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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2006 » Fremdsprachige Literatur » Zum 70. Geburtstag Marge Piercys
 
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A Shameless Free Person

Der US-amerikanischen Meisterautorin Marge Piercy zum 70. Geburtstag

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Fünfzehn Jahre war Marge Piercy alt, als sie "a room of my own" bekam. Damals begann sie zu schreiben. Lyrik, Prosa, später auch Essays, ein Stück und schließlich eine Autobiografie. Für die Texte des Teenagers interessierte sich seinerzeit niemand. Und noch in den 1960er Jahren bekam die damals in Boston lebende feministische und bei den "Students for a Democratic Society" gegen den Vietnam-Krieg engagierte Autorin ihre Manuskripte von den Verlagen regelmäßig zurückgeschickt - bis 1968 mit "Breaking Camp" ihr erster Gedichtband angenommen wurde. Schon ein Jahr darauf folgte neben einem weiteren Band mit Gedichten ihr erster Roman "Going Down Fast". Da Piercy den Verdacht hegte, dass ihre bisherigen Romane wegen ihrer feministischen Sichtweise abgelehnt worden waren, hatte sie diesmal einen männlichen Protagonisten gewählt. Mit - für Verlage und Lektoren allerdings beschämendem - Erfolg.

Seitdem folgt Buch auf Buch. Inzwischen liegen unter anderem 15 Gedichtbände und 17 Romane vor, von letzteren etliche auch in deutscher Übersetzung. Im Herbst 2005 hat die Erfolgsautorin mit dem Roman "Sex Wars" das bislang letzte Glanzlicht ihres umfangreichen Œuvres gesetzt. Die Konzession, eine männliche Figur zum Protagonisten zu machen, hat Piercy schon lange nicht mehr nötig. Darum wählt sie aber nicht ausschließlich Frauen als HeldInnen. Und wenn Piercy feststellt, "all fiction has a political dimension" und jeder ihrer Romane entwickele sich aus einer Idee oder aus einem Thema, so bedeutet das noch lange nicht, dass ihre Figuren bloße TrägerInnen einer politischen Botschaft oder nichts weiter als PropagandistInnen einer Idee wären. Im Gegenteil. In jeder ihrer Figuren pulsiert das Blut des Lebens. So konstatiert die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek denn auch, Piercy habe "eine wunderbare und zum Teil auch sehr amüsante Methode gefunden, das Politische mit dem Privaten dialektisch zu verknüpfen in dem Sinn, dass das Politische immer auch privat und das Private immer auch politisch ist".

Der eigentliche Durchbruch gelang Piercy Mitte der 1970er Jahre mit einem Sci-Fi- und Zeitreise-Roman. Zu einer Zeit also, in der positive Utopien noch hoch im Kurs standen. Auch bei Feministinnen. Monique Wittig hatte schon 1969 die lesbisch-feministische Utopie "Les Guérillères" (dt. 1980 unter dem Titel "Der Aufstand der Balkis") und 1976 gemeinsam mit Sande Zeig ein augenzwinkerndes "Brouillon pour un dictionnaire des amantes" (1975, dt. "Lesbische Völker" 1983) verfasst, während Sally Miller Gearhart 1979 mit "The Wanderground" (dt. "Das Wanderland. Geschichten von den Hügelfrauen" 1982) die phantastisch anmutende Utopie einer Gesellschaft telepatisch begabter und mit Bäumen kommunizierender Frauen vorlegte. Keiner der in diesem Jahrzehnt publizierten feministischen Entwürfe einer erstrebenswerten künftigen Gesellschaft war jedoch so erfolgreich und wohl auch so umfassend wie Marge Piercys Roman "Woman at the Edge of Time" (1976, dt. "Frau am Abgrund der Zeit" 1986). Mattapoisett, ein im Jahre 2137 an der Ostküste der USA gelegenes und von kaum mehr als 500 Seelen bewohntes Dorf, umweht trotz gentechnisch geschaffener Nutzpflanzen und anderer technologisch-biologischer Entwicklungen das ökologisch-anheimelnde Flair einer Landkommune der 1970er Jahre. Familienverhältnisse im heutigen Sinne kennt diese Gesellschaft nicht und sogar die menschliche Biologie wurde verändert. So gibt es keine natürlichen Geburten mehr - Kinder kommen statt dessen in "Brütern" zur Welt - und Männer habe ebenso wie Frauen Brüste, mit denen sie den Nachwuchs stillen. Stets bleibt in der Schwebe, ob die zukünftige Welt von der in der Gegenwart psychiatrisierten Protagonistin nur halluziniert wird oder ob ihre Zeitreisen tatsächlich stattfinden. Dass jede Figur der Zukunft ihr Pendant in der Gegenwart besitzt, könnte für ersteres sprechen. Doch wie dem auch sei, der 1986 erstmals bei Heyne auf Deutsch erschienene und seit 1996 im Argument Verlag in besserer Übersetzung vorliegende Roman wird von der einen oder anderen Feministin noch heute als anziehendster utopischer Entwurf gerühmt.

Piercy selbst möchte ihr Buch allerdings nicht als Utopie verstanden wissen. Es sei "not really utopian", erklärte sie 1986 in einem Interview mit Kay Bonetti. Sie sei nicht "interested in truly describing an utopian or best case" gewesen. Vielmehr sei es ihr darum gegangen, den feministischen Ideen, "that are my favorite ones", Gestalt zu verleihen. Erst als die Interviewerin auf ihrer utopischen Lesart beharrt und zu deren Bekräftigung Margaret Atwood als autoritative Beglaubigungsinstanz zitiert, die das Buch ebenfalls als Utopie gelesen habe, macht Piercy das implizite Zugeständnis, "its not utopian in the same sense a lot of utopians had been", und erklärt, warum: "It's not steady or fixed, it's a changing society", in der es zudem immer noch ungelöste Probleme gibt. Genau diese Momente sollte die deutsche Politikwissenschaftlerin Barbara Holland-Cunz wenig später zu den Charakteristika zählen, die feministische Utopien von den herkömmlichen und überkommenen (Staats-)Utopien unterscheiden.

Anfang der 1990 Jahre jedoch scheinen auch die feministischen Utopien aufgebraucht. So ist Piercys zweiter, dem Andenken Primo Levis gewidmeter, Sci-Fi-Roman "He, She, and It" (1991, dt. "Er, Sie und Es" 1993) nicht nur vielschichtiger als "Frau am Abgrund der Zeit", sondern mit seiner von Konzernen beherrschten, postapokalyptischen Welt nicht etwa utopisch, sondern - ganz im Gegenteil - dystopisch. 'Utopische' Momente beschränken sich nunmehr auf kleine Widerstandsinseln wie etwa die - wie Mattapoisett - an der amerikanischen Ostküste liegende "freie Metropole" jüdischer BürgerInnen "Tikva", deren hebräischer Name "Hoffnung" bedeutet, oder eine aus Palästinenserinnen und Jüdinnen bestehenden Gesellschaft im vom atomaren Feuersturm verbrannten Nahen Osten - ein Amazonengeschlecht, deren Angehörige dort nur überleben können, weil die Frauen bereits die Eizellen gentechnisch verändern und so an die Umwelt angepasste Mutationen schaffen. Die beiden Handlungsebenen des Romans - die durch Treibhauseffekte zerstörte und von Multinationalen Konzernen beherrschte Welt des Jahres 2059 und das Prager Ghetto zur Zeit des Golems - sind auf komplexe Weise mit einander verknüpft. So wurde "He, She, and It" aus guten Gründen mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichnet, der die "best Science Fiction Novel in the United Kingdom" ehrt. Auch dürfte es sich um den von LiteraturwissenschaftlerInnen wohl am meisten rezipierten feministischen Sci-Fi-Roman der 1990er Jahre handeln.

In Piercy primär eine Sci-Fi-Autorin zu sehen, würde die Vielfalt ihres literarischen Œuvres jedoch eklatant verkennen, das etwa auch drei historische Romane umfasst. Sie spielen zur Zeit der französischen Revolution, während des Zweiten Weltkriegs oder im New York der 1860er und 70er Jahre, als Elisabeth Cady Stanton gemeinsam mit ihrer Freundin Susan Brownell Anthony die "National Women Suffrage Association" gründete und die legendäre Feministin und femme scandaleuse Victoria Woodhull für Furore sorgte. Die drei Frauen bilden zusammen mit Anthony Comstock, der im Namen des Herren gegen Buhlerei und Fleischeslust durch die Stadt zog, und einigen weiter ProtagonistInnen das Personal von "Sex Wars". Aber, so sagte Piercy in einem Interview zu ihrem jüngsten Buch, "I'm not a historian, I'm a novelist. I get into my characters". Auf historische Genauigkeit verzichtet sie dennoch nicht.

Kein Werk zeigt dies deutlicher als ihr opus magnum "Gone to Soldiers": (1987, dt. "Menschen im Krieg" 1995). Die Handlung des monumentalen Epos' von annähernd 1.000 Seiten spannt sich räumlich über die USA, Europa sowie über die Pazifische Insel-Welt und bietet nicht weniger als zehn ProtagonistInnen auf, deren Leben, Leiden und Kämpfen die Autorin durch die Jahre des Zweiten Weltkrieges folgt - darunter Literatinnen, Studentinnen, Marineinfanteristen, Mitglieder der jüdischen Resistance in Frankreich sowie Arbeiter und Arbeiterinnen in der amerikanischen Rüstungsproduktion. Sie alle sind über die Kontinente hinweg durch ein vielfältig geknüpftes Netz erotischer, freundschaftlicher und familiärer Beziehungen miteinander verbunden.

Mehr noch als in früheren Werken brilliert Piercy in "Gone to Soldiers" mit einer komplexen und virtuos durchkomponierten erzählerischen Gestaltung, die sie in den beiden nur auf den ersten Blick ähnlich konstruiert wirkenden Romanen "The Longings of Women" (1994, dt. "Sehnsüchte" 1996) und "Three Women" (1999, dt. "Stufen aus Glas" 2001) ebenso beizubehalten versteht wie in "He, She and It". Ausnahmslos Romane, deren Figuren zudem mit seltener Tiefenschärfe gezeichnet sind, ohne dass die Charaktere jedoch ihre unausleuchtbaren Abgründe verlieren würden.

Gleiches gilt allerdings nicht weniger für ihren bereits 1982 erschienen Roman "Braided Lives" ( dt. "Donna und Jill" 1994). Dies vielleicht, weil er, wie Piercy in einem Interview Mitte der 1980er bekannte, von allen ihren Werken "closest" an ihrem eigenen Leben ist.

Das traf genau bis ins Jahr 2003 zu, in dem ihre wunderbare Autobiografie "Sleeping With Cats" erschienen ist. Zwar kommt Piercys literarisches Schaffen hier kaum vor. Doch dafür lernt man eine unprätentiöse, sympathische Frau mit einer ebenso bewegten wie bewegenden und dabei immer widerständigen Geschichte kennen, die seit einigen Jahrzehnten auf einem ländlich-idyllischen Anwesen bei Cape Cod an der amerikanischen Ostküste lebt - in dessen Garten sie vermutlich die Inspirationen zu Mattapoisett und Tikva fand -, die aber gleichwohl noch einen zweiten Lebensmittelpunkt im metropolitanen Boston hat, und die Katzen ebenso liebt wie Menschen. Anders als manchem Katzen- oder wohl mehr noch Hundefreund gelten ihr die Tiere jedoch nicht als die besseren Menschen. So sind ihre Memoiren auch "all those I have loved" gewidmet, "two- and fourfooted". Nach der Lektüre des Buches bewunderte ihre feministisch-literarische Kollegin Marilyn French Piercy als "shameless, that is, she is that rarity, a free person."

Am 31.März begeht diese schamlos freie Person, die zugleich eine der exzellentesten zeitgenössischen AutorInnen nicht nur der USA ist, ihren 70. Geburtstag. Wir gratulieren herzlich, wünschen ihr noch viele Jahre voller Freunde der Spezies Katzen und Menschen - und uns noch zahlreiche Bücher aus ihrer Feder.


Titelbild

Marge Piercy: Donna und Jill.
Argument Verlag, Hamburg 2005.
640 Seiten, 15,50 EUR.
ISBN-10: 3886194825

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http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9182


Letzte Änderung: 28.02.2006 - 19:08:27
Erschienen am:22.02.2006
Lesungen: 5301
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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