Mit einem Hauch von Zelluloid

Antal Szerbs Königsroman

Von Klaus BonnRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Bonn

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nein, Antal Szerbs "Oliver VII." ist kein historischer Roman, wie der Titel womöglich vermuten lässt, und auch kein Schelmenroman, wie der Klappentext es weismachen möchte. Die Rede ist von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die Handlung setzt ein in der Hauptstadt Alturiens, einem Südland, das reich an Sardinen und berühmt für seinen Wein ist. Es ist ein Land, gefertigt aus Fantasie und Poesie, den Fantasien Michael Endes verwandt, und doch mit genügend realpolitischen Details bestückt, dass es mit Musils Kakanien liebäugelt, dem Geisteszustand dort im Heraufdämmern der nahen Kriegswirren. Büchners Lustspiel "Leonce und Lena" könnte einem einfallen, aber auch als Gegenpart die Tragödie vom dänischen Prinzen Hamlet.

Szerb erstattet, anders als in "Das Halsband der Königin", nur zu Beginn der Erzählung Bericht über die politischen Verhältnisse und den Ablauf einer Intrige. Dem Drama vom "Halsband" setzt er in "Oliver VII." eine mit Verve erzählte romaneske Komödie entgegen, eine Art Satyrspiel zur Tragödie. Beide Texte sind im Jahr 1943 erschienen, "Oliver" schon unter dem Pseudonym A. H. Redcliff. Keine der Figuren aus der Königsgeschichte stattet Szerb mit einem festen Charakter aus, vielmehr lässt er Typen auftreten, die mehr oder weniger entrückt wirken, wie durch Glas schimmernd, als seien es Leinwandgestalten, Gebilde aus Licht und Schatten, gebannt auf Zelluloid. Manche von ihnen scheinen direkt dem Fundus der Commedia dell'arte entsprungen, ausnahmslos alle spielen ihr Spiel oder doch eine ihnen zugeteilte oder aufgedrängte Rolle. Alturien hat abgewirtschaftet, an eine Sanierung des Staatshaushalts aus eigener Kraft ist nicht zu denken. Darum hat der Finanzminister einen Deal mit dem norländischen Geschäftsmann Coltor ausersonnen, der das Land vor dem Niedergang bewahren soll. In Coltor nämlich hat die Hypertrophie des erfindungsreichen Finanzwesens seine volle Ausprägung gefunden. "Er war es, der unter anderem aus Zwiebeln errichtete Hauswände, Stoffzigaretten sowie von Ameisen angetriebene Schnellkocher einführte und der aus dem berüchtigten norländer Nebel Speiseöl herstellen konnte."

Jetzt soll der Norländer die Finanzlage Alturiens in Ordnung bringen; dafür sollen ihm dann sämtliche Befugnisse über die Sardinen- und Weinproduktion des Südlandes übereignet werden. Zur Stabilisierung und als Garantie der Verbindlichkeiten ist überdies die Vermählung Olivers mit der norländischen Kaisertochter Ortrud vorgesehen. All das schafft Unruhe, die von der Tagespresse initiiert und geschürt wird. "Und das Volk von Alturien schluckte mit wachsender Bereitschaft die tägliche Lava, die ihnen die Zeitungen vorsetzte. Die Regierung unternahm nur ein paar schüchterne Versuche, die Blätter zum Schweigen zu bringen, aber zu jener Zeit war die Technik des Mundtotmachens der Presse noch äußerst unentwickelt."

Der Widerstand formiert sich. Die Verschwörer verfolgen den Plan, Oliver zur Abdankung zu zwingen und den "schon recht klapprig[en]" Fürsten Geront, seinen fünfundsiebzigjährigen Onkel, auf den Thron zu heben. Damit wäre das durch die Hetzkampagne der Zeitungen aufgebrachte Volk erst einmal besänftigt und eine Einmischung der Norländer in alturische Angelegenheiten zunächst abgewandt. Dass die Verschwörer einem "Namenlosen Kapitän" folgen, den niemand bisher zu Gesicht bekommen hat, erinnert an Dr. Mabuse, und überhaupt nimmt sich die Szene der konspirativen Sitzung im Palast als gespenstisch filmexpressionistisch aus. Szerb vermerkt: "Alle wußten aus der Geschichte und aus Filmen, was es bedeutet, wenn eine Menschenmenge in einen Königspalast eindringt." Der vermeintliche Staatsstreich indes verläuft ohne Gewalt. Oliver heiratet die schon zur Hochzeit angereiste Ortrud nicht, verzichtet bereitwillig auf den Thron und verlässt den Ort des Geschehens. Er selbst, der König, so stellt es sich einem der Verschwörer, dem Maler Sandoval, heraus, war in die Rolle des "Namenlosen Kapitäns" geschlüpft, um seinen eigenen Sturz in Szene zu setzen. Der größte Teil der Romanhandlung spielt darauf in Venedig, wo Oliver und sein Flügeladjutant, beide unter falschem Namen, die Bekanntschaft des Hochstaplers Graf Saint Germain und seiner Gefolgsleute machen. Oliver, der sich Oscar nennt, möchte das Leben der einfachen Leute kennenlernen. Fürstin Clodia, die unterdessen die Amtsgeschäfte Alturiens leitet, beauftragt Sandoval, nach Venedig zu reisen, dort ihren Cousin Oliver aufzuspüren. Über die Presse sind zwar die verschiedensten Spekulationen in Umlauf, doch Clodia habe von einer Vertrauten Kenntnis darüber, dass Oliver sich in der Lagunenstadt aufhalte. Durch die zufällige Begegnung Sandovals mit dem ehemaligen Flügeladjutanten des Königs und den Auftrag, ein täuschend echtes Tizian-Gemälde anzufertigen, gewinnt Sandoval Zutritt zu den Leuten um Saint Germain. Und damit setzt ein rasantes, filigran ausgesponnenes, ja sich selbst überbietendes Verwirr- und Verwechslungsspiel ein, bei dem keiner dem anderen mehr trauen kann, bei dem aber niemals der Eindruck entsteht, dass jemand ernsthaft zu Schaden kommen könnte.

Alle Verwicklungen lösen sich auf wundersame Weise, wie bei brillant ausgetüftelten Screwballkomödien, ohne dass am Ende allen Beteiligten aufgehen würde, wie ihnen geschah. Nachdem der Coup mit dem falschen Tizian an einem cleveren Amerikaner, den man für blöd gehalten hat, gescheitert ist, taucht unversehens Coltor in Venedig auf. Saint Germain wittert seine Chance, und Oscar fürchtet um die Entdeckung seiner Person. Der Hochstapler nimmt Kontakt zu Coltor auf, eröffnet ihm ein Treffen mit dem König Alturiens und stellt ihm die Schließung des damals nach dem Aufstand gescheiterten Vertragswerks in Aussicht. So kommt es, dass Oliver als Oscar die Rolle seiner selbst spielt. Der ehemalige König fügt sich allmählich in dieses Spiel. "Von morgen an bin ich nicht mehr Oscar, sondern der falsche Oliver VII., der Doppelgänger meiner selbst." Die Gaunerei könnte reibungslos verlaufen, Coltor glauben gemacht werden, er habe den ,echten' König vor sich, wäre da nicht Harry Steel, der amerikanische Sensationsreporter, von dem es heißt: "Er war es, der in einem unbewachten Augenblick sogar den zu Tode erschrockenen russischen Zaren kurz nach dem Bombenattentat interviewt hatte." Steel hat über den alturischen Grafen Antas in Erfahrung bringen können, Coltor solle durch eine Bande von Hochstaplern hinters Licht geführt werden. Er lechzt nach einer großen Story und sucht den Betrügerring auf frischer Tat zu ertappen. Steel entlarvt Saint Germain und erkennt seine Komplizin Marcelle wieder. Zur Verblüffung Steels erkennt Antas seinen König wieder, der, um Saint Germains Haut zu retten, diesen kurzerhand als seinen Majordomus ausgibt. Der Vertrag zwischen Coltor und Oliver wird, mit erheblichen Einschränkungen der norländischen Vollmachten und Zugeständnissen an das alturische Volk, geschlossen, der König kehrt auf den Thron zurück und wird Ortrud ehelichen.

Er hat während seiner Abwesenheit, so sagt er, etwas gelernt: "Ich habe mein Land verlassen, weil ich mich danach sehnte, genauso zu leben wie andere Menschen, genauso zu sein wie irgendein anderer Mensch. Heute weiß ich, daß dies eine unerfüllbare Sehnsucht ist. Jeder Mensch, wenn er im guten Sinne des Wortes ein Mensch ist, hat eine Berufung." Und Saint Germain, dem er zu Dank verpflichtet ist für diese Erkenntnis, möchte er gerne in Alturien als seinen Finanzberater halten. Der aber bleibt seiner eigenen Berufung treu: "Mein finanzielles Talent besteht darin, aus dem Nichts Geld zu machen und mich, wenn ich wieder vor dem Nichts stehe, nach weiteren Geldquellen umzusehen."

Antal Szerb, der zwei Jahre nach dem Erscheinen des Romans unter falschem Namen von den Nazis im KZ Balf erschlagen wurde, hat das sich abzeichnende Grauen mit einer Komödie konterkariert, als wollte er ausrufen, auch er: "Seht her, das Leben ist schön." "Oliver VII." ist seine letzte literarische Arbeit gewesen.


Titelbild

Antal Szerb: Oliver VII. Roman.
Übersetzt aus dem Ungarischen von Ita Szent-Iványi.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006.
174 Seiten, 8,50 EUR.
ISBN-10: 3423134747

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