Auf dem Campus und anderswo

Drei Romane von David Lodge

Von Andrea NeuhausRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andrea Neuhaus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

David Lodge, bis 1987 Literaturprofessor an der Universität von Birmingham, ist berühmt für seine Abrechnungen mit den Eitelkeiten und Verwicklungen des Uni-Betriebs: Denn der 1935 geborene Brite gilt neben Malcolm Bradbury als Vater des Campus-Romans. Aber nicht immer folgt er seinem Erfolgsrezept: "Autor, Autor", sein letzter Roman ist eine fiktionale Biografie des Schriftstellers Henry James, aber schon früher, etwa mit "Therapie" (1995), jetzt gemeinsam mit dem Roman "Denkt" (2001) in einem Band erschienen, verließ Lodge die Universität als literarischen Handlungsraum.

"Therapie" berichtet von der Selbstsuche eines Manns in mittleren Jahren. Der Protagonist Lawrence "Tubby" Passmore, ein erfolgreicher Sitcom-Autor mit Neigung zu Figurproblemen, hat, vordergründig betrachtet, wenig Grund zum Klagen. Und so pflegt er die saturierte Schwermut dessen, dem eigentlich nichts fehlt. Ein Gefühl der Daseinsleere ist dafür verantwortlich, dass seine doch recht überschaubaren Probleme in seiner Wahrnehmung zu unüberwindlicher Größe anwachsen, sei es ein schmerzendes Knie, sei es die Tatsache, dass die Hauptdarstellerin seiner Sitcom aus der Serie aussteigen will. Seine Unzufriedenheit versucht er mit verschiedenen Therapien zu bekämpfen: "Montags in die Physiotherapie bei Roland, dienstags kognitive Verhaltenstherapie bei Alexandra, und freitags habe ich abwechselnd Aromatherapie und Akupunktur. Am Mittwoch und Donnerstag bin ich eigentlich immer in London, um mich dort mit Amy zu treffen. Aber das kommt auch auf eine Therapie raus." Seine Verhaltenstherapeutin rät ihm, ein Tagebuch zu führen - das uns von David Lodge hier als Romanganzes präsentiert wird.

Einen Schlüssel zum Verständnis seines Lebens findet Tubby jedoch nicht durch Therapien. Erst als er durch Zufall die Schriften Søren Kierkegaards entdeckt, beginnt er sich selbst zu begreifen. Nach der Lektüre von Kierkegaards "Die Wiederholung" sieht er sogar seine Ehe, die er als langweilig und reizlos empfand, in neuem Licht: "Man redet immer weniger miteinander, und auf Außenstehende wirkt das wie Langeweile und Entfremdung. Daß man auf den ersten Blick sieht, welche Paare in einem Restaurant miteinander verheiratet sind, weil sie beim Essen nicht miteinander reden, ist ja bekannt. Führen diese Paare nun eine unglückliche Ehe? Keineswegs. Sie benehmen sich nur so wie in ihrem häuslichen Alltag. Nicht, daß sie einander nichts zu sagen hätten; es ist einfach nicht mehr nötig, daß sie es aussprechen. Glücklich verheiratet zu sein bedeutet, daß man Ehe nicht spielt, sondern lebt, daß man sich in ihr wohl fühlt wie ein Fisch im Wasser. Das Erstaunliche ist, daß Kierkegaard das instinktiv begriff, auch wenn er nie verheiratet war und die große Chance, diese Erfahrung zu machen, ein für allemal verspielt hat."

Tubbys Ehefrau Sally vermag dieser Sichtweise jedoch wenig abzugewinnen. Sie eröffnet ihm, dass sie ihn verlassen will. Seine Suche nach sich selbst führt Tubby schließlich auf die Spuren seiner Jugendliebe Maureen Kavanagh, die in einer streng katholischen Familie großgeworden ist - und schließlich auf den nordspanischen Jakobsweg: Kurz vor Santiago de Compostela trifft er Maureen wieder.

In "Therapie" verknüpft Lodge Eindrücke seiner Kierkegaard-Lektüre mit weiteren biografischen Elementen, wie etwa der Auseinandersetzung mit dem Katholizismus, und kleidet diese in die heiter erzählte Geschichte einer Selbstfindung.

Mit "Denkt" begibt sich Lodge jedoch wieder auf das vertraute Terrain des Campus-Romans: Wie in früheren Werken ist der Handlungsort dieses Romans, dessen Titel auf die Sprechblasenform von Comics anspielt, eine Universität in der englischen Provinz. Auch die Figurenkonstellation ist genretypisch: ein ungleiches Paar, bestehend aus einem smarten, mediengewandten Uni-Karrieristen, Familienvater und Schürzenjäger, und einer sensiblen, ein wenig verträumten, schöngeistigen Schriftstellerin. Ralph Messenger, der männliche Part des antagonistischen Paars, ist ein erfolgreicher Kognitionswissenschaftler. Er untersucht das menschliche Bewusstsein und hat die Vision, einen denkenden Computer zu entwickeln. Helen Reed, die Schriftstellerin nimmt an der Universität eine Gastdozentur für Kreatives Schreiben wahr - eine neue Erfahrung, die ihr helfen soll, über den Tod ihres Mannes hinwegzukommen. Während der Materialist Messenger an die Messbarkeit sämtlicher Vorgänge, an die Berechenbarkeit von Gedanken und Gefühlen glaubt, verteidigt Helen die Einzigartigkeit der menschlichen Seele, das Individuum und dessen Selbstachtung. Nachdem die beiden sich in Gesprächen über Existenz und Beschaffenheit des menschlichen Bewusstseins nähergekommen sind, lässt sich Helen nach einigen Verwicklungen und Enthüllungen auf eine Affäre mit Ralph ein. Am Ende lässt Lodge die Imagination über die Wissenschaft siegen: In einer flammenden Schlussrede verteidigt Helen, die davon ausgeht, dass Bewusstsein vor allem durch Literatur dokumentiert wird, die dichterische Fantasie.

Seinen Reiz gewinnt das Buch durch die virtuose Verschränkung unterschiedlicher Erzählebenen und die stilistische Experimentierlust des Autors. Präsentiert werden der per Tonband aufgezeichnete, ungefilterte Bewusstseinsstrom des Professors, der in einem Selbstversuch die Struktur des Denkens ermitteln möchte, das sorgfältig formulierte private Tagebuch der Schriftstellerin sowie die Perspektive des allwissenden Erzählers. Elegant hat der Erfolgsautor aus Birmingham wissenschaftliche Theorien und philosophische Diskussionen in den Zusammenhang einer raffinierten Beziehungsgeschichte verwoben. Gewiss: Manchmal ist der didaktische Ehrgeiz des früheren Professors ein wenig zu offensichtlich. Aber warum auch nicht? Dass er nicht nur unterhalten, sondern auch belehren will, macht zu einem großen Teil den Reiz seiner Bücher aus.

Schon in "Denkt" finden sich zahlreiche Anspielungen auf den Schriftsteller Henry James (1843-1916). Denn an den Werken dieses Autors, der gerade das Innenleben seiner Figuren detailliert und mit großer Sorgfalt ausgeformt hat, lässt sich studieren, wie die Literatur Bewusstsein darstellt. In seinem neuesten Roman "Autor, Autor" erzählt Lodge nun die Lebensgeschichte des Schriftstellers, der ausführliche Tagebücher und viel Korrespondenz hinterlassen hat. Die Rahmenhandlung, beginnend im Dezember 1915, beschreibt die letzten Wochen seines Lebens, seinen geistigen Verfall, Krankheit und Tod und seinen Nachruhm, der vor allem in der angelsächsischen Welt bis heute anhält. Im Hauptteil blickt Lodge auf eine Schaffenskrise des in New York geborenen Schriftstellers, der seit 1876 hauptsächlich in London lebte, zurück. Der Glanz seiner frühen Erfolge verblasst langsam, die Verkaufszahlen seiner Bücher gehen zurück. Dem Autor droht eine größere finanzielle Notlage, als er beschließt, sich als Bühnenautor zu versuchen. Erst nach einigen katastrophalen Misserfolgen sieht er ein, dass seine Karriere als Dramatiker zum Scheitern verurteilt ist.

In dieser Zeit der Anstrengungen, Hoffnungen und Niederlagen spielen zwei Freundschaften mit anderen Autoren für James eine große Rolle: mit dem Cartoonisten und Illustrator George du Maurier und der amerikanischen Autorin Constance Fenimore Woolson. Während James als Theaterautor auf Ruhm und Glück hofft, versucht sich George du Maurier, dessen Augen immer schlechter werden, als Romancier. Mit dem 1894 veröffentlichten Roman "Trilby" gelingt ihm ein triumphaler Erfolg.

Lodge beschreibt die Höhen und Tiefen des Schriftstellerdaseins: Obsession und Frustration, Verzweiflung und Leidenschaft, Niederlagen und die Wichtigkeit des Durchhaltens. Seine größten Werke sollte Henry James erst später verfassen, von seinem erfolglosen Ausflug ins Fach des Dramatikers ließ er sich nicht entmutigen.

Zugleich präsentiert Lodge Henry James als Autor, der eine beinahe religiöse Berufung zur Kunst fühlt, der Kunst sein Leben weiht und dabei ehelos lebt wie ein Priester. In seinen Werken versuchte er, "die zölibatäre Hingabe an seine Kunst gleichzeitig zu erklären und zu verklären". James, der mit soviel psychologischer Schärfe über Liebe und Eheleben zu schreiben vermochte, hat aus freier Entscheidung sein Leben lang allein gelebt. "Er wußte natürlich um den rein mechanischen Akt der Fortpflanzung und war durch illustrierte Erotica - Lord Houghtons Sammlung auf dessen Landsitz war besonders aufschlußreich gewesen - vertraut mit den Varianten und Perversionen, die dank menschlichen Einfallsreichtums und menschlicher Verderbtheit hinzugekommen waren, aber es war ihm unmöglich sich vorzustellen, er selbst könnte derlei Handlungen - auch nur auf die elementarste Weise - jemals vollziehen." Seine Haltung rief in seinem Umfeld eine gewisse Verwunderung hervor - zumindest, solange er jung war: "Ein Trost des Alters - vielleicht der einzige! - war es, daß sein angeborener Mangel an Lustgefühlen seiner Umwelt immer weniger bemerkenswert erschien."

David Lodge malt in "Autor, Autor" die Innensicht eines Schriftstellerlebens aus und setzt dabei einem großen Schriftsteller ein Denkmal. Die Fakten, die Lodge zusammenträgt, fügen sich zu einem lebendigen Bild, das auch ungewöhnliche Schattierungen aufweist. Wer Lodges Campus-Romane kennt, mag von dem ungewohnten, gemessenen Tonfall des Buchs überrascht sein, mag vielleicht Witz und Ironie vermissen, obwohl "Autor, Autor" einige höchst humorvolle Passagen enthält. Dennoch findet er auch hier Vertrautes wieder, etwa die überzeugende psychologische Motivierung der Figuren. Und auch mit "Autor, Autor" liefert der Brite wieder eine Kostprobe seines ganz besonderen Talents: Wie kaum ein anderer weiß Lodge geistreich und zugleich unterhaltsam zu erzählen und dabei das Schwere ganz leicht aussehen zu lassen.


Titelbild

David Lodge: Autor, Autor. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann.
Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2006.
543 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3861505673

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

David Lodge: Therapie & Denkt. Zwei Romane.
Übersetzt aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann und Martin Ruf.
Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2006.
920 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3861505681

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch