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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2006 » Literaturwissenschaft » Belletristik
 
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Denkerische Anverwandlung

Ein Sammelband porträtiert lesende Kulturphilosophen

Von Christophe FrickerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christophe Fricker

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Gebäude ist vier- oder gar fünfstöckig: Der vorliegende Band beschäftigt sich mit Kulturphilosophen im weitesten Sinne, die literarische Werke für ihr eigenes Denken produktiv gemacht haben - indem sie es verstanden oder missverstanden, verteidigten oder bekämpften, aber auch indem sie dem Autor begegneten. Die Werke, die in den Blick kamen, nahmen aber oft schon selbst Bezug auf literarische Vorbilder. Und das alles wird hier rezensiert. Im Bild zu bleiben: Die Wohnung des Kulturphilosophen im Erdgeschoss wird durch das Öl im literarischen Keller geheizt, das aus anderer Erde stammt. Im ersten Stock profitiert dann der wissenschaftliche Beiträger zum Sammelband von der aufsteigenden Wärme. Und der Rezensent, dem ein Gästezimmer im zweiten Stock angewiesen wurde, fragt sich, wem eigentlich das Haus gehört.

Um es gleich zu sagen: Es ist ein schönes Haus, ein erfreulicher und gelungener Band, und zwar nicht nur wegen seiner gelungenen Ausstattung, sondern vor allem wegen der inhaltlichen Geschlossenheit, die bei einem Sammelband, zumal bei einer Festschrift (diese gilt dem 65. Geburtstag von Wolfgang Emmerich), so nur selten gegeben ist. Die in den 24 Beiträgen behandelten Kulturphilosophen reichen von Karl Marx bis Aleida Assmann, die von ihnen gelesenen Autoren von Homer bis Toni Morrison. Etwas abseits steht der Beitrag von Nury Kim, der Herbert Marcuse vorstellt und "die Studentenrevolte" von 1968 als gelesenen Text postuliert, ohne dies eigens zu thematisieren. Erfreulich im Ganzen ist, dass es die Beiträger nicht mit dem Nachzeichnen von Positionen bewenden lassen, sondern Autoren gegen Philosophen verteidigen, oder Philosophen vor sich selbst in Schutz nehmen (herausragend der Text von Gert Sautermeister, der Adornos Lektüre von Mörike und Eichendorff auf der Basis von Theodor W. Adornos eigenen Prämissen revidiert und weiterdenkt).

Der Band lädt zum Streifzug ein, auf dem sich bemerkenswerte Entdeckungen machen lassen. Andrea Jäger zeigt, dass Karl Marx im Gegensatz zu späteren Staatsmarxisten die Eigengesetzlichkeit der Literatur erkannte und anerkannte. Heinz-Peter Preußers Studie zu Ludwig Klages' frühem Buch über Stefan George ist die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Werk überhaupt. Manfred Jägers Porträt des "Fachmannes, Generalisten und gebildeten Laien" Jürgen Kuczynski bietet ein sorgfältiges und ideologiefreies Bild des ungeheuerlich produktiven ostdeutschen Denkers, der es ablehnte, über große Konservative und große Kommunisten der Gegenwart zu schreiben, weil ihm keine solchen bekannt seien. Martin Brinkmann widmet sich Ernst Jüngers Beschäftigung mit dem so ganz unjüngerschen Literaten Paul Léautaud und fördert den schönen Satz zu Tage: "Ich hatte bei den Frauen nie Glück. Schon gleich nach der Geburt hat meine Mutter mich sitzenlassen." Matteo Gallis Porträt der Gespräche zwischen Alexander Kluge und Heiner Müller lenkt den Blick auf die produktive Nähe zweier unwahrscheinlich widerständiger Formensprenger.

Weniger überraschend ist der Beitrag von Dominik Orth, der Freuds Lektüre von Jensens Novelle "Gradiva" untersucht und dabei zu dem Schluss kommt, Freud habe die literarischen Qualitäten des Werks vernachlässigt. Freuds Praxis, nicht nur die Figuren der Novelle auf die Couch zu legen, sondern den Autor gleich dazu, wird aber von Orth so kundig dargestellt, dass die Warnung vor einem solchen Vorgehen deutlich vor Augen steht.

In die Zukunft weisen vor allem diejenigen Beiträge, in denen zeitgenössische Lektüren porträtiert werden, und damit erfüllt sich der Charakter einer Festschrift sicher noch eher als in der Präsentation von Ergebnissen, die durch den Geehrten auf die eine oder andere Weise angeregt wurden. Beispielsweise untersuchen Therese und Frank Hörnigk den schwierigen und zuweilen unehrlichen Umgang mit Erfahrungen und Erbschaft der DDR am Beispiel der Volker-Braun-Deutung von Wolfgang Fritz Haug. Einer der anregendsten Debatten der Jahrtausendwende widmet sich David Bathrick: der Walser-Bubis-Debatte um die Rolle der Erinnerung an den Holocaust. Bathrick führt anhand von Aleida Assmanns Analyse der Debatte vor, wie Walser sich weigert, einer Sache zu gedenken, an die er sich nicht so erinnern kann, wie es die offizielle Deutung der Ereignisse postuliert.

Der weit überwiegende Anteil der behandelten Kulturphilosophen und der Schriftsteller sind Deutsche. Dort wo von Franzosen oder Amerikanern gesprochen wird, machten sich zumindest einige der Beiträger die Mühe, dem Leser den Originaltext oder die Übersetzung mitzuteilen, die der jeweilige Kulturphilosoph wahrnahm.

Über die Hälfte der Beiträger sind in Bremen tätig - der Band ist also nicht zuletzt als ein Beweis der Leistungsfähigkeit dieses Universitäts-Standortes und vor allem seiner Germanistik zu werten und zu begrüßen.


Titelbild

Heinz Peter Preußer / Matthias Wilde (Hg.): Kulturphilosophen als Leser. Porträts literarischer Lektüren.
Wallstein Verlag, Göttingen 2006.
427 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-10: 3835300113

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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2006 » Literaturwissenschaft » Belletristik
 

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Letzte Änderung: 22.04.2006 - 17:16:17
Erschienen am:22.04.2006
Lesungen: 3870
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