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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2006 » Deutschsprachige Literatur
 
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Der Medienprofi

Mit Moritz Rinke im Reformhaus

Von Frank Hertel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 36 Kurzartikel dieses Buches sind zum größten Teil im "Tagesspiegel" der letzten drei Jahre erschienen und eher lustig. Man hört schon regelrecht die Leser sagen: "Du, der ist echt witzig." Insgesamt tendieren die Geschichten, Reportagen und kleinen Stücke ins Seichte, Leichte und Sanfte. Das Reformhaus, in dem der Autor Madonnas Aura spürte, ist ein treffendes Bild für seine Denkweise: Er will das System nicht zerschlagen, sondern nur ein wenig verbessern. Er befürwortet Reformen, nicht Revolutionen, und damit fährt man immer gut im deutschen Medienzirkus.

Moritz Rinke zumindest scheint es fantastisch zu gehen. Er fährt zu den Festspielen nach Bayreuth und besucht gleich den Erotik-Shop "Joy" gegenüber vom Bahnhof. In New York ist er zur Grundsteinlegung des Freedom Towers. Auf Bali lässt er sich in einem zum Prachthotel umgeweihten Göttertempel massieren. Alles in allem das ganz normale Jet-Set-Leben eines Globalisierungsgewinners. Niemand stört sich daran. Aber dann diese Texte! Er sucht die Solidarität des kleinen Mannes, schimpft über Amerika unter Bush, beklagt das Gebaren Josef Ackermanns, macht sozusagen auf Arbeiterklasse, Currywurst und Dosenbier - und verspielt damit seine Glaubwürdigkeit.

Sein "Café Umberto", das zur Zeit die Feuilletons auf- und abreist, ist ein Anti-Hartz IV-Stück und in etwa nach der selben Masche gestrickt. Wie sollte es auch anders sein? Rinkes Attitüde wirkt unaufrichtig und rein erfolgsorientiert. Seine Leser sind in der Mehrzahl vermutlich keine globalen Jetsetter, sondern gebildete Durchschnittsverdiener mit politisch korrektem Weltbild, und diese Zielgruppe will bedient sein. Es wird wohl die Zielgruppe Michael Moores sein, die die Großen gerne mal durch den Kakao gezogen sieht, aber ansonsten brav zur Arbeit geht. Die Mehrheit also. "Das große Stolpern" verkauft sich relativ gut.

Es handelt sich also um Unterhaltung, und die ist auch wirklich gewährleistet. Viele Stellen sind tatsächlich lustig, und man merkt, dass Rinke vor allem ein humoristisches Talent besitzt. Das "Politikerderblecken" gelingt ihm sehr gut. Wenn er schildert, wie ihm Otto Schily im Kino auf den Fuß tritt und eine Minute darauf stehen bleibt oder er in einem kleinen Stück Jürgen Trittin als Jürgen Trittel verkleidet, kann man lachen. Einmal sitzt er in der Nähe von Gerhard Schröder und stellt fest: Der Mann hat keinen Geruch. Das ist schon komisch. Überhaupt zeigt Rinke eine unglaubliche geistige Wendigkeit und Wachheit. Mit Max Goldt kann er es locker aufnehmen. Oder ist es umgekehrt? Seine Botschaft passt gut zum medialen Zeitgeist: Freut euch des Lebens, ihr habt nur eines! Was soll man dagegen einwenden?

Mit einigen kleinen Abstrichen hat die Lektüre Spaß gemacht. Und wenn ein Autor das zustande bringt, ist er (in spaßigen Zeiten zu Recht) ein erfolgreicher Medienprofi.


Titelbild

Moritz Rinke: Das große Stolpern. Erinnerungen an die Gegenwart.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005.
194 Seiten, 8,90 EUR.
ISBN-10: 3462036289

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Letzte Änderung: 16.12.2005 - 18:52:00
Erschienen am:09.12.2005
Lesungen: 8866
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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