Wenn der Engel zur Masseurin wird

Cees Nootebooms Roman "Paradies verloren"

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für den Niederländer Cees Nooteboom ist Reisen und das Erkunden fremder Schauplätze und Kulturen beinahe eine Obsession. Der bekennende Kosmopolit mit Wohnsitzen in Amsterdam, Berlin und auf Menorca (dort spielt sein schmaler Roman "Der Ritter ist gestorben") räumt zwar ein, dass es schwierig sei, "sein Leben auf mehrere Länder und damit auch auf mehrere Sprachen zu verteilen", doch künstlerisch ist ihm dies stets hervorragend gelungen.

Nach Spanien und Japan als Schauplätze früherer Romane hat Nooteboom nun einen beträchtlichen Teil der Handlung in Australien angesiedelt. Doch der fünfte Kontinent fungiert auch als Metapher, als Fluchtpunkt für eine junge Frau, die sich irgendwo zwischen Perth und Alice Springs ein Paradies erträumt hat, aber recht rasch desillusioniert feststellt: "Mein Australien war eine Fiktion." Die weibliche Protagonistin Alma ist nach einer Vergewaltigung aus Sao Paulo geflohen, um dieses Trauma an einem entlegenen Ort zu bewältigen. Begleitet wird sie von ihrer Freundin Almut (beide haben deutsche Vorfahren, beide studieren Kunstgeschichte), die wie eine Ich-Abspaltung der Hauptfigur wirkt - eine stärkere, weit weniger verträumte und mutigere Alma - eben Al-MUT.

Alma bevorzugt die Renaissance-Malerei, vor allem Botticellis-Engelsgemälde; während Almuts Herz für Willem de Kooning schlägt. "Jetzt bin ich ein Engel", verkündet Alma in der Mitte von Nootebooms Roman, nachdem sie auf einem Kunstfestival als Komparsin in ein Engelsgewand gepresst worden ist.

Aber das Paradies wird die junge Frau nicht finden - ein Motiv, das bereits in Cees Nootebooms erstem Roman "Philip und die anderen" (1954) auftauchte, als er den Onkel des Protagonisten Philip Vanderley sagen ließ: "Wir können dem Paradies näher kommen." Schon jenen Jüngling stattete Nooteboom mit dem unstillbaren Wunsch aus, die große weite Welt erkunden zu wollen.
Dem Handlungsstrang um die nach seelischem Einklang suchende Alma stellt der 71-jährige Autor den Lebensweg eines Literaturkritikers zur Seite. Jener Niederländer Erik Zondag, der den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard über alles liebt, gehört zu den gefürchteten Scharfrichtern seines Landes. Er ist knapp fünfzig und seine Ehe gescheitert, als ihm seine Freundin (Kulturjournalistin beim größten Konkurrenzblatt) rät, eine radikale Wellness-Kur anzutreten. Widerwillig reist Zondag nach Tirol, lässt Massagen, Dampfbäder und Null-Diäten über sich ergehen und stellt zu seiner eigenen Verwunderung schon nach wenigen Tagen fest: "Kein Bedürfnis nach Alkohol, kein Verlangen nach Sex."

Das ändert sich schlagartig, als er von einer Aushilfsmasseurin durchgeknetet wird. Erst an diesem Punkt kreuzen sich die beiden zunächst völlig autonom erzählten Lebenswege. Die junge Masseurin ist Alma, und wir erfahren später, dass Erik Zondag ihr schon beim Kulturfestival in Perth begegnet war, als sie im anmutigen Engelskostüm posierte und ihm die Sinne verdrehte.

"Ich bewohne die ganze Erde", kommentiert Alma lakonisch das zweite Treffen in den Tiroler Bergen. Cees Nooteboom arrangiert ein äußerst sinnliches, leicht metaphysisch untermaltes Verhältnis zwischen seinen beiden Hauptfiguren, bei denen Körper und Seele gleichermaßen in gewaltige Turbulenzen geraten. Alma hatte Erik drei Jahre zuvor in Perth ein Wiedersehen versprochen, doch der kopflastige Literaturkritiker glaubt nicht an "höhere Fügungen" und hält das unverhoffte Aufeinandertreffen für Zufall.

Das Paradies hatte Alma in Australien nicht gefunden - dort, wo "Staatsverschuldung auf der einen Seite und giftiges Grubenwasser, aussterbende Tierarten, verletzte sakrale Landrechte und Ahnenmythen auf der anderen Seite eine explosive Mischung" bildeten. Doch am Strand von Perth hatte sie ihr Vergewaltigungstrauma überwunden oder verdrängt, und es war zu Zärtlichkeiten mit Erik gekommen, die von einem Polizeijeep mit schrillem Sirenengeheul jäh gestoppt wurden.
"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können", schrieb einst Jean Paul. Und so geht auch Alma und Erik, die (auf unterschiedliche Weise) die Bilder von Perth tief verinnerlicht haben.
Cees Nooteboom hat all seine dichterischen Facetten in dieses schmale Buch eingebracht. Auf knapp 160 Seiten liefert er eindrucksvolle Australien-Impressionen, zwei subtile Psychogramme mehr oder weniger gestrandeter Figuren, humorvolle Sottisen über den Literaturbetrieb und nicht zuletzt eine unkonventionelle, aber höchst einfühlsame Liebesgeschichte, in der der erotische Funke auch auf den Kopf überspringt. Ein Buch zum Träumen, eines, das an allen Plätzen der Welt zu Hause ist.

Titelbild

Cees Nooteboom: Paradies verloren. Roman.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
157 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-10: 3518417266

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