Befreites Lachen

Zu Arnon Grünbergs Roman "Der Vogel ist krank"

Von Matthias PrangelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Matthias Prangel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Arnon Grünberg, eigentlich Grünberg, Pseudonym Marek van der Jagt, gerade 34 Jahre alt, Enfant terrible allemal, wohnhaft zur Zeit in New York, pro Jahr mindestens eine Buchpublikation, bereits vielfach preisgekrönt, eigenes Kulturprogramm im niederländischen Fernsehen usw., usf., ist, darüber sollte Einigkeit bestehen, trotz Namen wie etwa Harry Mulisch, Cees Nooteboom, Leon de Winter oder Conny Palmen so ziemlich das Interessanteste, was die niederländische Literatur derzeit aufzubieten hat. Ein Autor mit hochkarätigem, stark existenzialistisch unterlegtem Intellekt, der in seinen Romanen dennoch nicht philosophiert wie Mulisch; ein Autor, dessen aller Romantik gründlich entkleidete Weltsicht einem zwar nicht sympathisch sein muss, die aber um so scharfsichtiger und mitleidloser der heutigen Gesellschaft ihren Spiegel vorhält und darin eine Art niederländischer Michel Houellebecq ist; ein Autor aber auch, der bei allem Hang zum Diabolischen und Zynischen doch nie in die Eisregionen blanker Negativität abrutscht, vielmehr seine Handlungen und Dialoge so arrangiert, dass einem als Leser der Kloß nicht im Halse stecken bleibt, sondern man im befreienden Lachen angesichts einer geradezu slapstickartig inszenierten Komik immer wieder Lufthoheit gewinnt.

Beginnen wir mit dem Titel von Grunbergs zwar schon wieder nicht mehr letztem, jedenfalls aber letztem ins Deutsche übersetzten Roman. "De asielzoeker" (Der Asylbewerber) lautet der im Original und zielt treffsicher an der Mitte des Buchs vorbei auf jenen jungen, schweigsamen Algerier, den die deutsche Partnerin des niederländischen Protagonisten Christian Beck ins Haus nicht nur bringt, sondern obendrein auch noch unter der Trauzeugenschaft eben dieses Partners heiratet und gewissermaßen unter dessen Augen beglückt aus lauter Mitleid, Philanthropie oder was auch immer. Er ist weniger Akteur des Geschehens als dessen Instrument oder Katalysator. Der deutsche Titel "Der Vogel ist krank" geht genau so treffsicher auf die andere Seite dieses recht merkwürdigen Dreierarrangements und gibt nicht nur einfach den ersten Satz des Romans wieder, sondern zielt auch auf die Frau, die von Beck niemals anders denn eben Vogel genannt wird, gleich zu Beginn an einem unheilbaren Krebs erkrankt und ebenfalls eher einen funktionalen Part des Geschehens darstellt. Die Mitte des Buchs gleich im Titel zu benennen, das verkniffen sich also Autor und Verleger sowohl im Original als auch in der deutschen Übersetzung offensichtlich ganz bewusst, um nicht gleich alles preiszugeben.

Wäre es um eine solche Preisgabe gegangen, hätte das Buch wohl "Der Desillusionist" oder, noch besser, "Der Maskenabreißer" heißen müssen, als welcher der Protagonist Beck immer wieder bezeichnet wird. Denn genau darum geht es hier: dem Leben, der Gesellschaft, den Konventionen, den anderen Menschen und schließlich sich selber die Maske abzureißen. Goethes Faust wird am Ende von "Faust II" von den Engeln mit den Worten "Wer immer strebend sich bemüht // Den können wir erlösen" in die Sphäre der Unsterblichkeit aufgenommen. Das neuzeitlich-aufklärerische Prinzip praktischer, zielorientierter Tätigkeit für Mensch und Gesellschaft wird dort zum Dreh- und Angelpunkt sinnvollen menschlichen Lebens erklärt. Das nun ist bei Grunberg gründlich passé oder jedenfalls nicht mehr als eitler Selbstbetrug und schnöde Illusion. Sein Beck jedenfalls verkörpert das genaue Gegenteil von dem. Gewiss, auch er war einst ein Glücksjäger, ein von Sehnsucht, Ehrgeiz und Fortschrittsglauben Umgetriebener, ein Schriftsteller mit hehren Zielen.

Doch das war die Lebenslüge seiner frühen Jahre. Der erwachsene Beck, der sich unauffällig und genügsam als Übersetzer von Gebrauchsanweisungen durchschlägt, ist einer anderen Philosophie verpflichtet: Als Erwachsensein nämlich gilt es ihm, sich auf Niederlagen eingestellt und gelernt zu haben, seine Verluste auszuhalten. Allen Vorstellungen von Zukunft ist abzuschwören, Hoffnung höchst lebensgefährlich und daher auszulöschen. Glück ist nichts Großes, sondern eher etwas winzig Kleines und die Jagd nach ihm der "Abstieg in die Hölle". Gefühl ist etwas zu Bekämpfendes. Und Leben bedeutet, sich von der Welt abzuschließen, nicht an ihm teilzunehmen, einen Standpunkt gewissermaßen außerhalb von ihm einzunehmen, um ihm, dem Leben anderer wie dem eigenen, als Unbeteiligter von außen zuzuschauen - als Gebrochener und nicht als Sieger.

Bei solcher Entkleidung seines Lebens von allem Streben nicht etwa unglücklich, sondern durchaus zufrieden zu sein, dazu hat Beck lange üben müssen. "Und zu guter Letzt ist es ihm gelungen. Ohne Bemühung von Gott, Meditation oder seltenen Kräutertees", welche Hilfsmittel er den Betrügern überlässt. Er selber betrügt eben nicht, "er will dem Abgrund ohne Netz und doppelten Boden begegnen". Gleich Sisyphos und dessen ganz irdischen Pendants des Don Juan, des Komödianten und des Eroberers, wie Camus sie als Prototypen des absurden Schicksals beschreibt, muss man sogleich hinzusetzen.

Denn von eben deren unbeirrbarem Versuch, sich zu verlieren und gerade dadurch wiederzufinden, ohne der Versuchung des Sprungs in Metaphysik und Religion zu erliegen, ist auch hier die Rede. Und am Boden des Abgrunds, in den sich Beck seit Jahren fast täglich stürzt - nicht ganz neu als literarischer Ort gleichermaßen der Desillusionierung wie der Spiritualität - das Bordell, die illusionslose Hingabe an den Sex mit dem vollkommen Unvertrauten, um jeder aufkeimenden Regung von Verliebtheit oder gar mehr zu entgehen. Dort nur, wo die Welt sich nicht schöner gibt als sie ist, wo die Welt reduziert ist auf ihre tatsächliche Dimension, nämlich "das Warten auf einen Steifen, das Warten auf einen Orgasmus, das Warten auf den nächsten Steifen", wo Leidenschaft sich in Einsamkeit und Lust in Raserei verwandelt, wird Beck zum spirituellen, mit der Welt verschmolzenen Menschen.

Doch noch einen Schlag weiter wird die Schraube hinabgedreht. Im unkontrollierten, blinden Gewaltrausch sticht Beck der Bordellhure Sosha ein Auge aus, und in diesem Akt der Gewalt, die er später als "die größte Erfolgsstory unserer Geschichte, auch die einzige, die wirklich nachhaltig ist, die nicht ausläuft, sondern weitergeht"; bezeichnet, erlebt er den absoluten Tiefpunkt seiner Desillusionierung und gleichzeitig den Moment des größten Triumphs, der vollkommenen Befreiung. Indem er das Unzulässige, das von der Gesellschaft mit Tabu Belegte dennoch tut, unternimmt er es, "alle Hemmungen abzulegen, alles, was sich angestaut hat, rauszulassen, bar jeder Verantwortung zu explodieren" wie jene Terroristenbombe, die am Ende des Buchs - vorweggenommen aber bereits in einer viele Jahre zuvor von Beck verfassten fiktiven Erzählung - das Amsterdamer Luxusbordell Yab Yum in die Luft sprengt.

Das Bordell in beiden Fällen als der Ort, an dem es zugeht wie in der gesamten Welt, wenn man ihr alle Masken herunterreißt, wenn alle Mitmenschlichkeit und alles Mitleid, Altruismus, Gerechtigkeitsdenken, Demokratie, Frieden und Befriedung, Völkerbefreiung, Religion, Familie, Liebe, Wissen, Innovation und Einzigartigkeitsmythos des Individuums enttarnt sind. Je mehr das heute beredet wird, um so offensichtlicher tritt im Vergleich zur gelebten gesellschaftlichen Praxis der bloße Proklamationscharakter von all dem hervor, in dem die Dialektik dieser ganzen aufklärerisch-sozialen Moderne vor Augen geführt und ihr Zusammenbruch bereits impliziert wird.

Diesen Enttarnungsprozess verfolgt Grünberg über seinen Protagonisten in einem bizarren Handlungsgeschehen, das sich abwechselnd auf der Ebene einer Göttinger Aktualität und einer israelischen Vergangenheit bewegt, mit unfassbarer und vor nichts halt machender fanatischer und dennoch souverän komischer Konsequenz. Die Maxime des Ganzen ist die Einsicht, dass alles nur "von einem Netz großer und kleiner Glaubenssätze" abhängt, die ihn verlassen haben, womit für ihn jeder Grund für irgendeine Handlung entfallen ist. Nun ist das, und das wäre Grünberg bei aller Bewunderung denn doch entgegenzuhalten, seit Kant und Fichte, den Existenzialisten, dem Radikalen Konstruktivismus, der Luhmann'schen Systemtheorie und noch manchem sonst einerseits eine anerkannte Wahrheit, andererseits aber auch nicht weniger als eine Trivialität.

Denn schon längst bewegen wir uns, und vielen ist das inzwischen aufgegangen, nicht mehr unter dem Edikt eines gewissermaßen metaphysischen Wahrheitsbegriffs. Schon längst sind wir daran gewöhnt, unsere Leben, unsere Bilder von der Wirklichkeit nicht mehr gegen die Folie von angeblichen Letztbegründungen abzuchecken. Als entscheidend vielmehr stellt sich immer deutlicher heraus, wie wir mit den selbsterzeugten Bildern der Wirklichkeit, unseren "großen und kleinen Glaubenssätzen" zurechtkommen, wie wir sie kommunizieren, ob sie in Lebenspraxis standhalten oder zusammenbrechen. Daher möchte man Grünberg entgegnen, dass doch wohl beides Not tut: die Entlarvung für jene, die noch immer nicht begriffen haben, doch eben auch die Fortsetzung der Mühen der Ebene bzw. des Rollens des Steins.

Natürlich, darf man wohl sagen, sind alle menschlichen Gedanken wie Handlungen nicht letztbegründbar und in dem Sinne wahrheitsfähig, sondern Irrtum. Im Nachsatz freilich hätte man sogleich aus Schillers Gedicht "Kassandra" zu zitieren: "Nur der Irrtum ist das Leben, // Und das Wissen ist der Tod". Ob auch das bei Grünberg impliziert ist, bleibt zumindest unklar. Denn was hat es zu bedeuten, wenn Beck auf den letzten Seiten des Buchs, nachdem seine Frau/Partnerin gestorben ist, der Asylbewerber ihn verlassen hat, um seine Heimat zu befreien, er selbst alles und jeden einschließlich sich selber demontiert hat und zu guter Letzt auch noch der schmachvollen Demontage durch die Medien anheim gefallen ist, im Nachthemd und in den Schlappen seiner Frau auf die Straße läuft? Es heißt, es würden sich die Krankenpfleger sogleich seiner annehmen und, schließlich im letzten Satz: "und endlich sieht er alles, was er verloren hat". Kommen die Krankenpfleger auch wirklich? Ist Beck irrsinnig geworden? Oder gerade vernünftig? Sehend wohl schon. Doch vom Zurückholen des Verlorenen, auch von dem Bedürfnis nur, ist keine Rede. Der Sprung also, wie bei Sisyphos, ist keine Möglichkeit. Das Verlorene scheint unwiederbringlich verloren zu sein. Doch dass es als Verlorenes überhaupt ausgemacht werden kann, dass diese Erkenntnis sich einstellt, dazu wohl war die vorangehende Demaskierung unausweichlich. Camus' Sisyphos allerdings, und dadurch erst ist er ja so aller Ehren wert, macht weiter, setzt sich aus, unterzieht sich im Schweiße seines Angesichts, ohne höheren Sinn als den des zu lebenden Lebens selbst. Für Beck hingegen ist die Erkenntnis der Absurdität wohl gleichbedeutend mit dem Aus, dem Ende. Und das ist es, was ihn zu einer doch etwas zweifelhaften Figur macht. Wenn nämlich die Denunzierung sämtlicher Werte als unverbindlicher Betrug in das Ende von Grünbergs Protagonisten mündet, dann müsste man die Aufrechterhaltung jener Werte, wie subjektiv immer, umgekehrt auch als Voraussetzung für die Fortsetzung des Lebens betrachten, womit Grünberg, sollte er es denn doch mit dem Leben mehr als mit dem Tod halten, im Untergang Becks letztlich die Unvermeidbarkeit unserer Glaubenssätze für das Leben, ganz im Gegensatz zu Beck selber, anerkennt. Doch explizit ist da, wie es sich für einen Romanschluss gehört, überhaupt nichts, der Leserreflexion vielmehr ein weites Betätigungsfeld eröffnet.

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Arnon Grünberg: Der Vogel ist krank. Roman.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Rainer Kersten.
Diogenes Verlag, Zürich 2005.
496 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 3257861176

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