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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2006 » Schwerpunkt: Walter Benjamin » Rezensionen und Hinweise
 
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"Einschneidende Begegnung"

Erdmut Wizisla und Günter Hartung über die Konstellation Walter Benjamin und Bertolt Brecht

Von Ernst Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

1935 erhebt Walter Benjamin in einem Brief an Alfred Cohn schwere Vorwürfe gegen Ernst Blochs "Erbschaft dieser Zeit". Das Buch erscheine so deplaziert wie ein vornehmer Herr, der zur Inspektion einer vom Erdbeben verwüsteten Gegend käme und nichts Eiligeres zu tun habe, als seine - etwas vermotteten - Perserteppiche auszubreiten, seine - schon angelaufenen - Goldgefäße aufzustellen und sich seine verschossenen Brokat- und Damastgewänder umlegen zu lassen. Wer in solche Lage gerate, so Benjamin, habe vielmehr seine Teppiche als Bettdecken wegzugeben, seine Brokatstoffe zu Mänteln zu verschneiden und seine Prachtgefäße einschmelzen zu lassen. Benjamin, so ließe sich das Bild wohl deuten, begreift die siegende Barbarei des Nationalsozialismus zugleich als Krise einer bildungsbürgerlichen Tradition, der er lange selbst zugehörte.

Für Benjamins Suche nach einem anderen Verständnis des Intellektuellen ist wohl seine bis 1925 zurückreichende, 1929 intensivierte und von ihm als 'einschneidend' beschriebene Begegnung mit Brecht, insbesondere aber das maßgeblich von beiden geplante Zeitschriftenprojekt "Krisis und Kritik" zu sehen. Denn in diesem Journal sollte, so Benjamin in seinem Memorandum, sich die 'bürgerliche Intelligenz' Rechenschaft ablegen von den Möglichkeiten 'eingreifender, von Folgen begleiteter Produktion im Gegensatz zu der üblichen willkürlichen und folgenlosen'. Brechts berühmtes 'eingreifendes Denken' stammt aus diesen Gesprächen mit Benjamin über die Zeitschrift. Deren Arbeitsfeld sei es, die heutige Krise auf allen Gebieten der Ideologie festzustellen oder herbeizuführen, und zwar mit den Mitteln der Kritik.

Es ist das Verdienst von Erdmut Wizisla, der seit 1993 Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs und neuerdings auch kommissarischer Leiter des Walter-Benjamin-Archivs an der Berliner Akademie der Künste ist, nicht nur die Geschichte der Freundschaft von Brecht und Benjamin und die wechselseitigen Urteile über ihre Arbeiten anhand auch unbekannter Dokumente und Gesprächsprotokolle präzise nachgezeichnet zu haben. Zugleich diskutiert er Gründe, Ausmaß und Folgen einer Marginalisierung dieser Beziehung, die insbesondere dessen beiden Nachlassverwalter zu verantworten hatten. So sei es schon symptomatisch, wenn Scholem sich brieflich im 'Mangel an Sympathie für Brechts Einfluß auf Benjamin' mit Adorno einig wusste. Der wiederum lancierte das Gerücht, Benjamin habe sich vor Brecht gefürchtet. Wie subtil verfälschend sich diese Sicht noch in der Edition der "Gesammelten Schriften" niedergeschlagen hat, stellte bereits Klaus Hartung in seinen von 1990 stammenden, jetzt erneut edierten Aufsätzen über die verschiedenen Kunstwerk-Fassungen heraus. Hartung nennt es zudem ein "unglaubliches Verfahren", wenn unabhängig von der Chronologie und entgegen den Editionsprinzipien alle Brechtarbeiten Benjamins zwischen 1930 und 1939 zusammengedrängt an letzter Stelle des zweiten Bandes stehen, als sollte nur nicht deutlich werden, dass die intensive Begegnung mit Brecht über zehn Jahre anhielt. Die Folgen der politisch-theoretischen Eifersüchteleien sind so gravierend, dass es diskutabel erscheint, eine Neuedition der Schriften Benjamins nach historisch-kritischen Standards zu erwägen. Dabei bricht die neue Debatte zugleich alte Ost-West-Verkrustungen auf. Denn merkwürdigerweise hatte an der Benjamin-Brecht Beziehung keine Seite großes Interesse. War es hier die Frankfurter Schule, die die Benjamin-Rezeption dominierte, so wollte sich dort die 'offizielle' DDR ihren 'sozialistischen Klassiker' Brecht nicht durch die Freundschaft mit einer so komplexen Erscheinung wie Benjamin verkomplizieren.

Wizislas' Buch ist weit mehr als ein weiteres Buch zur üblichen personenbezogenen 'und'-Literatur. Denn es wirft das für die Benjamin-Interpretation wichtige Problem auf, wie mit der 1925 einsetzenden Annäherung Benjamins an das marxistische Denken umzugehen sei. Handelt es sich, wie die dominierende Rezeption meint, nur um ein Missverständnis Benjamins bzw. eine Verflachung seiner tieferen ursprünglichen Gedanken? Wäre sein Werk deswegen sozusagen selbst einer 'rettenden Kritik' zu unterwerfen, die eher vom frühen Konzept auszugehen hätte?

Wizisla zählt zum Originären des Denkens Benjamins gerade den Versuch, gegensätzliche Positionen zu verknüpfen. Das nimmt Benjamins Idee der polaren Konstellation in seinen persönlichen Umgang auf: Disparate Freundschaften bilden Kraftfelder, um die herum sich seine Projekte entfalten. Nach Wizisla verstand Benjamin etwa theologische und materialistische Methoden durchaus als Ergänzungen, als Verschmelzungen scheinbar antinomischer Denkrichtungen, wobei ihm das Kriterium nicht die Tradition, sondern deren Experimentalcharakter (Adorno) und 'Brauchbarkeit' gewesen sei.

Obwohl Wizislas' Buch dem Mainstream der Benjamin-Forschung eher nicht folgt, ist es eine der wichtigsten Veröffentlichungen zu Benjamin im letzten Jahrzehnt. Dabei argumentiert er in erster Linie als Philologe. Mitunter hätte man sich gewünscht, dass die sich an Brecht entzündenden Kontroversen in der Rezeptionsgeschichte nicht vorrangig auf der persönlichen Ebene, sondern, etwa was Adorno betrifft, auch inhaltlich diskutiert worden wären. Interessant etwa wäre die Frage, welche theoretischen Unterschiede Projekte wie "Krise und Kritik" und das Zeitschriftenprojekt der Frankfurter Schule aufwiesen, an denen sich Benjamin gleichermaßen beteiligte.

Anmerkung der Redaktion: Ernst Müller ist Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung.

(vgl. auch die Rezension "Der Dichter und der Kritiker" von H.-Georg Lützenkirchen in literaturkritik.de 07/2005)

(vgl. auch die Rezension "Ein Denkmal für zwei Denkende" von Laura Wilfinger, in literaturkritik.de 12/2004)


Titelbild

Erdmut Wizisla: Benjamin und Brecht. Die Geschichte einer Freundschaft.
Mit einer Chronik und den Gesprächsprotokollen des Zeitschriftenprojekts "Krise und Kritik".
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
396 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-10: 3518399543

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Günter Hartung: Der Dichter Bertolt Brecht. Zwölf Studien.
Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2004.
450 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3936522685

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Letzte Änderung: 22.09.2006 - 16:21:06
Erschienen am:24.08.2006
Lesungen: 3738
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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