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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2008 » Kultur- und Medienwissenschaft
 
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Bald wieder rezeptpflichtig?

Annerose Menningers Studien über die Geschichte der Genussmittel Kaffee, Tee, Kakao und Tabak

Von Stefanie Hartmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ungemein kenntnisreich, wenn auch etwas trocken informiert die Habilitationsschrift von Annerose Menninger über Herkunft und Bedeutungswandel der heute weit verbreiteten Genussmittel Tabak, Tee, Kaffee und Kakao. Damit bietet Sie nicht nur eine Ergänzung zu den selbst auf Genuss hin angelegten, stark bebilderten, aber oftmals wenig fundierten Coffee Table Books zu Themen wie Schokolade, Kaffee und Tee, sondern greift auch ein Genussmittel auf, das inzwischen höchst umstritten ist: Tabak.

"Mit besonderem Nachdruck wird der medizinische Diskurs über die Gefährlichkeit des Tabakkonsums seit der Mitte des 20. Jahrhunderts geführt und ist längst auch ein Politikum geworden, und zwar eines von internationaler Tragweite, wobei die modernen Industrienationen, namentlich europäische Länder und die USA, tonangebend sind."

Menninger erklärt, warum bis zum letzten Jahrhundert Viruserkrankungen wie die Tuberkulose die weitaus größere Herausforderung der Medizin waren. Erst als man diese Krankheiten eindämmen konnte und die Lebenserwartung insgesamt zu steigen begann, geriet die Langzeitwirkung des Rauchens ins Blickfeld. Zwar hatte man bereits im 19. Jahrhundert Nikotin als Nervengift ausgemacht, doch durch den raschen Abbau des Giftes im Körper führte Rauchen nicht zu einer unmittelbaren Vergiftung (auch wenn von einem spektakulären Giftmord durch Nikotin, verabreicht über Speisen und Getränke, in der Mitte des 19. Jahrhunderts berichtet wird).

Dabei wurde Tabak in den amerikanischen Ursprungskulturen äußerst vielfältig angewendet: Als Rauschmittel versetzte er während religiös-kultischen Veranstaltungen Schamanen in Trance, in der Medizin wurde er aufgrund seiner beruhigend-betäubenden, sowie antiseptischen Wirkung eingesetzt und die soziale Bedeutung der "Friedenspfeife" ist jedem bekannt.

Die Einführung der vier genannten Genussmittel in Europa, wo die Substanzen das erste Mal aufeinander trafen, bedeutete völlig neue Erfahrungen hinsichtlich Geschmack und Konsum. Bislang gab es keine heißen Getränke (abgesehen von einigen medizinischen), und der Vorgang des Rauchens war ein dermaßen fremder Anblick, dass der mutmaßlich erste englische Pfeifenraucher Walter Raleigh von einem fürsorglichen Diener mit Wasser übergossen worden sein soll als Rauch aus seinem Mund quoll. Oft wurden Tabakgenuss und Tee- oder Kaffeekonsum miteinander kombiniert.

Allen vieren ist gemein, dass sie durch ihren bitteren Geschmack zunächst eher nicht den europäischen Geschmack trafen. Kakao wurde erst in der Verbindung mit Zucker und Milch beliebt, die Essschokolade ist gar eine europäische Erfindung. Folgerichtig wurden Kaffee, Tabak & Co. zunächst nicht nur als Genuss-, sondern vor allem als Heilmittel empfohlen, unter anderem gegen Krankheiten, die aus den neu entdeckten Teilen der Welt eingeschleppt wurden - in der nahe liegenden Vermutung, dass das Gegenmittel gegen eine Krankheit dort wächst, wo die Krankheit zu Hause ist.

So lernten die Spanier schnell die Wirkung des Tabaks gegen Symptome der Syphilis kennen. Wissenschaftliche Abhandlungen thematisierten zudem bald seine den Geist anregende Wirkung. Man glaubte, Tabak könne Würmer aus dem Körper treiben, den Auswurf von Nasen- und Lungenschleim fördern, Menstruationsschmerzen mindern, die Sehkraft schärfen, Mundfäule und Cholera-Erkrankungen verhindern und vieles mehr.

Dagegen wurde Kakao wegen seines Nährwertes geschätzt, Tee wegen seiner Wirkung gegen Verdauungsstörungen, Nierenstein und Fieber. Den Kaffee lobte man wegen seiner die Verdauung fördernden Funktion. Dass man Tabak gegen Epidemien einsetzte, wundert nicht: Räucherte man schon früher während der Pest Wohnräume aus, so nahm man jetzt zu diesem Vorgang das neu entdeckte Kraut zu Hilfe. Allerdings ging die Medizin auch davon aus, dass der regelmäßige Konsum der vier Genussmittel zwar eine prophylaktische Wirkung habe, dass sich der Konsum jedoch in Grenzen halten sollte, da sonst negative Wirkungen für die Gesundheit nicht ausgeschlossen seien.

Doch gerade der Tabak rief bald entschiedene Gegner auf den Plan. Der englische König Jacob I. ließ Obduktionen durchführen, um die Schädlichkeit des Rauchens nachzuweisen. 1746 schrieb Simon Paulli von diesen obduzierten Rauchern: "who were afflicted with incurable Disorders of the Breast, Deliriums, Watchings, and Convulsions. [There] Lungs found black and parched, just if they had been indurated in Smoke".

Im selben Jahrhundert stellen die Pioniere der Krebsforschung Tabak als Ursache für Nasen- und Lippenkrebs fest. Die Befürworter des Tabaks haben sich trotzdem durchgesetzt, dennoch gab es bereits früh Rauchverbote, so zum Beispiel 1635 in Frankreich, 1659 in Bern - wobei der medizinische Gebrauch ausgenommen war. 1768 verbot Friedrich II. im Fürstentum Minden das Kaffee- und Teetrinken ohne ärztliches Attest. Kurioserweise bewirkten die Gegner der neuen Genussgifte sogar das Gegenteil dessen, was sie wollten, wenn sie behaupteten, Kaffee und Tabak verursachten Impotenz. Ein italienischer Gelehrter empfahl daraufhin der katholischen Geistlichkeit wegen des Zölibats Tabak.

Es zeigt sich also: Die derzeitige Diskussion von Rauchverboten hat nicht nur politische und medizinische Dimensionen. Es handelt sich auch um ein neues Kapitel in der Kultur- und Handelsgeschichte eines äußerst vielseitigen Produkts. In dieser Geschichte spielen Wirtschaft, Globalisierung, Politik, Entwicklung bürgerlicher Räume, medizinischer Fortschritt und vieles mehr eine Rolle.

Als Folie zum Verständnis zahlreicher Kunstwerke - um nur eines zu nennen: Der Kolonial-Roman "Max Havelaar" des Niederländers Eduard Douwes Multatuli - wird sich die Darstellung Menningers sogar als unentbehrlich erweisen.


Titelbild

Annerose Menninger: Genuss im kulturellen Wandel. Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade in Europa (16.-19. Jahrhundert).
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2004.
488 Seiten, 68,00 EUR.
ISBN-10: 3515086242

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Letzte Änderung: 03.04.2008 - 14:12:44
Erschienen am:23.04.2008
Lesungen: 2313
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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