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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2006 » 80. Geburtstag Ingeborg Bachmanns
 
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Berliner Lebensart

Elke Schlinsog spürt den Berliner Anfängen von Ingeborg Bachmanns "Todesarten"-Projekt nach

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wollte Immanuel Kant dem perfektiblen Menschen den Weg zum ewigen Frieden weisen, so sah Ingeborg Bachmann die aus allzu krummen Holze geschnitzte Figur eher in einem ewigen Kriegszustand befangen. Ihr Werk gibt beredtes Zeugnis davon ab. Namentlich das unabgeschlossen gebliebene "Todesarten"-Projekt, dessen Anfängen Elke Schlinsogs Untersuchung "Berliner Zufälle" nachspürt. Den "Ausgangspunkt" des "Großprojekt[s]" macht die Autorin in Bachmanns Berlin-Aufenthalt zu Beginn der 1960er Jahre aus und fragt, "auf welche Weise dieses Thema gerade in Berlin so entschieden seine Umsetzung forderte". Womit sie unter der Hand das Werk zum Subjekt seiner eigenen Schöpfung macht.

Wie Schlinsog betont, spielt Bachmanns "biographische[r] Hintergrund" für die Untersuchung denn auch keine Rolle. Noch weniger möchte sie eine biografische Interpretation von Bachmanns Werk vorlegen. Vielmehr geht es ihr darum, die "Berlin-Wahrnehmung" der österreichischen Schriftstellerin als "Katalysator" des "Todesarten"-Projekts nachzuweisen und zu zeigen, dass der "Leitgedanke" des Werkes - "[Die] Massaker sind zwar vorbei, die Mörder noch unter uns" - bereits in "den Berlin-Texten" entwickelt wird. Neben dem genannten "Leitgedanken" extrahiert Schlinsog ein "Regelwerk vom ewigen Kriegszustand" aus Bachmanns opus magnum, das sich aus fünf Momenten und Aspekten zusammensetzt: 1. Der "Mahnung vor dem direkten Fortleben faschistischer Denkmuster", 2. der "Tatsache, dass das Leben im 20. Jahrhundert erstmals durch die Fortschritte in der Kernforschung und kriegerischer Massenvernichtung bedroht ist", 3. der "verborgene[n] Gewaltstruktur zwischen Mann und Frau", 4. dem Umstand, "dass die Menschen aufgrund von 'Gerüchten, Meinungen, Behauptungen, Geschichten, böswilligen, freundlichen' vernichtet werden können" und schließlich 5. dem "Krieg im Ich". Gebündelt werde dies alles in der "schauerlichen Darstellung" der Figur Leo Jordan aus dem von Bachmann verworfenen Roman "Das Buch Franza".

Interessanter und origineller als dieses 'Regelwerk' ist der von Schlinsog für Bachmanns Utopie-Konzept eingeführte Begriff der "Lebensarten", mit dem sich zugleich Bachmanns "Lebensumstand" fassen lasse. Obwohl der Topos in Bachmanns Werk nicht vorkomme helfe er, die in den utopischen Entwürfen der österreichischen Schriftstellerin enthaltene "Sehnsucht" zu umschreiben, "in denen sich ein Ich geborgen und zuhause fühlt". Als 'rettender' Ausdruck bilde der Begriff so den Kontrast zu den "Todesarten".

Durch die erfolgreiche Recherchearbeit belehrt, die Sigrid Weigel für ihr Bachmann-Buch "Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses" (vgl. literaturkritik.de 6/1999) unternahm, hat Schlinsog die Archive des Wagenbach-Verlags, der Berliner Akademie der Künste, des Pressearchivs und der Pressedokumentation der Freien Universität Berlin sowie des Deutschen Literaturarchivs Marbach aufgesucht und wurde mit einigen aufschlussreichen Funden belohnt. Als besonders "unentbehrlicher Fundus" erwies sich die im Marbacher Literaturarchiv gelagerte Korrespondenz zwischen Bachmann und ihrem Verleger Klaus Piper, bei deren Auswertung Schlinsog wahrhaft akribische Arbeit geleistet hat.

So genau sie auch die Archivalien ausgewertet hat, so nachlässig zeigt sie sich gelegentlich bei der Berücksichtigung einschlägiger Forschungsliteratur und lässt beispielsweise in ihrer Erörterung der Literarisierung von Angst (und Geschlecht) in Bachmanns "Todesarten"-Projekt die hierzu nach wie vor zentrale Arbeit von Christine Kanz - "Angst und Geschlechterdifferenzen" - außer Acht.

Insgesamt also ein Werk mit einigen Stärken, aber auch mit Schwächen, das durch die Beigabe der für Bachmanns Berlin-Buch "Ein Ort für Zufälle" von Günther Grass gezeichneten Grafiken aufgewertet wird.


Titelbild

Elke Schlinsog: Berliner Zufälle. Ingeborg Bachmanns "Todesarten"-Projekt.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2005.
248 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-10: 3826031202

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Letzte Änderung: 12.05.2006 - 14:38:57
Erschienen am:12.05.2006
Lesungen: 3663
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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