Mode- und Epochenkrankheiten

Frank Degler und Christian Kohlroß legen einen Sammelband über Konstellationen von Literatur und Pathologie vor

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gibt man bei "Google" den Begriff "Modekrankheit" ein, so zeigt die Suchmaschine mehrere hundert Treffer an, diejenigen zu "Epochenkrankheit" kann man hingegen an den Fingern abzählen. Dies bemerkt Jochen Hörisch in einem Aufsatz über "[d]as pathognostische Wissen der Literatur", in dem er zugleich die "differentia specifica" zwischen Epochen- und Modekrankheit benennt: Anders als eine Epochenkrankheit verspreche eine Modekrankheit einen "erheblichen Krankheitsgewinn". Als zweites Unterscheidungskriterium komme hinzu, dass man nur Letztere wechseln könne. Zu finden ist Hörischs Definition in einem von Frank Degler und Christian Kohlroß herausgegebenen Sammelband, dessen Ziel es ist, "Möglichkeiten und Grenzen des poetischen Wissens von Krankheiten in ihren sozialhistorischen, interkulturellen und transdisziplinären Gebundenheiten" zu beschreiben. Dabei lassen sich Herausgeber und BeiträgerInnen von der Vermutung leiten, "dass die Literatur Beobachtungen von Krankheit machen kann und macht, die der Medizin sonst verborgen bleiben, die ihr aber zur Verfügung gestellt werden können". Hiermit wird nicht unbedingt einem Erkenntnisprivileg der Künste gegenüber den Wissenschaften das Wort geredet, vielmehr sollen wohl nur die Unterschiede der Zugangsweisen hervorgehoben werden. Die spezifischen Erkenntnismöglichkeiten der Literatur erweisen sich den Herausgebern zufolge jedenfalls insbesondere im Hinblick auf Epochenkrankheiten als fruchtbar, da deren "temporal (oder lokal) stark begrenztes Auftreten" die Vermutung nahe lege, dass diese neben "physiologische[n]" auch "kulturelle Ursachen" haben.

Zugleich schreibe sich Krankheit "niemals nur als Thema, sondern immer auch als Möglichkeitsbedingung in die Literatur und in die Geschichte der (poetischen wie philosophischen) Literatur" ein. In Konkurrenz zu einem bekannten Sinnspruch Juvenals, dem zufolge ein gesunder Körper einen gesunden Geist beherbergt, vertreten die Herausgeber gemeinsam mit zumindest einigen ihrer AutorInnen die Auffassung, dass "Krankheit als Grund einer besonderen Befähigung" eine "produktive" Rolle spielen könne, indem die "Beschränkung" der "körperliche[n] Kraft" die Geisteskraft potenziere. So verdanke sich etwa Homers "visionäre Kraft" vielleicht gerade seiner physiologischen Blindheit.

Die Beiträge des vorliegenden Bandes erörtern die "Bestimmung des Phänomens 'Epochenkrankheiten'" in der Literaturgeschichte und stellen die Frage, was dieser pathologische Typus für die Literaturwissenschaft bedeuten kann. Dabei ist die "Deutungsabhängigkeit des Wissens von Krankheit(en)" den Herausgebern zufolge die Ermöglichungsbedingung des als Epochenkrankheit bestimmten Phänomens, für das die Medizin "keine alleinige Deutungshoheit" beanspruchen könne. (Bei welchen Erkrankungen, so könnte man zwischenfragen, kann sie das denn?) Epochenkrankheiten, und insbesondere das von ihnen verursachte Leiden der PatientInnen, so lautet die nicht von der Hand zu weisende Begründung, könnten erst im Rückgriff auf ihre (außermedizinischen) Kontexte oder "Deutungshorizonte" erklärt werden. Überhaupt werden sie einzig und allein zu Krankheiten, "weil sie in interpretativen Akten dazu gemacht werden". Individuen wiederum werden nur darum von ihnen "befallen", weil sie an einem "allgemeinen, sie übergreifenden Deutungsgeschehen" teilhaben.

Der auf eine 2005 im Rahmen eines DFG-Projekts durchgeführte Tagung in Buenos Aires zurückgehende Band ist in drei Teile untergliedert. Die Beiträge des ersten widmen sich "übergreifenden Aspekten" des Begriffs Epochenkrankheiten. Neben dem bereits erwähnten Aufsatz von Jochen Hörisch enthält er zwei weitere von Wolfgang Bongers und Daniel Link.

Die Beiträge der beiden anderen Teile richten ihre Aufmerksamkeit auf einzelne (literarisierte) Epochenkrankheiten und untersuchen etwa, ob und inwiefern diese überhaupt als solche gelten können, wobei der erste dieser beiden Teile Krankheiten des Geistes, der zweite solchen des Körpers gilt. In ihnen stellt Christian Kohlroß die Frage, woran jemand erkrankt, der im Geiste erkrankt; Miguel Vedda wendet sich "Depression und Melancholie in der deutschen Novelle des Biedermeiers" zu und Thomas Anz bringt den Lesenden die Schizophrenie als "epochale Symptomatik" um 1900 nahe. Regula Rohland de Langbehn interpretiert die Syphilis in der "Picara Justina" als "Spiel mit der Krankheit", Uwe C. Steiner geht dem "Tinnitus als Epochenkrankheit in der Literatur von Kafka bis zur Gegenwart" nach, und Frank Degler beleuchtet "[d]as Motiv der Körperflüssigkeit in der Neuen deutschen Popliteratur". Richten die meisten Beitragenden ihr Augenmerk auf die deutschsprachige oder die argentinische Literatur, so gilt das Interesse Anderer den Werken englischsprachiger AutorInnen. So beleuchtet Ulfried Reichard in einem erhellenden Beitrag die sich in den USA um 1900 abzeichnende "Neuformation von Genderrollen" im Zusammenhang mit der "american Nervousness", während Leiser Mandanes Samuel Pepys' und Daniel Defoes Erzählungen über die "Londoner Plage" von 1665 als "Relektüren des Hobbeschen Naturzustandes" liest.

Wie meist bei derartigen Sammelbänden bleibt das Eine oder Andere zu monieren. So wirkt es etwa angesichts des im Netz beliebten gender-swappings doch etwas naiv, wenn Hörisch im Rahmen seiner Ausführungen zu Chat-Foren "eine gewisse 'sharaye'" ohne Begründung - und vermutlich nur gestützt auf ein von der Person im Internet-Forum veröffentlichtes Gedicht, das eine weibliche Protagonistin hat - als weiblich annimmt, den oder die Antwortende(n) namens "Nathan" hingegen als männlich. Eine unglückliche Formulierung des gleichen Autors über "Boccaccios um 1350 entstandene[s], aber dank Buchdruck erst 1470 erschienene[s] 'Decamorone'" scheint die abwegige Vermutung nahe zu legen, dass es ohne den Buchdruck bereits früher erschienen wäre. Auch berichtet die Bibel keineswegs, wie Daniel Link behauptet, Jesus sei gekommen, um den Frieden zu bringen, nicht das Schwert. Die zentrale von Link angeführte Bibelstelle (Mathäus 10,34) besagt ebenso das Gegenteil wie die ebenfalls von ihm genannten, allerdings weniger einschlägigen Stellen im Lukas-Evangelium (Lukas 12,51-53 und Lukas 14,25-27).

Ungeachtet solcher Schwächen und Fehler ist der bleibende Lektüre-Eindruck jedoch dadurch bestimmt, dass man sich der Unterscheidung zwischen Epochen- und Modekrankheiten und somit der zentralen These des Buchs gerne anschließt.


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Frank Degler / Christian Kohlroß (Hg.): Epochen/Krankheiten. Konstellationen von Literatur und Pathologie.
Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2006.
287 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-10: 3861103745

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