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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2005 » Literaturwissenschaft
 
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Kleine Schule der Polemik

Stefan Straub untersucht die Methode des Großmeisters Karl Kraus

Von Fabian KettnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian Kettner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es überrascht, dass in den Fachdisziplinen eine Bestimmung dessen, was eine Polemik ausmacht, ungeklärt ist. In Ergänzung wie in Abgrenzung zu erstaunlich dünn formulierten Definitionen möchte Stefan Straub diesen Mangel beseitigen. Dafür hat er sich das Werk eines Autors ausgesucht, der vom Fach ist: "Karl Kraus ist der nach Umfang des Werkes, nach inhaltlichen und nach sprachlichen Kriterien unbestritten bedeutsamste Polemiker deutscher Sprache."

Straub wählte für seine Analyse, eine Dissertationsschrift, drei von Kraus' Attacken aus den 1920er Jahren als Untersuchungsgegenstand: die gegen den Theaterkritiker Alfred Kerr, die gegen den Journalisten Imre (Emmerich) Bekessy und die gegen den Polizeipräsidenten von Wien, Johann Schober. Für sie alle gilt, wie Kraus sagte, dass "sie für die allgemeine Sache [stehen], sie wissen, dass mein Angriff nicht ihrer Person gilt, sondern ihrer aller Gesamtheit."

In allen drei Fällen richtet sich der Angriff zwar auf eine Person, aber Straub weiß, dass die Polemik Kraus' stets die "Behandlung eines Einzelfalls mit weitgehender Bedeutung" war, mit dem Kraus "außerliterarische Ziele" verfolgte. Dass das attackierte Individuum nicht "als Person" Ziel des Angriffs war, sondern nur als Beispiel für allgemeine Praktiken der Presse herhielt, das konnten die Opfer und das kann das Publikum auch heute häufig nicht erkennen.

Damit auch Polemiker in Zukunft wissen, was eine gelungene Polemik ausmacht, hat Straub sechs "allgemeine Gattungsmerkmale" zusammengestellt. Diese geben "wertvolle Hinweise auf gewisse Regeln, denen eine Polemik folgen sollte, wenn sie wirksam sein will"; - denn ansonsten bedient sie ein Publikum, welches gedankliche Arbeit scheut und lieber das Einschnappen der Hohn-Reflexe genießt, wenn bestimmte Reizwörter oder -namen fallen. Neben der schon erwähnten Personalisierung zählt hierzu Aggressivität, die freilich der Argumentation und Glaubwürdigkeit nicht entbehren darf. Hierin liegt ihre Differenz zur bloßen Invektive und zur Insinuation. Der Polemiker bedarf der Belege, der Gegner muss zu Wort kommen, wozu er bei Kraus, der die "Technik des entlarvenden Zitats" ebenso extensiv wie "virtuos" zu handhaben wusste, ausreichend Gelegenheit hatte. Kraus ließ so seine Gegner sich selbst erledigen. Hinzu kommen die Aktivierung von Wertgefühlen und eine konkrete Zielsetzung der Polemik. Kraus gliederte seine Polemik außerdem hin und wieder nach dem Aufbau des klassischen fünfaktigen Dramenschemas und baute schließlich Einzelpolemiken zur "Gesamtpolemik" aus.

Die Arbeit Straubs ist theoretisch und gedanklich schmal; sie bietet trotzdem sehr viel Material. Wer mit Kraus' Werk vertraut ist, wird sich langweilen, weil die Fälle äußerst ausführlich - von der Vorgeschichte bis zum Ablauf der Auseinandersetzung - dargestellt werden. Wer das Werk nicht kennt, bekommt jedoch eine Einführung anhand von drei Musterfällen.

Das Ziel der Arbeit: "eine Beschreibung der Merkmale von Polemik als literarische Form, einen Vorschlag zur Lösung des Gattungsproblems, das seit den Brüdern Grimm von der Germanistik weitgehend ignoriert wurde", wurde erreicht, wenngleich das Wirrwarr weiter bestehen wird, weil jeder unter Polemik - je nach Gusto - etwas anderes versteht. Aber Straub schält aus dem Material des Kraus'schen Werks das Ideal einer Polemik heraus: eine, die man geistig ernst nehmen kann.


Titelbild

Stefan Straub: Der Polemiker Karl Kraus. Drei Fallstudien.
Tectum Verlag, Marburg 2004.
249 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-10: 3828886787

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Letzte Änderung: 15.12.2005 - 17:48:55
Erschienen am:21.11.2005
Lesungen: 3613
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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