge in entsprechenden Abteilungen und jeweils chronologischer Abfolge der Themen zugeordnet sind. Ganz zwingend erscheint diese Verteilung allerdings nicht, da sich die Perspektiven in den drei Sektionen immer wieder überschneiden:

Als Erstes wird "Das Geschlecht der Askese" beleuchtet unter der Annahme, "dass asketische Praktiken die jeweils herrschenden gender-Konzeptionen stützen, aber auch unterlaufen können". Die Beiträge behandeln das Ideal der Überwindung der Geschlechterdifferenz in der spätantiken, christlichen Askese, Bedeutungen und Funktionen frühneuzeitlicher 'Fastenwunder' , die Rolle der Entsagung im Genderdiskurs zur "Schönen Seele" um 1800 sowie den Zusammenhang von Askese und Ekstase in der literarischen Imagination des Orients zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die zweite Abteilung beschäftigt sich mit der "Ästhetik der Askese", deren zentrales Verfahren der Reduktion in Darstellung beziehungsweise Dargestelltem verfolgt wird. Untersucht wird - noch einmal - die aufgeklärte Diskussion zur körperlichen Tugend, nun aber mit Blick den Zusammenhang von Rhetorik und Moral. Es folgen Beiträge zur Askese als Motiv und poetologischem Verfahren in den Schriften Gustave Flauberts, zur ästhetischen Körpergestaltung als modernem, säkularisiertem Verfahren religiöser Herkunft und zu Projektionen asiatischer Askese im Kino der Weimarer Republik.

Drittens versammelt der Band Beiträge zu "Geschichte[n] der Askese", im - wie es heißt - doppelten Sinne einer Geschichte der Geistes- und Körperschulung und der Geschichte über ein Subjekt. Nach einer medienhistorischen Studie zur Entwicklung asketischer Imagination auf der Schwelle von Mündlichkeit zur Handschriftlichkeit geht es um Spannungen zwischen asketischen Verfahren der Sinnstiftung und der 'Lust am Text' am Beispiel Heinrich von Kleists, um eine "Hermeneutik des Verdachts", bestimmt durch moderne Selbstdisziplinierung sowohl als körperliche Praktiken wie auch als Textverfahren. Überlegungen zur Performanz des Schreibens und zu Schnittmengen zwischen Askese und Autorschaft führen den Band schließlich in die literarische Gegenwart am Beispiel einer Novelle von Fleur Jaeggy.

Die Aufsätze machen insgesamt deutlich, wie die (geschlechtsspezifische) Subjekt-Konstitution oder -Konstruktion zwischen Enthaltsamkeit und Lustgewinn ihre Entsprechungen in ästhetischen Gestaltungsprozessen haben - und umgekehrt. Kunst nicht - quasi asketisch - auf Subjektivität zu reduzieren, muss nicht bedeuten, ihre wechselseitige Abhängigkeit außer Acht zu lassen. Im Gegenteil: Hier gibt es noch vieles neu zu entdecken und zu beschreiben. Sowohl theoretisch als auch historisch und hinsichtlich der Gegenstandsbereiche sind Engführungen wünschenswert. Der Band hat dazu eine gute Vorlage geliefert.

Titelbild

Irmela Marei Krüger-Fürhoff / Tanja Nusser (Hg.): Askese. Geschlecht und Geschichte der Selbstdisziplinierung.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2005.
252 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-10: 3895284920

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Letzte Änderung: 01.07.2005 - 11:41:54
Erschienen am:04.07.2005
Lesungen: 4400
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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