Der hartnäckige Einspruch

Volker Brauns sinn- und tonreicher Gedichtband "Auf die schönen Possen"

Von Rolf-Bernhard EssigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf-Bernhard Essig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für den sozialen Frieden sind Volker Brauns störrische Gedichte nicht störender als einige Bestimmungen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Paragraf 15 des Grundgesetzes lautet: "Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz [...] in Gemeineigentum überführt oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden." Im Gegensatz zu solchen Paragrafen sind Volker Brauns Verse mit Witz formuliert, zu Herzen gehend und vier Handbreit nach oben. Eine Widerrede erhebt sich aus ihnen, politisch und poetisch, ohne Rücksicht auf den Zeitgeist und seinen Anhang. Das gilt auch für den neuen Gedichtband "Auf die schönen Possen", in dem ein Schock Gedichte Schabernack und Spreißel unter die Nägel der Bequemlichkeit treibt: gut gebaute Lyrik ist das, wortverspielt, polemisch und immer aufgelegt zum Einspruch gegen sich selbst, wie in "Die Sächsische Flut 2002". Dreimal tönt da derselbe Satz mit Versalien-Fanfare: "ES GIBT EINE ANDERE WELT". Zweimal schallt sie apokalyptisch und illusionslos, das dritte Mal - doppelt relativiert zwar, aber doch - ungläubig angerührt von fragloser, handfester Solidarität unter den Deutschen an den Deichen.

Volker Braun, längst vertraut mit der Rolle des einsamen Rufers, verliert seine Lust nicht, dem Leben, dieser "farce continuelle" (Arthur Rimbaud), Verse abzutrotzen, ohne sich in Verzweiflung oder Misanthropie zu sielen. Stattdessen spiegelt er im Reichtum seiner Töne, Formen und Themen die Buntheit der Narrengesellschaft Menschheit wider: Braun klagt um den sterbenden Kollegen und Freund Karl Mickel und lobt die Wüsten-Zufriedenheit, er übt sich in klassischem Odenmaß oder im Epigrammatischen, er erdenkt Grabschriften und Liebesgedichte. Dem Reim, der Assonanz vertraut er und raut Zeilen auf mit Stilbruch, Zeugma und Wortspiel.

Eigensinnig beharrt Braun auf seinem lyrischen Einspruch gegen Arbeitslosigkeit, Warenwelt-Wahnsinn oder amerikanische Imperiumsgelüste, selten unterstützt durch herbeigerufene Eideshelfer wie Goethe oder Shakespeare. Dass es nun einmal da und übrig geblieben ist, gilt ihm nicht als zureichende Begründung für das Bestehende. Er fragt hartnäckig nach den Verlusten, beispielsweise in dem Langgedicht "Das Verschwinden des Volkseigentums" von 1991, dessen Anfangszeilen lauten:

"Achtlos saßen wir darauf
In Häusern arglos verstreut
Auf dem billigen Boden. Vorgärten
Die eine Landschaft faßten! Ungeliebt
Aber vorhanden waren die Klitschen
Und die geräumigen Ämter
Durchstreiften wir mit unbeteiligten Mienen
Eine vornehme Klasse
Die nichts von sich hermachte."
Wohin ist das Volksvermögen gekommen, fragt Braun. Er fragt nicht naiv, nicht apologetisch, sondern hartnäckig. Verbittert konstatiert er in dem gleichen Gedicht:

"Und noch die Erinnerung muß eingeschwärzt werden mit Druckerschwärze
Und die etwaigen Fragen
der Jungen, die einfach zu jung sind
Um das ganze Elend zu empfinden, das sie überstanden haben
Gehören mit dem Holzhammer beantwortet
Den sie gewohnt sind."
Da er weder ein Rambo noch ein Rimbaud ist, schreibt Braun trotz der Wut über diese Welt weiter. Schließlich verführt sie ihn immer wieder, besticht ihn durch die Sinne, was er dankbar annimmt: Wer will schon alles immer klar sehen müssen! Resigniert und ergeben bedichtet er deshalb die Eintrübung eines seiner Augen in "Blickwechsel". Dem Gedicht folgt die lebenskluge Einrede nach der Genesung in einer poetischen Nachschrift:

Als er wieder sehen konnte
Ich sehe wieder klar, und beide Augen lügen
Mir eine schöne Welt. Ich laß mich gern betrügen
Und blicke gerne durch in Kluft und Gruft hinein.
Wenn mich auch sonst nichts freut, ich lob den Augenschein.
An diesem alexandrinischen Sinn-Gedicht hätte Friedrich von Logau seine helle Freude gehabt und der brave Soldat Schwejk an "Espenlaub", einer Art Anekdote aus dem letzten deutsch-russischen Krieg. Volker Braun kann das, wie er so vieles kann: wassergewiegten Beischlaf besingen oder den Totentanz der Kunst.

Hier wie allenthalben spürt man Barockes: Vergänglichkeit steht neben Lebenslust, die Rollenmetaphorik findet sich oft, das Rhetorische prägt Form wie Inhalt, und sehr viele Gedichte bestimmt das "Ad se ipsum". Die Konzentration auf das Selbst bedeutet in Brauns Fall, ein Erkenntnisinstrument zu verbessern. Das Beharren auf Privatheit der menschlichen Existenz, das Einzige, wie Joseph Brodsky schreibt, was Kunst den Künstler überhaupt lehren könne, macht sehend für das Andere der Welt, der Gesellschaft, der Personen.
Immer bleiben Brauns Verse kunstvoll, auch die prosaischen und die aggressiven, sie verlieren sich nicht in Intention, sondern behalten ihren Mehrwert, ihr Mehrwissen. Neologismen setzt Braun hart gegen Altertümliches, Jargon neben Mundart, dreht Phrasen das Wort im Maul herum, dass sie als Kalauer konsumierbar werden. Manchmal klingt das zu eingängig, zu gekonnt, zu geläufig: ein Swing der Kapitalismuskritik. Meist aber hört man den alten Narren in seinem "Shakespeare-Shuttle" (der Titel eines weiteren Langgedichts), der zweistimmig spricht: laut und spöttisch von Wahrheiten, leise von Ernst und Würde und Liebe.

Titelbild

Volker Braun: Auf die schönen Possen. Gedichte.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
97 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-10: 3518416715

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