Feinarbeit und Schluderei

Willem Frederik Hermans und Simon Vestdijk: Zwei niederländische "Klassiker" von sehr unterschiedlicher Qualität

Von Stephan LandshuterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Landshuter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Willem Frederik Hermans hatte es schon in seinem Erstling gerade nicht darauf angelegt, bei seinem niederländischen Lesepublikum für Herzerwärmung zu sorgen. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb er einen so abgründigen Roman, dass der einheimische Normalleser, der erwartete, den Widerstand gegen die Deutschen ordentlich gefeiert zu sehen, gar nicht wusste, wo ihm in "Die Tränen der Akazien" (1949) der Kopf stand.

Hauptfigur ist der junge Student Arthur Muttah, unehelicher Sohn eines Brüsseler Aristokraten, der in Amsterdam bei seiner hexenhaften Großmutter und seiner von ihm mehr verachteten denn geliebten Halbschwester Carola aufgewachsen ist. Den Großteil des Romangeschehens verfolgen wir aus dessen (sehr beschränkter) Perspektive. Der Leser weiß zwar durch gelegentliche Perspektivwechsel zumindest partiell ein wenig mehr als der Held, gleichwohl ist auch er nicht in der Lage, alle Vorgänge zu durchschauen. Diese gemischte Perspektivierung ist sehr wichtig und sagt schon einiges über die wohl durchdachte Erzählkunst von Hermans.

Der Roman setzt ein im letzten Kriegsjahr, die Deutschen halten die Niederlande noch besetzt und terrorisieren die Bevölkerung. Arthurs Freund Oskar Ossegal - in der ersten Romanhälfte eine Art zweite Hauptfigur - ist (offenbar) für die Widerstandsbewegung tätig und gerät bei einer undurchsichtigen Aktion in Haft. Oskars Motivation für seine Teilnahme am Widerstand scheint ohnehin weniger patriotischer Heroismus zu sein als vielmehr seine Verliebtheit in Carola. Oskar einzuschätzen wird im Romanverlauf immer problematischer, da ein wohl informierter Widerstandskämpfer Oskar als "elenden Feigling" und - schlimmer noch - als "miesen Verräter" bezeichnet. Carolas Rolle wiederum ist ebenfalls schwer zu rekonstruieren: Sie scheint mit dem Widerstand zu sympathisieren, was soll dann aber die Beziehung zu dem Deutschen namens Ernst? Ist dieser nun ein spionierender SS-Scherge oder heimlich übergelaufen?

Genau zum Zeitpunkt der Befreiung der Niederlande tötet Arthur Ernst, allerdings mehr aus Versehen. Ob sich daraus nun eine heroische Tat machen ließe oder ob die Tötung als gemeiner Mord angesehen würde, hinge nun davon ab, welche Rolle Ernst gespielt hat. In einem Fall hätte er einen Feind, im anderen einen Freund der Niederlande zu Tode gebracht. Auf welcher Seite Ernst nun tatsächlich stand, bleibt unklar. Hermans erschütterte mit dieser genial-perfiden Konstruktion das Selbstverständnis der Nachkriegs-Niederländer bis ins Mark, denn er zeigte so, wie relativ das "Heldentum" der Widerständler ist.

Aber Hermans geht noch weiter, er legt seinem Helden Sätze in den Mund, bei denen es selbst heutigen Lesern noch kalt den Rücken hinunterläuft. Wenn in Arthur der Lebensekel kulminiert, dann gibt er Folgendes von sich: "Sie können mir den Buckel runterrutschen mit ihrer ganzen Widerstandsbewegung. Von mir aus soll man sie allesamt in Dachau oder Buchenwald pfählen.", oder an anderer Stelle: "Lieber ein deutscher Soldat als ein schreckhafter Untertan eines kleinen, überrannten Landes!" Starker Tobak, fürwahr! Es ist allerdings wichtig zu verstehen, dass Hermans' Roman nicht einem Schlingensief'schen Hang zur Provokation um der Provokation willen entspringt, sondern sich aus einer grundsätzlichen und tiefen Misanthropie speist, die wiederum Folge einer allumfassenden pessimistischen Philosophie ist. Folgendes Zitat kann als Kernsatz gelesen werden: "Das ganze Leben ist Gift. Ein Mensch ist nichts anderes als eine mit Leben vergiftete Leiche!"

Der Autor weigert sich, an das Gute im Menschen zu glauben, und das, was man das Böse nennt, ist schlicht Folge dieser Absenz. Die Figuren, die in die dunklen, existenzialistischen Romanwelten von Hermans geworfen sind, sehen sich stets einer feindlichen Realität ausgesetzt, die, je mehr sie sie zu ergründen suchen, immer verwirrender wird. Je mehr jemand versucht, einen anderen Menschen zu verstehen, umso weniger erfährt er über ihn. Der Riss der Entfremdung verläuft bei Hermans aber nicht nur zwischen den Menschen, sondern noch schlimmer, er geht sogar durch den Menschen selbst hindurch, denn nicht einmal seine eigene Psyche vermag er adäquat zu bewerten. Arthur Muttah bringt es an einer Stelle auf den Punkt: "Nie, nie würde er genau wissen, was Oskar wußte, dachte, fühlte. Und wenn er das nicht wußte, wußte er auch nicht, was er von sich selbst halten sollte." Ähnlich verhält es sich mit der Liebe: Je mehr die Figuren danach streben, umso weniger bekommen sie sie, wenn denn Liebe nicht überhaupt eine ähnliche Illusion ist wie das Gute.

Der Mensch lebt - so Hermans' viel zitiertes Diktum - eben in einem "sadistischen Universum", also der schlechtesten aller möglichen Welten. Schon in seinem Debüt "Die Tränen der Akazien" überführte Hermans diese Sichtweise in einen fulminanten Roman, dem man die ein oder andere Länge nachsieht. Noch verdichteter und stringenter sollte ihm dies in seinem opus maximum "Die Dunkelkammer des Damokles" (1958) gelingen, wohl einem der besten niederländischen Romane überhaupt, den es gottlob seit einigen Jahren auch in deutscher Übersetzung gibt. Man darf gespannt sein auf die nächsten Übersetzungen der Romane aus der Feder dieses Fürsten der Finsternis, der mittlerweile in der niederländischen Literatur zu Recht einen hohen Rang einnimmt.

Fast zeitgleich mit den "Tränen der Akazien" erschien in den Niederlanden der Roman eines Autors, der dort ebenfalls als "Klassiker der Moderne" gilt und in deutschen Landen praktisch unbekannt ist. Die Rede ist von Simon Vestdijk und dem Roman "Der kupferne Garten" (1950), der in der Sekundärliteratur als eines seiner Hauptwerke gilt - eine Sichtweise, die der 1971 verstorbene Autor teilte. Bei so viel Vorschusslorbeeren durfte man gespannt sein und auf eine ähnliche Neuentdeckung wie im Falle Hermans' hoffen. Doch groß ist die Verwunderung und die Enttäuschung!

Denn Vestdijks um 1900 spielende Geschichte einer musikalischen Initiation eines Jünglings aus gutem Hause und einer gleichzeitig tragisch verlaufenden Jugendliebe kann auf keiner Seite belegen, dass es sich hier um einen bedeutenden Autor handeln soll. Wo bei Hermans selbst in den schwächeren Passagen ein großer erzählerischer Atem spürbar ist, hat man bei Vestdijk selbst in den besseren Kapiteln Mühe, auch nur einen Hauch davon zu bemerken.

In sprachlicher Hinsicht ist der Text konventionell bis dürftig. Der Roman gefällt sich in einem preziösen Plauderton, der allerdings erst dadurch zum Problem wird, weil in ihm so gut wie keine originellen Gedanken und auch kaum geistreiche Formulierungen vorkommen. Marcel Proust - einem der Vorbilder Vestdijks - kann man über Tausende von Seiten folgen in seinem durchaus glattpolierten Parlando, aber nur weil er einen immer wieder zu fesseln vermag durch genaue Beobachtungen, psychologische Einsichten oder intelligente Vergleiche. Von Proust wird nur die gepflegte Oberfläche übernommen, das Wichtigste aber sucht man vergebens: den Tiefgang.

Und wenn sich Vestdijk einmal aufs Glatteis der Metaphorisierung wagt, dann kommen Sätze wie dieser dabei heraus, der kein Einzelfall ist: "Das machte sein Spiel noch unmenschlicher, beunruhigender - elementar wie ein Kristall, der leise klirrend einen endlosen Felsabhang herabrollt, niemals den Boden des Abgrunds erreicht, dann und wann still liegenbleibt und Atem holt auf den letzten schmalen Plateaus vor dem Ende, das kein Ende ist." Wo war nur der Lektor, um dieses semantische Unkraut zu jäten? Der Abgrund ist zunächst "endlos", die zweite Feststellung, dass man "niemals den Boden" erreicht, ist dann in der Präsupposition unsinnig, denn es kann dann ja von vorneherein keinen Boden geben. Dann aber tauchen auf einmal überraschenderweise "letzte Plateaus vor dem Ende" auf, die dann aber doch wieder keine "letzten" sind, da es ja doch "kein Ende" gibt. Und dann noch ein Kristall, der "Atem holt" - Wirrnis durch und durch! Völliger Quatsch ist auch folgende Formulierung: "Ein Mann ist immer allen anderen Männern und Frauen unterlegen, weil er allein dasteht." Proust würde so einen Nonsens nicht einmal gedacht, geschweige denn geschrieben haben.

Auch die Art und Weise, wie Vestdijk mit der Romankonstruktion verfährt, ist viel sagend. Permanent werden Figuren eingeführt, die wieder spurlos verschwinden und als lose Enden im Textgewebe herumhängen. Nirgends entsteht der Eindruck, dass es sich um einen wohl komponierten Text handeln könnte. Und wenn Vestdijk mal mit seiner Geschichte nicht recht weiter weiß, dann legt er seinen Figuren seitenweise Abhandlungen zur klassischen Musik in den Mund, die nur dazu da sind, zu zeigen, wie musikalisch gebildet der Autor ist. Pfauenhaft wird dann mit Fachausdrücken um sich geworfen, gerne in Verbindung mit einer Flut von Adjektiven: Da gibt es dann "höhnische Pizzikati", ein "listig eingeschobenes Moll", einen "verflixt gekonnten Kontrapunkt" "dissonierende Sexten", "aufpeitschende 2/4-Passagen" bis zum Abwinken. In diesen Passagen kommt einem wieder der bekannte Aphorismus von William S. Burroughs in den Sinn, der besagt, dass es ähnlich sinnvoll sei, über Musik zu reden (ergo zu schreiben), wie zu Architektur zu tanzen. Wenn man es so tut wie Vestdijk, stimmt dieses geflügelte Wort gewiss.

Über all das könnte man vielleicht hinwegsehen, wenn es denn wenigstens ein paar Hauptfiguren gäbe, die einem nahe gingen. Aber wohin man blickt, nichts als psychologischer Holzschnitt und allgemeinmenschliche Platitüden aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts. Nirgends wird die Gewalt der Liebe, die doch eine wesentliche Säule dieses Textes sein soll, greifbar. Vestdijk vermag nicht zu vermitteln, warum aus einer Kinderliebe eine Obsession geworden sein soll, der Text behauptet es einfach. Eine Liebesgeschichte, die nicht nachfühlbar wird, ist keine, und die Rührung beim Freitod der Geliebten bleibt auch aus.

Wenn man vor der Lektüre noch Respekt davor hatte, dass Vestdijk in nicht einmal 40 Jahren über 50 Romane schrieb und er den "kupfernen Garten" in nur acht Wochen verfasste, dann schlägt dies danach um: Offenbar handelt es sich bei Vestdijk um einen Schnell- und Vielschreiber, der nicht willens (und fähig?) war, ausdauernd an seinen ersten Entwürfen zu feilen. Nur zum Vergleich: Hermans arbeitete an seinem Erstling 20 Monate und über sechs Jahre an der "Dunkelkammer des Damokles". Qualität braucht - außer bei sehr seltenen Genies - einfach Zeit.

Titelbild

Simon Vestdijk: Der kupferne Garten.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Marianne Holberg.
Arche Verlag, Hamburg 2005.
384 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-10: 3716023264
ISBN-13: 9783716023266

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Willem Frederik Hermans: Die Tränen der Akazien. Roman.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert.
Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2005.
519 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3378006641

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