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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2006 » Deutschsprachige Literatur
 
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Der dumme Bub ist nicht immer dumm gewesen

Über Roland Reichens Debütroman "Aufgrochsen"

Von Fabian KettnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian Kettner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Aufgrochsen" - das heißt aufgewachsen - sind im Dorf Basiwil zwei behinderte Kinder: "der Bub", geistig gehandicapt, und "das Friedli" körperlich. Beide brachten von sich aus eine gewisse Veranlagung mit, ruiniert aber wurden sie von ihren Müttern. (Väter sind nur die anwesenden Abwesenden.) "Das Mueti" vom Bub gab ihren Sohn aus Hochmut nicht zur Behandlung, sodass sein Fieber sich zu einer Hirnhautentzündung auswachsen konnte, die sein Gehirn in jungen Jahren nachhaltig schädigte. Friedli wurde mit einem nach innen gedrehten Klumpfuß geboren und dann von ihrem "Müeti" so lange den Ärzten zur Kaputtbehandlung gegeben, bis sie "fast ein bisschen aus[sieht] wie ein Spatz: kurze dünne Beinchen unter einem kugligen Bauch, dazu Ärmchen, die schon von Natur aus kaum über gestutzte Flügelchen hinausgewachsen sind." Beide Mütter hassen ihre Kinder, denn "so ein Schaden, der dämpft die Freude an einem Kind natürlich schon beträchtlich": Sie sind ihnen im Weg; sie sind ihnen peinlich und eine Schande; und beide müssen in ihnen anschauen, was sie in ihnen in die Welt setzten.

Die Kinder entwickeln ihre Lösungsversuche. Bub frisst und wird fett, Friedli übt sich in erduldendem Christentum. Ihre Lösung ist keine, sondern nur ein weiteres Schlechtes, in dem das, was ihnen widerfuhr, fortwest. Der "Ranzen", der fette Leib, den Bub sich anfrisst, ist zunächst Ablenkung von Schmerz durch Schläge und Verhöhnung, ist zunächst Ersatzbefriedigung und Schutz, wird dann aber zum "Wutranzen", den er gegen seine eigenen Kinder richtet. Das Christentum Friedlis verlängert ihre Qual, rechtfertigt und invertiert sie. Der sexuelle Missbrauch beispielsweise ist durch ihren inneren "Gotteshund" nicht nur ihre Schuld, sondern hat auch sein Gutes, weil sie ihn als Prüfung nimmt, an der sie sich bewähren kann. Er verhindert auch, dass sie ihrer Mutter dringend nötige Widerworte gibt und dass sie ihre eigenen Kinder vor dem Bub schützt.

Bub und Friedli also, man ahnt es schon, werden von ihren Müttern verheiratet. Denn "dass für einen Krüppel, wie sie es einer ist, nur ein anderer Krüppel als Ehemann infrage kommt, insbesondere der dumme Bub", das hat selbst "das Friedli selber zugeben müssen." Natürlich, wie sollte es anders sein. So werden die Mütter sie los und ihre Kinder müssen gegenseitig aufeinander aufpassen. Die Kinder bekommen Kinder und an diese geben sie weiter, was ihnen selbst widerfuhr.

In Reichens Roman, der ebenso niederschmetternd ist wie bewunderswert, ebenso traurig wie gut, gibt es keinen Ausweg, keine Hoffnung, nur das fatale Gesetz des Wiederholungszwangs. Alptraumhaft ist die Atmosphäre, wie im Naturzwang befangen leben die Menschen dahin, sodass man kaum weiterlesen möchte. Man weiß zwar nicht, was gleich kommt, aber immer muss man sehen, dass man Recht behielt, wenn man befürchtete, dass es immer nur noch deprimierender wird.

Reichens Sprache ist häufig derb und karg: die Mütter sind bei der Geburt "unten [...] aufgeplatzt"; die Zukunft der Kinder ist "gelaufen", sie wurden "zerpatzt", in ihnen wurde etwas "herangezüchtet" - und doch blieben sie "ein brachliegendes Feld an Möglichkeiten", das nicht bestellt wurde. Dabei ist die Sprache schlicht; sie wird nur so derb wie die Vorgänge es sind, aber mit Distanz. Es ist nicht so wie häufig, dass Autor und Leser über die Sprache auf die Opfer mit einschlagen könnten. Der verwendete schweizerische Dialekt unterstreicht das Derbe, das schonungslose Leben, den rücksichtslosen Umgang, nie aber wird es burlesk, stadlhaft, volkstümlich. Unzweifelhaft ist man in der Gegenwart. Aber das Urtümliche ragt in die Gegenwart hinein. "Hineinragen" ist vielleicht das falsche Wort und könnte irreführen: was 'hineinragt' ist kein Fremdes, nicht etwas, was nicht hineinpasste. Es passt nur zu gut: die Naturwüchsigkeit fügt sich in einen sich als naturwüchsig präsentierenden gesellschaftlichen Zusammenhang.

Denn es ist immer alles dasselbe. Auch wenn die Mütter Mueti und Müeti ihre Kinder auf unterschiedliche Weise kaputtmachen, so sind sie fast austauschbar, auch an der Benennung nur durch eine Nuance zu unterscheiden. Sie sind vor allem familiäres, genetisches Prinzip, Funktion, wenngleich mehr zu- als abrichtend. Auch der Vater gewordene Bub und dessen Erstgeborener sind anfänglich nicht zu unterscheiden.

Dies alles präsentiert Reichen ausnahmslos klug. Man muss es nicht mühselig aus dem Roman herausdestillieren - aber der Autor präsentiert es einem auch nicht fertig und aufdringlich als Analyse. "Aufgrochsen" bleibt Kunst, von der uns der Autor hoffentlich noch mehr beschert.


Kein Bild

Roland Reichen: Aufgrochsen. Roman.
bilgerverlag, Zürich 2006.
119 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3908010780

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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2006 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 31.07.2006 - 12:32:32
Erschienen am:11.07.2006
Lesungen: 3835
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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