Hinwendung zur Welt

Warum Alfred Grosser nicht an Gott glaubt

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bevor der Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler Alfred Grosser, der sich seit Jahrzehnten um Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland bemüht, einen "atheistischen Blick auf die Christen" wirft, setzt er sich mit dem Judentum, dem Christentum und der christlichen Bewältigung der antisemitischen Vergangenheit auseinander.

Er selbst sei, bekennt er, ein "jüdisch geborener, mit dem Christentum geistig verbundener Atheist" und fühle sich als mitwirkender Außenstehender im französischen Katholizismus zu Hause. "Die meisten meiner Freunde", schreibt er, "sind engagierte Gläubige, insbesondere im Priesteramt."

Da er zwar als Jude geboren, aber in seiner Jugend zu keiner Ausübung des jüdischen Glaubens angehalten wurde, sei ihm das Judentum fremder als das Christentum.

Gleichwohl zeitigt die jüdische Identität für den mit seinen Eltern aus Hitlerdeutschland nach Frankreich emigrierten Grosser in beiden Ländern mitunter ärgerliche Spannungen. In ihm selbst seien zwei Haltungen, zwei Richtungen gleichzeitig vorhanden: die Leidenschaft für moralische Betrachtungen und die Vorliebe für christliche Antworten auf fundamentale moralische Fragen. Auf der anderen Seite habe er seinen Atheismus "immer ruhig gelebt und gedacht".

Grosser legt genau dar, warum er kein gläubiger Mensch sein kann. Der Begriff der Schöpfung ist ihm fremd. Mit der Schrift, der Auferstehung und dem Heil hat er genauso seine Schwierigkeiten wie mit der Überzeugung, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes sei. Denn Grosser ist davon überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Auch schreckt er auf, wenn von der "Frohbotschaft unseres Herrn Jesus Christus" die Rede ist, "wo doch die neuesten und hoch gepriesenen Werke darlegen, dass keine der Jesus zugeschriebenen Formulierungen als völlig authentisch bewiesen ist". Überhaupt sei das 20. Jahrhundert wie kein anderes eines des menschlichen Leidens gewesen, das unweigerlich pessimistische Gedanken über die Natur des Menschen erzeugt und mehr als je zuvor die Gott zugesprochene Güte in Frage stellt.

In der Bibel haben ihn gerade jene Abschnitte schockiert, manchmal sogar empört, die von Rache und Gewalt handeln und deutlich machen, dass "ethnische Säuberungen" nicht erst eine Erfindung der Moderne sind. Da wird beispielsweise in einem Psalm die unvergängliche Liebe Gottes besungen, die sich im Tod aller Soldaten und Reiter Ägyptens erwiesen habe.

Grosser zeigt sich ebenfalls davon irritiert, dass sich viele Päpste und Theologen der Moral bemächtigt hätten, weil sie der Überzeugung seien, dass die sittliche Ordnung nur in Gott Bestand habe und allein ihr Gott die zentrale Quelle aller menschlichen Moral sei. Den Glauben an Gott hält Alfred Grosser zur Begründung der Moral nicht für notwendig. Dazu bedarf es in erster Linie der Vernunft, befähigt sie doch den Menschen, die Welt zu erkennen und zu beherrschen und ein besseres Leben zu führen in der Zeitspanne, die ihn vom Tod trennt.

Apropos Tod: Auch hier hat Grosser einige Schwierigkeiten mit den unterschiedlichen Bedeutungen, die Christen dem Tod beimessen, da er der Meinung ist, dass die Sicht des Lebens aus der Perspektive des Todes ein wunderbarer Ansporn sei, auch oder vor allem dann, wenn er das endgültige Ende des eigenen Seins darstellt. In diesem Zusammenhang beruft er sich auf Epikurs Ausspruch "Wenn wir sind, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr", und auf Simone de Beauvoir, die nach dem Tod von Sartre mit folgender Aussage Gläubige entsetzte, die aber Alfred Grosser zutreffend findet: "Sein Tod trennt uns. Mein Tod wird uns nicht wieder vereinen. Es ist schon sehr schön, dass unsere Leben so lange im Einklang waren." Diese Einstellung hindere Menschen natürlich nicht daran, mit allen Fasern am Leben zu hängen. Das Bedauern, eines Tages abtreten zu müssen, weise vielmehr auf die Freude am Leben und nicht auf die Angst vor dem Tod hin.

Der französische Autor nimmt verschiedene Formen des Christentums unter die Lupe und benennt, was ihn daran ärgert, wie etwa die immer noch strenge Ablehnung der Priesterehen sowie die autoritären Strukturen der katholischen Kirche. Ferner äußert er sich über die Stellung von Maria im Christentum, über Lourdes, das Gebet und die Spiritualität, "die weder die Christen noch die Religionen im Allgemeinen für sich pachten sollten".

Dabei nimmt er zu vielen, vielleicht allzu vielen politischen und gesellschaftlichen Fragen Stellung: zum Irakkrieg, zu Fragen der Bioethik, zur Abtreibung und Empfängnisverhütung.

Was Alfred Grosser jedoch zuweilen gefangen nimmt und beeindruckt, das sind manche Gebete und religiöse Musik, und er gesteht: "Ich kann mich in der religiösen Musik wohl fühlen und in ihr eine Quelle des inneren Lebens finden, aber auch in der, die nicht von Religion inspiriert ist." Schließlich seien weder die Kenntnis der Theologie noch die Kenntnis der musikalischen Struktur notwendig, um zum eigenen Inneren zu gelangen.

Gleichzeitg stellt er den Momenten der inneren Einkehr die Hinwendung zur äußeren Welt gegenüber, das Engagement in der Politik, die die Aufgabe habe, die Probleme der Gegenwart und der Zukunft zu bewältigen, soziale Ungerechtigkeit abzubauen und die Freiheit zu sichern und auszuweiten.

Alfred Grosser äußert viele kluge Gedanken in seinem inhaltsreichen Buch. Gleichwohl kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er all das zu Papier gebracht hat, was ihm auf den Nägeln brennt und was er mit Juden und Nichtjuden erlebt und erfahren hat. Er zitiert häufig, fügt viele Texte ein und nennt Namen über Namen. Zugegeben, einiges hätte man sich kürzer und prägnanter gewünscht.

Dennoch - lesenswert und anregend ist Grossers Buch allemal.


Titelbild

Alfred Grosser: Die Früchte ihres Baumes. Ein atheistischer Blick auf die Christen.
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005.
280 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3525569599

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