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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2006 » Deutschsprachige Literatur
 
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Egoshow deluxe

Steffen Popp verfranst sich bei Ohrenberg. Oder auf dem Weg dorthin.

Von Jan Fischer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ganz ehrlich: Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen. Ich hatte keine Lust mehr. Da gibt es eigentlich keine Rechtfertigung. Ich könnte höchstens einen mir bekannten Professor für Kulturjournalismus anführen, dessen Worte "Es geht ja immer noch hartnäckig das Gerücht, man müsste ein Buch gelesen haben, um es zu rezensieren" mir immer noch in den Ohren klingen. Aber das war vermutlich nur ein Scherz.

Nun gut, für mich ist das jedenfalls die Premiere. Schauen wir mal.

Soweit sich das sagen lässt, geht es in dem Buch um Aschmann und Ohrenberg. Aschmann ist ein Reisender gegen Ende seines Lebens und auf dem Weg zum Grafen Ohrenberg. Die beiden kennen sich gut. Wie dem Klappentext zu entnehmen ist, haben "Zufall und politische Wirren sie zusammen geführt und wieder auseinander gespült". Beide fiebern dem Wiedersehen entgegen und "definieren, konstruieren und verorten sich" währendessen. Ein Blick auf die erste Seite macht klar, wo Steffen Popp hinwill:

"Aschmann steht auf, hängt seinen Kopf über das Waschbecken - die Konfusion seines inneren Leibs über dem riesigen Magen der sich selbst verdauenden Suppe, die das Meer darstellt, sie langweilt ihn, aber er kann nichts machen - in die gespenstische Stille zwischen den Brechanfällen schießen Gedanken ein, aus dem Massiv seines erbärmlichen Zustandes gleichsam herausgebrochen: große Gebäude führt Aschmann auf in seinem Geist, dann fallen ihn Bilder an, verschachtelte Wohnkulturen, Industriebrachen, die Dome von Energiewerken stören das reine System - der eine Entwurf, denkt er, von dem alles ausgeht, am Ende stets begraben unter Bildern, zu artigen Formaten geronnene Ansichten meiner Vergangenheit."

Dies war ein Satz. Nur einer. Es geht Popp in "Ohrenberg oder der Weg dorthin" offensichtlich nicht um die Geschichte. Es geht ihm um die Verortungen von Aschmann und Ohrenberg, die sich abwechselnd in diesen endlosen monologischen Abstraktionen durch das 21. Jahrhundert denken. Näher betrachtet geht es Popp um stilistische Brillianz, um den Bilderreigen, den er ständig abfeuert.

Steffen Popp ist originär Lyriker, und das merkt man "Ohrenberg oder der Weg dorthin" sehr an. Obwohl "Roman" auf dem Buch steht, und es aussieht wie Prosa, ist es eigentlich ein in Prosaform gebrachtes, gigantisches Lyrikwerk, dass mehr über Bilder und Assoziationen arbeitet als über eine wie auch immer geartete Einheitlichkeit. Warum kookbooks es als Roman ausgibt, das weiß allein Aschmann.

Dafür, dass er als 78er Jahrgang Mitglied von etwas ist, das euphemistisch "Junge deutsche Literatur" gennannt wird, ist Steffen Popp ein außergewöhnlicher Stilist. Allein auf der ersten Seite verballert er mit einem Handstreich in seinen geschachtelten Nebensätzen mehr Bilder als die meisten Autoren - das schließt die großen Alten mit ein - in einem ganzen Roman unterbringen. Die Bilder sind schön, schräg, außergewöhnlich, Popps Ton ist wohlkalkuliert und hat in all der Kälte, die er beschreibt, auch immer etwas wunderbar Anschmiegsames, etwas unkonkret Waberndes, dass sich über einen legen kann wie eine Bettdecke. "Ohrenberg oder der Weg dorthin" krankt nicht an seiner fehlenden Innovationskraft oder an seiner stilistischen Armut. Im Gegenteil: Das Buch krankt an seiner Überfülle. Aus allen Ecken und Enden quillt Popps Kraft heraus, seine Gabe, in einigen wenigen Sätzen Aussagen über das 21. Jahrhundert an sich zu treffen. Ein bisschen ist das wie ein Feuerwerk, bei dem sämtliche Raketen auf einmal verballert werden: Da ist zuviel Licht. Da ist zuviel Stil, und irgendwie nähert sich der Verdacht, der Stilist Popp will mit seiner Brillianz eher eine gigantische Egoshow abfeuern als einen guten Roman schreiben. "Ohrenberg oder der Weg dorthin" verfranst sich in seinem eigenen, überbordenden Stil, der alles kann aber nirgends hinwill. Popps Bilder tanzen miteinander, aber sie sind trotzdem allein.

Das ist auch der Grund, weshalb ich aufgehört habe zu lesen. Es ist, als hätte man zu viel getrunken: Irgendwann geht's einfach nicht mehr, da macht man alles dicht und kippt um. Das ist schade. Wäre "Ohrenberg oder der Weg dorthin" nicht unhöflich geschrieben, wäre alles ein wenig mehr zurückgenommen, man müsste es loben. So aber ging ab Seite 80 gar nichts mehr.

Ich hätte trotzdem gern gewusst wie es ausgeht.


Titelbild

Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman.
Kookbooks Verlag, Idstein 2006.
144 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 393744517X

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2006 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 05.07.2006 - 17:17:02
Erschienen am:04.07.2006
Lesungen: 2714
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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