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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2005 » Kunst- und Kulturwissenschaft
 
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Trotzdem lachen, schwer gemacht

Jörg Räwels Systemtheorie des Humors stimmt nicht auf Anhieb heiter

Von Friedrich W. Block

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jörg Räwel hat sich viel vorgenommen, nämlich nichts Geringeres als eine neue Theorie des Humors, die sich von bisherigen bzw. traditionellen paradigmatisch unterscheidet. Dazu soll die Systemtheorie Niklas Luhmanns fruchtbar gemacht werden. Um es gleich zu sagen: Das Buch scheitert an diesem Anspruch, und das ist bedauerlich, denn es wäre durchaus lohnend, die internationale Theoriedebatte zum Humor systemtheoretisch zu bereichern.

Geradezu ärgerlich ist die Überheblichkeit, mit der der Verfasser alle bisherigen Theorieleistungen - knapp angerissen werden wie in jeder humortheoretischen Abhandlung Überlegenheits-, Entlastungs- und Inkongruenzansatz - als "traditionell", "dualistisch" und "alt-europäisch" undifferenziert und ungerechtfertigt über einen Kamm schert und abtut. Wesentliche linguistische, kognitionstheoretische, psychologische und kulturgeschichtliche Studien zum Humor und Komischen werden vom Verfasser dabei nicht beachtet; sogar der alte, jedoch wegweisende, von Preisendanz und Warning herausgegebene Poetik- und Hermeneutikband fehlt in der Diskussion. Oder es wird beispielsweise Helga Kotthoffs Forschung - eine der ganz wenigen, die aus dem deutschsprachigen Raum heraus kontinuierlich theoretisch und empirisch etwas Substanzielles zur internationalen Humorforschung beigetragen hat - lakonisch bescheinigt, sie sei "theoretisch unergiebig". Wer so dick aufträgt, muss sich an der Genialität seines Meisters messen lassen. Luhmanns Theoreme werden jedoch - wie in vielen Adaptionen der letzten Jahrzehnte - nur nachbuchstabiert in dem Versuch, an geeigneter Stelle 'Humor' und einige seiner mehr oder weniger komplexen und bereits intensiv untersuchten 'Sachformen' wie Ironie, Satire, Parodie, Witz oder Nonsens einzupassen:

'Humor' wird dann also als ein 'Kommunikationsmedium' bezeichnet, das Reflexivität als solche codiert, d. h. um ihrer selbst willen betreibt, dabei die Unterscheidung 'lustig/ernst' als 'Präferenzcode' benutzt und im Lachen ein 'symbiotisches Symbol' für den Bezug zur Körperlichkeit hat. Das heißt mit anderen Worten: Humor sei generell an Konventionen orientiert und gewinne Form, wenn er diese reflektiert, d. h. ihnen nicht gerecht wird und damit für Überraschung, Innovation, Variation von Bekanntem bzw. Schematischem sorgt, in dieser Reflexion aber folgenlos bleibt.

Damit aber wird - mit viel terminologischem Aufwand - nur eine schmale Fassung der zuvor abgelehnten klassischen Inkongruenztheorien reformuliert. Nicht mehr. Und Laurence Sternes "Tristram Shandy" muss dabei einmal mehr zur Illustration herhalten.

Schon zu den Grundannahmen ist nachzufragen: Wie spezifisch ist eine selbstbezügliche Reflexivität tatsächlich für humoristische Kommunikation? So zeigt der Verfasser beim Versuch, Humor und Kunst ins Verhältnis zu setzen, dass es für ihn eigentlich kaum mehr etwas zu unterscheiden gibt (auch die Kunst codiere Reflexivität). Widersprüchlich, zumindest höchst kontraintuitiv ist auch die Konzeption des Lachens: Dieses müsse latent bleiben, sonst scheitere die Humor-Kommunikation - wenn also gelacht wird, funktioniert der Humor gar nicht? Auch dass 'lustig' als genereller positiver Wert des Humors durchweg passt, darf bezweifelt werden: Ironie, Sarkasmus und Zynismus, wenn sie denn Sachformen des Humors sind, wie der Verfasser meint, sprechen zum Beispiel deutlich dagegen.

Die kulturelle Entwicklung des Humors als Kommunikationsmedium im Kontext sozialer Entwicklung zu diskutieren, wie es im Schlussteil des Buchs geschieht, ist sicherlich sinnvoll. Luhmanns Modelle bieten dafür durchaus Orientierungen an, die der Verfasser zum Teil aufgreift. Doch leider bleibt die Diskussion der Humorevolution von den Anfängen bis zur Gegenwart holzschnittartig (These: auch moderner Humor stellt mit funktionaler Differenzierung von negativer auf positive Selektion um, d. h. auf die Feier von Varianz und Normabweichung).

Zieht man Luhmanns faszinierende, materialreiche Erörterung zur Liebe als Kommunikationsmedium, also eine ähnliche Aufgabenstellung, zum Vergleich heran, so kann man nicht anders, als die am Schluss der Arbeit gestellte Forderung nach Informationsgewinn durch theoretische Anstrengung an den Verfasser zurückzugeben.

Titelbild

Jörg Räwel: Humor als Kommunikationsmedium.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2005.
251 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3896695126

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Letzte Änderung: 01.09.2005 - 11:32:12
Erschienen am:15.08.2005
Lesungen: 6142
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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