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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2005 » Fremdsprachige Literatur
 
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Und er wird baden im Licht und in salzigen Wassern

Michel Houellebecqs vierter Roman "Die Möglichkeit einer Insel"

Von Thomas Hermann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die intellektuellen und instinktiven Verfasstheiten des gegenwärtigen Protagonisten in Michel Houellebecqs neuem Roman "Die Möglichkeit einer Insel" sind - als Verfasstheiten eines gegenwärtigen Protagonisten eines Romans von Michel Houellebecq - altbekannt, und das, obwohl der Protagonist diesmal nicht Michel heißt, sondern Daniel: Daniel ist (als Ich-Erzähler) intellektuell allen anderen über und überall außen vor; instinktiv wird er getrieben vom Verlangen nach körperlicher Vereinigung mit einer möglichst schönen Frau. Der Geistesmensch Daniel steht aufgrund seiner selbstgewählten Distanz zum Rest der Welt recht allein da; der Genitalmensch Daniel durchbricht diese Einsamkeit jeweils kurzzeitig im Geschlechtsverkehr mit einer mehr oder weniger schönen Frau.

So wie Michel seinen Michels inniglichst verbunden ist, so wohnt er auch Daniel inne, und da Michel sich mit seinen Michels einen beachtlichen und verdienten Erfolg erschrieben hat, so ist, folgerichtig, auch Daniel nun erfolgreich und reich, und zwar als Michel, als Kommentator der westlichen so genannten Zivilisation. Daniel kommentiert offiziell als Humorist, doch eigentlich lässt er nur seine Verachtung von der Leine, seine allumfassende und alles beleidigende Verachtung. Respektlos, gefühllos, bitter und trocken beleidigt er, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat und Herkunft den Glauben, religiöse und politische Anschauung. "Das Gute an dem Beruf des Humoristen und ganz allgemein an der humoristischen Haltung im Leben ist, daß man sich völlig ungestraft wie eine Drecksau benehmen kann, sich noch dazu die Bösartigkeiten finanziell vergolden oder mit sexuellen Erfolgen vergüten läßt, und das alles mit Zustimmung der Öffentlichkeit."

Daniel heiratet mit 39 die fast gleichaltrige Isabelle; nach sieben Jahren trennt sie sich von ihm, da sie - nach Daniels Meinung völlig zu Recht - glaubt, eine unansehnliche (sie geht ziemlich in die Breite) Belastung (sie hasst sich) für ihn geworden zu sein. Dann trifft der Endvierziger Daniel die über 20 Jahre jüngere Esther, eine spanische Sex-Machine - physisch und psychisch das genaue Gegenteil seiner gealterten Ex - vögelt mit ihr, verfällt ihr und wird schließlich von ihr verlassen, woraufhin er sich umbringt.

So gesehen bietet Houellebecqs Buch nichts Neues. Was auch überhaupt nicht schlimm wäre, da sein Autor es ganz einfach drauf und raus hat, die vermeintlichen Sackgassen der westlichen so genannten Zivilisation ausfindig zu machen und aufzuzeigen, um seine selbstreflexiven Michels oder Daniels sehenden Auges in diese hineinlaufen zu lassen, wo sie dann bei vollem Bewusstsein verenden.

Neu ist eine Ebene, in der die Schilderungen des Hineinlaufens und Verendens mit dem Abstand von 2500 Jahren ausgelegt werden. Die auslegenden Instanzen sind die mittels Klonung hergestellten Wiedergeburten No. 24 und No. 25 Daniels I., dessen Geschichte (s.o.) als autobiografischer Lebensbericht von jedem der ihm abstammenden "Neo-Menschen" gelesen und mit Anmerkungen versehen neu heraus-, und der jeweils nächsten Inkarnation übergeben wird. Die Wiedergeburten machte die Forschungsarbeit eines Wissenschaftlers einer Sekte möglich, der "Elohimiten", zu der Daniel 1 mehr oder weniger zufällig stößt. Bei einem Treffen der Sekte wird er Zeuge der ersten (noch gestellten) Übertragung der Erinnerungen eines toten Alten in dessen geklontverjüngten Körper, und so Zeuge der ersten, von Menschen gemachten Auferstehung vom Tod, und damit zu einer Art Evangelist der sich dann aus der Sekte entwickelnden, weltumspannenden Megakirche. Auch die Nummerierung der Romanabschnitte lässt an die Bibel denken. Auf die Nummer des gerade erzählenden Exemplars folgt die Nummer des Kapitels, so dass man aus dem neuen Houellebecq zitieren kann wie aus einer heiligen Schrift, in der man beispielsweise unter Daniel 1,12 liest: "Ich habe immer Schwierigkeiten mit Jeans und deren großen Metallknöpfen gehabt; sie mußte mir helfen."

Die 2500 Jahre, die zwischen den dreieinigen Erzählern liegen, erlauben es dem Autor, Kommendes zu prophezeien, da die Exemplare 24 und 25 nebenbei aus ihren Leben erzählen und Weltgeschichte referieren. Die Schilderung der Zukunft gehört zu den interessantesten Aspekten des Romans, da Houellebecq vom Jetzt aufs Gleich schließt und die baldigen Katastrophen als in der fiktiven, der realen Gegenwart nicht ganz unähnlichen beginnend sieht. Er vermutet, dass ihre Ursachen in den gesellschaftlichen Verschiebungen und ökologischen Versäumnissen des Anfangs des 21. Jahrhunderts verwurzelt seien - einer Zeit, auf die die späteren Daniels und alle "Neo-Menschen" so zurückblicken, wie die westliche, auf christliche Grundwerte gegründete, aufgeklärte 'Zivilisation' des beginnenden 21. Jahrhunderts zurückblickt auf die Zeit Christi und das frühe Urchristentum.

"Der Elohimismus dagegen war der Freizeitgesellschaft, in der er entstanden war, völlig angepaßt. Er übte keinerlei moralische Zwänge aus und beschränkte das menschliche Dasein nur auf die Kategorien Eigennutz und Begehren, berücksichtigte jedoch das fundamentale Versprechen, das allen monotheistischen Religionen gemein ist: den Sieg über den Tod. Er schloß alle geistigen oder zu Verwirrungen führenden Dimensionen aus und begrenzte die Tragweite dieses Sieges und den Inhalt des Versprechens auf die unbegrenzte Verlängerung des materiellen Lebens, also auf die unbegrenzte Befriedigung der sinnlichen Begierden", heißt es bei Daniel 25,10.

Im dritten Teil des Buchs folgt, nach der angenehmen Verwunderung über Houellebecq'sche Science-Fiction, die totale Überraschung. Houellebecq lässt nämlich erstmals einer seiner Figuren eine Erlösung zuteil werden. Die 25., von Gefühlen vollständig befreite, dank genetischer Manipulation sich von Licht, Wasser und Mineralsalzen ernährende, in einer Festung lebende, mit Seinesgleichen ausschließlich auf elektronischem Wege kommunizierende Inkarnation Daniels bricht aus. Inspiriert vom Lebensbericht seines Stammvaters möchte er wissen, was eine Frau ist, mit allem drum und dran. So macht er sich auf den Weg in die Wildnis, auf die Suche nach einer Kolonie abtrünniger "Neo-Menschen"; anstatt aber Gesellschaft zu finden, findet er die totale Isolation. Körperlich autark und ohne Trieb, Begierde, Verlangen etc. vegetiert er schließlich denkend im völligen Einklang mit allem und überwindet, 2500 Jahre später, die intellektuellen und instinktiven Verfasstheiten Daniels.

Michel Houellebecq erzählt in "Die Möglichkeit einer Insel" eine Geschichte, in der alternde, männliche, impotente, unbeachtete Kulturpessimisten und irgendwie ähnlich Geartete Bestätigung darüber finden, dass die Welt ein einzig Jammertal ist, dessen erwartbare Zerstörung in naher Zukunft die logische und durchaus auch ganz gerechte Folge aus einer Gegenwart ist, in der sie nichts mehr zu melden haben. Junge, weibliche, sexuell aktive, begehrte Kulturoptimisten werden denken, dass man ja nicht gleich so fürchterlich übertreiben muss.

Befindet man sich jedoch selbst irgendwie und irgendwo zwischen den beiden hier konstruierten Extremrezipientenseiten, dann wird man den Roman durchaus mit einigem Genuss lesen können.

Titelbild

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Uli Wittmann.
DuMont Buchverlag, Köln 2005.
380 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 3832179283

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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2005 » Fremdsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 06.10.2005 - 16:52:00
Erschienen am:04.10.2005
Lesungen: 2591
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