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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2006 » Schwerpunkt: Walter Benjamin » Rezensionen und Hinweise
 
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Heimweh nach der entstellten Welt

Anja Lemkes gedächtnispoetologische Monografie zu Walter Benjamins "Berliner Kindheit um neunzehnhundert"

Von Thorsten Palzhoff

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In der "Berliner Chronik", der Vorstufe zur "Berliner Kindheit um neunzehnhundert", vergleicht Benjamin das autobiografisch zu erschreibende Leben mit einem Labyrinth. Das rätselhafte Zentrum dieses Labyrinths habe den Schreibenden nicht zu interessieren, es komme vielmehr auf die Eingänge an, die in sein Inneres führen. Jede unwillkürlich aufblitzende Erinnerung bietet einen solchen Eingang. Passiert man ihn, so verweist im Labyrinth jede Erinnerung ans eigene Leben unabweisbar auf eine nächste. Dem autobiografischen Erinnern entspricht also eine topografische Struktur, und darauf spielen die "Gedächtnisräume des Selbst" an, die Anja Lemke als Titel für die vorliegende Monografie gewählt hat. Es handelt sich um Schauplätze des unabschließbaren Weiterverweisens von Erinnerungen, die sich in der Korrespondenz zwischen dem erinnernden Subjekt und den umgebenden Dingen, Namen und Wörtern eröffnen.

Lemke veranschaulicht, wie mit den autobiografischen Episoden der "Berliner Kindheit" nicht nur die eigene Vergangenheit erkundet wird, sondern wie sie als Denkbilder immer auch der Auskundschaftung der Gedächtnisräume und ihrer Beschaffenheit dienen. So verbinden sich Autobiografie und gedächtnistheoretische Reflexion zu einer Poetik der Erinnerung. Der Beschreibung dieser Poetik widmet Lemke drei Kapitel, denen ein gedächtnistheoretischer, ein sprachtheoretischer und ein medientheoretischer Schwerpunkt entsprechen. Benjamins Darstellung des Gedächtnisses als einen Raum führt die Autorin zunächst auf die Ars memoria der antiken Rhetoriklehren zurück, um dann die Spuren von Freuds topografischen Gedächtnismodellen und der Psychoanalyse in der "Berliner Kindheit" aufzuzeigen. Im zweiten Kapitel wird unter Bezugnahme auf Benjamins sprachtheoretische Aufsätze "Lehre vom Ähnlichen" und "Über das mimetische Vermögen" die kindliche Herstellung von Korrespondenzen zwischen Selbst und Welt, zwischen Technik, Wort, Natur und archaischer Symbolwelt beschrieben. Etwas von diesem mimetischen Weltzugang des Kindes, dem 'ein Ding wie ein Zeichen, ein Zeichen wie ein Ding' wäre, sei historisch ins Sprachliche eingegangen, da Sinnzuschreibungen sich hier nicht nur lexikalisch, sondern unbewusst auch grafisch und phonetisch organisierten. Das dritte Kapitel diskutiert die Frage nach der Identität im autobiografischen Schreiben unter der Voraussetzung, dass der Erinnernde und der Erinnerte im Stand der Entstellung auseinander treten und verschiedene Arten der medialen Vermittlung zwischen ihnen wirksam werden.

Wer sich für eine erschöpfende gedächtnispoetologische Interpretation der "Berliner Kindheit" interessiert, dem sei Lemkes Monografie empfohlen. Die hier zur Sprache zu bringenden Kritikpunkte betreffen nicht die ambitionierte Analyse selbst, sondern deren Darstellung. So glaubt der Leser manchmal, den roten Faden zu verlieren, insbesondere im letzten Kapitel, in dem Benjamins medientheoretische Schriften vor allem zur Fotografie den Eindruck eines ausgedehnten Exkurses erwecken. Zwar weiß Lemke solche scheinbaren Exkurse immer wieder an den Argumentationsgang der Studie zurückzubinden, doch wären gerade angesichts des Abstraktionsgrads der Arbeit, der nicht nur dem recht akademischen Ton, sondern vor allem dem komplexen Sachverhalt geschuldet ist, Bündelungen des Erarbeiteten als Zwischenstationen hilfreich gewesen. Die vielen Tipp- und Druckfehler, die sich selbst in den Zitaten häufig finden, die fehlenden oder falschen Wörter und verlorenen Anführungszeichen können da die Lektüre zusätzlich erschweren.

Die einzelnen Aspekte der Analyse bieten, jeweils für sich genommen, sicherlich keine neuen Ansätze der gedächtnistheoretisch orientierten Benjamin-Forschung. Der Hinweis auf die antike Ars memoria, die Aufdeckung der Spuren von Sigmund Freuds topografischen Gedächtnismodellen, der Vergleich mit (Benjamins Blick auf) Prousts "Recherche", die sprachtheoretische Interpretation des Begriffs der "entstellten Ähnlichkeit" - all das kann man auch in anderen Darstellungen finden und mittlerweile getrost als Standards der neueren Benjamin-Literatur ansehen. Die zu würdigende Leistung der "Gedächtnisräume des Selbst" liegt dagegen in der hoch reflektierten Konstellation, in die Anja Lemke die Elemente ihrer Analyse zu einer erschöpfenden Darstellung von Benjamins Poetik individueller Erinnerung bringt.

Anmerkung der Redaktion: Thorsten Palzhoff ist Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung.

(vgl. auch die Rezension "Penelopearbeit des Eingedenkens" von Axel Schmitt in dieser Ausgabe)

Titelbild

Anja Lemke: Gedächtnisräume des Selbst. Walter Benjamins "Berliner Kindheit um neunzehnhundert".
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2005.
170 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-10: 3826026918

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Letzte Änderung: 02.11.2006 - 09:57:07
Erschienen am:05.09.2006
Lesungen: 3531
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