Eine theatergeschichtliche Fundgrube

Ausgabe der "Gesammelte Schriften" von Siegfried Jacobsohn

Von Alexandra PontzenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Pontzen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit der "Weltbühne", der renommierten radikaldemokratischen Wochenschrift der Weimarer Republik, assoziiert man heute so bekannte Autoren wie Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzki. Ihr Ruhm überschattet Siegfried Jacobsohn, der die Zeitschrift 1905 gegründet und bis zu seinem Tod im Jahr 1926 herausgegeben hat. Die umfängliche Ausgabe seiner Schriften ist zwar einerseits geeignet, die Erinnerung an ihn aufzufrischen, sie macht aber andererseits verständlich, warum sein Nachruhm verblasst ist: "Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze". Dem Kritiker des Mimen auch nicht, und ungeachtet allen politischen Engagements ist Jacobsohn hauptsächlich als Theaterkritiker hervorgetreten. Knapp anderthalb Jahrzehnte trug sein Blatt den programmatischen Titel "Die Schaubühne". Allerdings nahm die politische Tendenz zu, was dann 1918 zur Abwandlung des Titels in "Weltbühne" führte. Jacobsohns eigene Beiträge jedoch blieben vorwiegend theaterkritisch.

Der Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte einen Höhepunkt der dramatischen Literatur, des Theaters und der Theaterkritik. Dramatiker wie Hauptmann, Schnitzler, Wedekind und Hofmannsthal sowie Theaterleiter wie Otto Brahm und Max Reinhardt mussten sich dem Urteil von Kritikern wie Fritz Mauthner, Paul Schlenther, Alfred Kerr, Julius Bab, Herbert Ihering und nicht zuletzt Jacobsohn stellen. Das öffentliche Interesse war lebhaft, wie schon die große Zahl der Bühnen in dem zur führenden deutschsprachigen Theaterstadt avancierten Berlin beweist: Der Registerband der Ausgabe nennt über 80 Theater, Theatervereine und Aufführungsorte. Wie das Betreiben von Theatern gewinnbringend sein konnte, so versprach auch die Herausgabe einer Theaterzeitschrift, kein brotloses Geschäft zu werden. Doch für den Enthusiasten Jacobsohn war das ein Nebenaspekt. Vielmehr ging es ihm darum, das Theater den Geschäftsleuten zu entreißen und "wieder zur Würde eines Kunstinstituts zu erheben". Damit knüpfte er an die hohen Erwartungen an, die man in Deutschland seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts mit dem Theater verband.

Einer von ihm erzählten Anekdote zufolge hätten sich er und seine Finanziers bei Gründung des Blattes zum Notar begeben, ohne für ihr Unternehmen einen Namen zu haben. Erst die Frage des Notars: "Ja, warum sagen Sie denn nicht einfach: Schaubühne?", habe zur Namensgebung geführt. An solche Spontaneität zu glauben fällt schwer. Bereits seine der Zeitschriftengründung vorausgehende Arbeit über das "Theater der Reichshauptstadt", die einen informativen und bequem zu lesenden Überblick über die Theatergeschichte Berlins von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende bietet, beschließt Jacobsohn mit der Hoffnung auf eine "Schaubühne", "die als kulturelle Anstalt betrachtet werden darf, als Fest und Gericht unseres Lebens". Der Anklang an Schillers Schrift "Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet" ist unüberhörbar, und eben dieser Schrift ist das der "Schaubühne" vorangestellte Motto entnommen: "So gewiss sichtbare Darstellung mächtiger wirkt als toter Buchstabe und kalte Erzählung, so gewiss wirkt die Schaubühne tiefer und dauernder als Moral und Gesetze." Ähnlich wie Schiller wollte Jacobsohn trotz der Forderung nach Autonomie der Kunst deren letztendlich gesellschaftliche Wirkung nicht in Frage stellen.

Doch ein pietätvoller Jünger Schillers war er nicht. Obschon sein erster Theaterbesuch einer Aufführung des "Wilhelm Tell" galt und diese in dem Neunjährigen die Leidenschaft für das Theater weckte, schrumpfte seine Schiller-Verehrung im Laufe der Jahre beträchtlich. Lediglich die Jugenddramen blieben in Gunst, für die späteren Stücke fand er scharfe Worte der Ablehnung. So ertrug er "Wilhelm Tell" nur in der Inszenierung von Gerhart Hauptmann und wünschte sich eine solche Bearbeitung auch für "Wallenstein". Uneingeschränkt war sein Verriss der "Braut von Messina", deren "Mumienhaftigkeit" selbst eine Inszenierung von Reinhardt nicht zu vertuschen vermöge: "Rechts Zitate, links Zitate, in der Mitte auch Zitate."

Der Umgang mit Goethe blieb zwar respektvoller, aber auch hier richtete sich Jacobsohns Interesse auf frühe Stücke wie "Clavigo". Von einer Treueverpflichtung gegenüber Texten und Autoren hielt er wenig. Als Inszenierungsideal von klassischen Stücken schwebte ihm vor, sie so zu spielen, als wären sie zeitgenössisch: "Seht nicht aus Schiller das achtzehnte Jahrhundert heraus", heißt es einmal, "sondern seht euch in Schiller hinein." Eine Forderung, die heute fast banal klingt, damals aber als Absage an den trotz Nietzsche immer noch virulenten Historismus ihre Berechtigung hatte.

Die Besprechung einer Aufführung verbindet Jacobsohn meist mit einer Bewertung des gespielten Stücks. Er ist somit auch Literaturkritiker, und als solcher lesenswert. Seine originelle Charakterisierung von Kleists "Prinzen von Homburg" als "historisches Preußenlustspiel" ist z. B. eine Interpretation, über die nachzudenken lohnt. Seine Treffsicherheit erfreut auch dann, wenn das Vorgebrachte in der Sache weniger überrascht.

Die Ausgabe bietet reichlich Material zur Rezeptionsgeschichte dramatischer Literatur. Trotz gelegentlicher Abweichungen herrscht der übliche Kanon. Neben Kleist erfreuen sich Büchner und Hebbel hoher Wertschätzung. In der Weltliteratur ist Shakespeare das Nonplusultra, während Molière als zweit-, wenn nicht gar als drittrangig eingestuft wird. Unter den Zeitgenossen nimmt Ibsen einen ehrenvollen Platz ein, und die Entwicklung Strindbergs wird mit Sympathie verfolgt. Eine Vorliebe hat Jacobsohn für den Witz von G. B. Shaw, obwohl er nicht blind für dessen dramatische Schwächen ist. Deutschsprachige Zeitgenossen haben es schwerer. Lob wechselt mit Tadel, wobei die Neigung herrscht, einen Autor gegen sich selbst auszuspielen und den Abfall von einem einst erreichten Niveau zu beklagen, so etwa bei Wedekind und Sternheim. Expressionistische Stücke stoßen mehrheitlich auf Ablehnung; schon die Begriffe "Expressionismus" und "expressionistisch" provozieren polemische Seitenhiebe.

Wie um 1900 der literarische Naturalismus allmählich obsolet wurde und antinaturalistischen Tendenzen das Feld räumen musste, so vollzog sich ein entsprechender Wandel auch auf der Bühne, was von Jacobsohn unterstützt wurde. Er bekämpfte den naturalistischen Aufführungsstil, dessen Repräsentant Brahm war, und favorisierte Reinhardt, der als Wegbereiter moderner Regiekunst das Theater vom Zwang zur Mimesis befreite. Für "diesen bis zur Unwahrscheinlichkeit genialen Regisseur" ist kein Lob zu hoch. Neben den Regiekünsten wie Beleuchtungseffekten, Bühnengestaltung und Choreografie würdigte Jacobsohn besonders die Schauspielerführung. Reinhardts Grundsatz, dass der Schauspieler keine Rolle spielen, sondern sich selbst in seiner Rolle zeigen solle, hat unmittelbare Berührungspunkte mit Jacobsohns Credo, dass in einem klassischen Stück statt der Vergangenheit die Gegenwart sichtbar werden müsse.

Der Sinn für das Theatralische à la Reinhardt machte Jacobsohn auch empfänglich für die Oper als Bühnengesamtkunstwerk, obwohl er selbst nicht als Opernkritiker tätig wurde. Eine Ausnahme bildet die Besprechung der Uraufführung des "Rosenkavalier". Hier sei durch das Zusammenwirken von Hofmannsthal, Reinhardt, Alfred Roller (Bühnenbild), Ernst von Schuch (musikalische Leitung) und Richard Strauss eine "musikdramatische Bühnentotalität entstanden", "die kunstgöttliche Gnade in seltenem Maße gesegnet hat". Solch überschwängliche Begeisterung kennzeichnet die ganze Rezension, die mit der Versicherung schließt, dass "der Zauber dieser Vorstellung" allen, die sie miterlebt haben, "ein Besitz für immer bleiben wird".

Doch Jacobsohn blieb kein Lobredner Reinhardts, und es kam zwischen beiden zu einer Entfremdung, die fast bis zur Feindseligkeit ging. Warum ihre Wege sich trennten, ist im Einzelnen schwer auszumachen; im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass Reinhardts Geschäftigkeit, um nicht zu sagen Geschäftstüchtigkeit, sowie sein Expansionsdrang die Missbilligung Jacobsohns fanden. Besonderen Anstoß nahm er daran, dass Reinhardt begann, in Zirkussen zu inszenieren. Er witterte so etwas wie das Ende des Theaters zugunsten der Show und wollte am Herkömmlichen festhalten.

Der verhältnismäßig junge Kritiker - als er starb, war er erst 45 Jahre alt - wurde in ästhetischen Dingen frühzeitig zum laudator temporis acti. Nach dem Weltkrieg mehrten sich Äußerungen, die das Theater der Vorkriegszeit verklärten und von Reserviertheit gegenüber dem Theater der Gegenwart zeugten, für das er immer weniger Engagement aufbrachte. Das dürfte dazu beigetragen haben, dass aus der theaterkritischen "Schaubühne" die politische "Weltbühne" wurde. Doch die Gründe dafür allein in der Person des Herausgebers zu suchen wäre kurzschlüssig. Vorwiegend repräsentiert dessen Entwicklung nur eine durch Krieg und Weimarer Republik bewirkte Politisierung, die es nicht länger zuließ, einen Teilbereich der ästhetischen Kultur aus dem allgemeinen politischen und sozialen Kontext herauszulösen.

In seiner in der FAZ erschienenen Rezension der vorliegenden Ausgabe fragt Gerhard Stadelmaier, warum man 2662 Seiten von Jacobsohns journalistischem Tagwerk heute zur Kenntnis nehmen solle. Eine solche Frage kann nur stellen, wer nicht begriffen hat, was dokumentierende Ausgaben bezwecken und wie sie zu benutzen sind. Jacobsohns Texte füllen nur die ersten drei Bände, also 1553 Seiten. Der vierte Band bietet den Kommentar, der fünfte u. a. eine Zeittafel, eine Bibliografie, ein Literaturverzeichnis, ein Titelverzeichnis der Bühnenwerke, ein Register der Theater und Theatervereine sowie ein detailliertes Personenregister. Der verständige Benutzer bedient sich dankbar dieser Hilfen, ohne sich bei ihnen aufzuhalten. Auch wird niemandem zugemutet, alle 430 abgedruckten Texte Jacobsohns zu lesen. Aus der angebotenen Fülle darf der Benutzer je nach Interessenlage auswählen. Theater- und Literaturwissenschaftler kommen ebenso auf ihre Kosten wie ein Nicht-Spezialist, der bei einem geistreich formulierenden Autor vorwiegend sein Lesevergnügen sucht. Den Herausgebern ist für die geleistete Arbeit zu danken; und Dank gebührt auch dem Verlag, der eine so reichhaltig ausgestattete Ausgabe preiswert auf den Markt gebracht hat.


Titelbild

Siegfried Jacobsohn: Gesammelte Schriften 1900-1926. 5 Bände.
Herausgegeben und kommentiert von Gunther Nickel und Alexander Weigel.
Wallstein Verlag, Göttingen 2005.
2662 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3892446725

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