Bedrückende Aktualität

Ian McEwans neuer Roman "Saturday"

Von Alexandra PontzenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Pontzen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei Tage nach den Londoner Terroranschlägen nahm der Autor Ian McEwan, dessen neuer Roman "Saturday" in der FAZ vorabgedruckt wurde, in derselben Zeitung Stellung zu den Ereignissen. In seinem Artikel musste der Autor bereits als Realität beklagen, was er kurz zuvor in der Fiktion prophezeit hatte: "Saturday" thematisiert nicht nur die mentalen Auswirkungen der Terroranschläge des 11. September 2001, sondern auch die Möglichkeit zukünftiger Angriffe auf die englische Hauptstadt. Der Protagonist, der Londoner Neurochirurg Henry Perowne, erlaubt sich keine Illusionen: "Es gibt Menschen auf diesem Planeten, gut organisierte Menschen mit weitreichenden Beziehungen, die wollen ihn, seine Familie und seine Freunde töten, um ihren Ansichten Nachdruck zu verleihen. Die Menge der in Kauf genommenen Toten steht nicht länger zur Debatte; weshalb es zweifellos auch weiterhin, vermutlich sogar in dieser Stadt, Tote in großer Zahl geben wird." Und in einer politischen Diskussion hält seine Tochter, eine Gegnerin der Irak-Invasion, dem Vater entgegen: "Und wenn die erste Explosion London erschüttert, wirst du schon sehen, was du mit deiner Einstellung für den Krieg...". Sie tut ihm damit insofern Unrecht, als er den Angriff nicht unbedingt befürwortet. Er verurteilt ihn nur deswegen nicht einschränkungslos, weil der Sturz eines grausamen Diktators zu erhoffen ist. Er plädiert, und mit ihm wohl der Erzähler, für differenzierende Beurteilung. Die Debatte wird im Roman nicht zu Ende geführt, so wie sie auch in der Realität noch andauert. Die Aktualität von "Saturday" ist unabweisbar, ja bedrückend.

Der Roman spielt am Samstag, dem 15. Februar 2003, an dem in London eine Friedensdemonstration gegen den Irak-Krieg stattfindet. Das ist der Hintergrund für den von Politik scheinbar unberührten Tagesablauf von Perowne, der nach einer anstrengenden Arbeitswoche einen unbeschwerten Samstag genießen will. Für Besorgnisse irgendwelcher Art besteht in seinem Leben kein Anlass: Perowne ist wohlhabend und beruflich erfolgreich, führt eine glückliche Ehe und hat zwei überdurchschnittlich talentierte Kinder. Doch der Tag beginnt mit einem schlechten Omen: Am noch nächtlichen Himmel beobachtet Perowne ein brennendes Flugzeug und geht in Erinnerung an den 11. September 2001 nahezu selbstverständlich davon aus, dass er Zeuge eines Terroraktes wird. Es erweist sich zwar, dass seine Wahrnehmung getrübt gewesen ist und es sich bei dem Vorfall um den vergleichsweise harmlosen Defekt einer Transportmaschine ohne gravierende Folgen gehandelt hat, doch das einmal geweckte psychische Unbehagen begleitet ihn den ganzen Tag und wird mehrfach bestärkt, am folgenreichsten durch eine leichte Autokarambolage mit dem Wagen asozialer Schlägertypen. Ihnen entgeht Perowne nur, indem er durch schnelle Diagnose feststellt, dass der Anführer der Gruppe, ein gewisser Baxter, Symptome eines neurodegenerativen Leidens zeigt, der Huntington'schen Krankheit, und durch die Mitteilung dieser Diagnose den Angreifer kurzfristig verunsichert, fast demütigt. Baxter sinnt auf Rache, nimmt Perownes Frau zur Geisel, schafft sich so Zugang zum Haus und terrorisiert die Familie auf widerliche Weise, bis es gelingt, ihn die Treppe hinabzustürzen. Dabei zieht er sich einen Schädelbruch und ein extradurales Hämatom zu. Er wird ins Hospital eingeliefert und von Perowne erfolgreich operiert; sein Hauptleiden, die Huntington'sche Krankheit, bleibt allerdings unheilbar.

Zwischen dem Terror, der aus fremden Kulturen in die westliche Welt hineingetragen wird, und dem Terror, der aus der eigenen depravierten Unterschicht hervorgeht, besteht kein prinzipieller Unterschied; der Roman legt es darauf an, zwischen ihnen eine Analogie herzustellen. Er lässt sich interpretieren als Parabel für die Bedrohung der Reichen durch die Armen, für den Einbruch der Brutalität von unten in die kultivierte Welt der oberen happy few. Diese sind, so sympathisch sie sein mögen, an ihrer Bedrohung nicht völlig schuldlos, obschon ihre Schuld nur in Andeutungen fassbar wird. Sie besteht vor allem in sozialer und auch persönlicher Arroganz. Bezeichnend ist Perownes Verhalten nach dem Verkehrsunfall. Er legt Wert darauf, sich nicht auf das Niveau der Straße herablassen und beharrt auf standesgemäßem Auftreten. Schwerer wiegt, dass er den Angreifer zur Abwehr in die Rolle des Patienten drängt und selbst die Rolle des hilfswilligen Arztes spielt, was er bei sich selbst eine "schamlose Erpressung" nennt; denn "wenn man krank ist, empfiehlt es sich nicht, den Schamanen zu beleidigen". Er kommt sich vor wie ein Medizinmann, der einen Fluch ausstößt. Gewiss, ein anderes Mittel, sich davor zu schützen, zusammengeschlagen zu werden, ist nicht in Sicht; dennoch hinterlässt das Ausspielen der berufsbedingten Überlegenheit einen schalen Beigeschmack.

Mit der Operation Baxters versucht er als Arzt die vorausgegangene Pervertierung des Arztberufs zu sühnen. Er geht noch weiter: Am Krankenbett fasst er unter dem Vorwand, den Puls zu zählen, Baxters Hand und tut das länger als nötig - eine brüderliche Geste. Ihr Sinn erhellt sich aus einigen Sätzen Saul Bellows, die dem Roman als Motto vorangestellt sind und Aufschluss darüber geben, wie er verstanden werden soll. Dort heißt es mit Blick auf die Menschen der Unterschicht, die am Lebensgenuss teilhaben wollen: "Möchtest du ihnen das Recht zum Leben absprechen? Möchtest du sie auffordern, zu arbeiten und zu hungern, während du köstliche altmodische Werte genießt? Du - du selbst bist ein Kind dieser Masse und ein Bruder aller anderen. Oder aber ein Undankbarer, ein Dilettant, ein Idiot." Der Roman führt vor, wie die sich im Laufe eines Tages einstellenden Verunsicherungen einen selbstgewissen Angehörigen der englischen upper middle class davor bewahren, ein solcher undankbarer Idiot zu sein.

Nicht allein die Bedrohung durch Terror beeinträchtigt Perownes Lebensgefühl; fast ebenso stark empfindet der Achtundvierzigjährige die Bedrohung durch das Alter, ein Thema, das den ganzen Roman durchzieht und tonangebend wird bei der ausführlichen Darstellung eines Squash-Spiels, in dem er unterliegt, oder bei der Schilderung der Alzheimerschen Krankheit seiner Mutter, deren Schicksal das seine zu werden droht. Dass er erfahren muss, demnächst Großvater zu werden, ist ein weiterer Anlass, über das Alter zu sinnieren. Auf dieses verweist auch der Romantitel. Wie Perownes Arbeitswoche gehört auch der größere Teil seines Lebens bereits der Vergangenheit an, und es ist an der Zeit, die Früchte der Arbeit zu genießen und ein unbeschwertes Leben zu führen. Samstag ist eine Metapher für die Lebensfreude, die angesagt ist, bevor das letzte Stadium, der allzu stille Sonntag, den Menschen zu Passivität und Resignation verurteilt. Es ist die durchgehende Ironie des Romans, dass der Samstag statt der erhofften Heiterkeit nur Sorgen bringt. Das wird nach der Karambolage prägnant auf den Punkt gebracht, als Perowne seinen Mercedes, Symbol für Status und Genuss, stark beschädigt glaubt: "Sein Auto wird nie mehr so sein wie zuvor. Es ist unwiderruflich dahin, genau wie sein Samstag." Die Operation Baxters versetzt ihn zurück in den Berufsalltag, und er hat "sich an seinem freien Tag, diesem kostbaren Samstag, in keinem Moment besser als bei der Arbeit gefühlt. Irgendetwas [...] stimmt nicht mit ihm." Seine Persönlichkeit ist so einseitig von einem mit Leistung und Anerkennung verbundenen Beruf geprägt, dass er nur bei dessen Ausübung Freude und Lebensberechtigung empfindet. Die Schwierigkeit, ein ebenso erfülltes Privatleben zu führen, ist ein Grund für seine Alterskrise.

Die deutsche Übersetzung übernimmt den englischsprachigen Titel und tut gut daran, denn weder Sonnabend noch Samstag haben den nachdrücklichen Klang von "Saturday". Vor allem fehlt ihnen der Hinweis auf Saturn, den Planeten, der in der Astrologie ein maleficus ist, ein Stern, der nichts Gutes bedeutet. Astrologie freilich kommt im ganzen Roman nicht vor, der durchgehend aus der Perspektive des Rationalisten Perowne erzählt wird. Doch sinnigerweise irrt sich der Protagonist, als er das brennende Flugzeug am Himmel bemerkt. Eine Zeit lang glaubt er, einen Kometen zu sehen, also eine Himmelserscheinung, die seit der Antike als ein Vorzeichen für Menschheitskatastrophen gilt. Die irrige Wahrnehmung eines Kometen ist unterschwelliger Ausdruck von Perownes Furcht, dass die Welt vor einer globalen Krise mit unabsehbarem Ende stehe.

Der Roman ist sorgfältig komponiert und bietet erzähltechnisch keine Überraschungen. Der Autor hat nicht den Ehrgeiz, durch Experimente zu verwirren. Es herrscht Übersichtlichkeit. Die Konzentration der erzählten Zeit auf einen Tag hat namhafte Vorbilder, angefangen bei Joyce' "Ulysses". Zahlreiche Rückwendungen durchbrechen die zeitliche Beschränkung und informieren ausführlich über die Hauptfigur und ihre Familie. Lediglich Baxter bleibt undurchschaubar. Das liegt daran, dass in der Figurenperspektive nicht mehr vermittelt werden kann als das, was Perowne weiß, denkt und fühlt. Darüber hinaus charakterisiert es die Rolle Baxters als eines Fremden, der von außen in eine vertraute Welt einbricht. Die tradierten Mittel realistischen Erzählens werden gekonnt, streckenweise brillant gehandhabt. Kritische Einwände, die vielleicht hin und wieder erhoben werden könnten, erledigen sich nach einigem Nachdenken. Da wäre z. B. das überbordende neurochirurgische Vokabular. Ähnlich wie einst Zola, der sich für seine naturalistischen Romane vor Ort kundig gemacht und dann mit Fachausdrücken nicht gespart hat, hat McEwan Kliniken besucht und Operationen beigewohnt und macht von seinen dabei erworbenen Kenntnissen einen so verschwenderischen Gebrauch, dass der nicht einschlägig gebildete Leser, wenn er es genau wissen will, ein medizinisches Wörterbuch konsultieren muss. Doch die Fachsprache hat die Funktion, die berufliche Besessenheit Perownes sinnfällig zu machen, und außerdem geht es weniger um die Sache selbst als um die Suggestion von Authentizität.

Überhaupt ist Authentizität bei der ästhetischen Würdigung von "Saturday" ein fruchtbares Kriterium. Fast durchweg bemüht sich der Erzähler um Deckungsgleichheit zwischen realer und fiktionaler Welt. Neben dem medizinischen Bereich sind erwähnenswert die genaue Topografie des Londoner Stadtteils südöstlich vom Regent's Park, die von Fachausdrücken durchzogene Darstellung des Squash-Spiels oder das detaillierte Eingehen auf die Blues-Musik, der sich Perownes Sohn mit Hingabe und Erfolg widmet. Als Beispiel für Authentizitätssuggestion mag die exzellent erzählte Episode dienen, in der eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte auftritt und die nicht frei von Komik ist: Perowne macht sich Gedanken über Prosopagnosie, defizitäre Gesichtserkennung, und erinnert sich an eine zufällige Begegnung mit Tony Blair bei der Eröffnung der Tate Modern im Mai 2000. Blair reichte ihm die Hand:

"Sein Griff war männlich und fest, und zu Perownes Überraschung schien Blair ihn zu kennen, denn er schaute ihn interessiert an. Der Blick war aufmerksam, klug und unerwartet jungenhaft. So vieles würde noch geschehen." Blair verwechselt Perowne jedoch mit einem Maler und erschrickt für einen Moment ernsthaft, schafft es aber, vor den öffentlichen Zeugen sein Gesicht zu wahren: "Ein Haarriß zeigte sich in der Selbstsicherheit der Macht. Dann fuhr er fort wie zuvor, hatte zweifellos rasch kalkuliert, daß es angesichts der Menge, die ihn umdrängte und zuzuhören versuchte, keinen anderen Ausweg gab. Jedenfalls nicht ohne hämische Presse am nächsten Tag. 'Wie dem auch sei, sie sind wirklich wunderbar. Meinen Glückwunsch.'"

Mit Blick auf die Situation im Irak fragt sich Perowne, ob "solch kalte, panische Zweifelsattacken mittlerweile einen Großteil der Tage und Nächte des Premierministers ausmachen". Vor dem Fernsehen hält er Ausschau "nach dem Haarriß, dem Augenblick der Gesichtsstarre, dem kurzen Stocken, das er beobachten konnte. Doch entdeckt er nichts als Selbstgewißheit oder, noch schlimmer, bemühte Ernsthaftigkeit." Wer Blair aus dem Fernsehen kennt, bewundert als authentisches Portrait, was nach Maßgabe strenger Literaturtheorie rein fiktional ist. Der Realitätsgehalt, der in der erzählerischen Miniatur steckt, ist charakteristisch für den ganzen Roman: Obwohl der Plot auf planvoller Konstruktion beruht, vermittelt der Text das Gefühl, nahe an der Wirklichkeit zu sein, zuweilen beängstigend nahe.

Titelbild

Ian McEwan: Saturday. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Diogenes Verlag, Zürich 2005.
387 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3257064942

Weitere Informationen zum Buch

Leserbriefe

Clemens Schminke: Sehr geehrte Frau Pontzen, danke für die ausgezeichnete Besprechung. Ich habe den Roman "Saturday" gerade gelesen und kann dank ihrer Kritik manches besser würdigen. Mit freundlichem Gruß Clemens Schminke





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