Respektvolle Würdigung

Kurt Sontheimer wirbt für Hannah Arendt

Von Alexandra PontzenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Pontzen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Werbetexte müssen nicht per se belanglos sein, übertreiben oder gar lügen. Der im Mai 2005 verstorbene Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer hat eine Würdigung Hannah Arendts (1906-1975) hinterlassen, die sich offen zu ihrer Werbeabsicht im Interesse des Piper Verlags München bekennt, der heute den überwiegenden Teil der in deutscher Sprache vorliegenden Veröffentlichungen Arendts anbietet. Sein Buch, schreibt Sontheimer im Vorwort, verdanke sich der Anregung durch den Verlag, denn in dessen Arendt-Programm fehle bisher ein in die Lebens- und Geisteswelt der - 1941 in die Vereinigten Staaten geflohenen - deutsch-jüdischen Philosophin und politischen Publizistin einführendes "orientierendes Begleitbuch". Diese Lücke solle seine Darstellung schließen. Dabei wolle er sich auf das Wesentliche konzentrieren und dieses einem breiten interessierten Publikum "so verständlich wie möglich" darbieten. Das sei um so wünschenswerter, da manche der inzwischen zahlreichen Interpreten Hannah Arendt komplizierter schreiben wollten als diese selbst.

In der Tat zeichnet sich dieser Abriss von Leben und Werk der berühmten Autorin durch große Verständlichkeit aus; letztere wird überdies noch durch einen ausgeprägten Hang zu Wiederholungen gefördert. So erfährt der Leser mehrfach, wenn auch in unterschiedlichen Kontexten, dass Arendts lebenslange wehrhaft-offensive Einstellung gegenüber jeglichen Erscheinungen des Antisemitismus auf die Erziehung durch ihre Mutter zurückgeht. Ähnlich verfährt das Buch mit anderen Einzelheiten aus Arendts geistigem Werdegang und menschlichem Umfeld. Dagegen fallen die Resümees zu Arendts großen Hauptwerken eher knapp aus. Sontheimer beschränkt sich auf die Explikation weniger philosophischer Grundgedanken, zum Beispiel auf den Begriff des Politischen in der "Vita activa" (1960), erspart dem Leser Auseinandersetzungen mit der Forschungsliteratur und hält sich mit eigenen fachwissenschaftlichen Urteilen zurück. Das gilt insbesondere für Arendts Schlüsselwerk, die "Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft" (engl. 1951, dtsch. 1955), dessen Umstrittenheit bei Historikern und Politologen er so oft hervorhebt, dass der Leser nicht umhin kann, auf den Autor selbst seine Rückschlüsse zu ziehen, zumal dieser immer wieder die Epitetha "eigenwillig", "originell" und "mutig" für die "Denkerin" bemüht.

Nur einmal gibt Sontheimer seine vornehme Zurückhaltung auf: in Bezug auf Arendts Vorwort zur englischsprachigen Ausgabe von Karl Jaspers' "Wohin treibt die Bundesrepublik?" (1966). Ihr Eintreten für die "dramatisierende Jasperssche Fehlprognose" sei zwar ein "gutgemeinter Freundschaftsdienst" gewesen, doch ihre Unterstellung, die Bundesrepublik ziele von Anfang an auf eine Wiederholung der Republik von Weimar, entstelle die Tatsachen "in nicht zu entschuldigender Weise". Hier konnte sich der streitbare Kritiker des linksliberalen Mainstream-Denkens ("So war Deutschland nie. Anmerkungen zur politischen Kultur der Bundesrepublik", 1999) denn doch nicht zurückhalten.

Allerdings: So schwer sich Sontheimer mit der Wissenschaftlerin Arendt tut, er kennt sehr wohl ihren geistigen Rang und das Format ihrer Persönlichkeit und weiß dem Leser beides anschaulich und angemessen vor Augen zu führen. Insofern ist seine Zurückhaltung als Fachkollege verständlich, denn er ist sich der Außerordentlichkeit von Arendts geistiger Physiognomie bewusst, für sie will er Verständnis wecken: "Ihr Werk verweist auf die Einzigartigkeit der Person, die sich dahinter verbirgt, und damit auf die Leidenschaftlichkeit ihres Denkens und ihrer Existenz. Es ist die hinter dem Werk stehende Existenz, die spürbar wird, wenn man ihre Schriften studiert, und die erklärt, warum Hannah Arendt in der Verbindung von Werk und Person eine so starke Anziehungskraft entfaltete."

Fazit: Sontheimers Würdigung Hannah Arendts klingt etwas gewunden, ist aber ehrlich und genießt überdies den Vorzug, den richtigen Punkt getroffen zu haben. Der Leser, der sich mit einem strahlend intelligenten, gebildeten, couragierten und unabhängigen Geist bekanntmachen will, ist mit Sontheimers Buch gut bedient. "Es hat außer dem leicht lesbaren Text noch 32 Abbildungen, nur 101 Anmerkungen, eine Auswahlbibliographie, eine Zeittafel, ein Personenregister und ein kommodes Lesebändchen zu bieten."


Titelbild

Kurt Sontheimer: Hannah Arendt.
Piper Verlag, München 2005.
292 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3492043828

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