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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2008 » Kultur- und Medienwissenschaft
 
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Die Sonne als Spiegel

Zu Dieter Hildebrandts "Die Sonne - Biografie unseres Sterns"

Von Martin JankowskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Jankowski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dieses Buch ist eine Mogelpackung. Wer, wie der Rezensent, dem Untertitel vertraut und die "Biographie unseres Sterns" erwartet, wird enttäuscht, denn in diesem fast 400 Seiten starken Bildungsschmöker bleibt astronomisches Sachwissen leider marginal und ist nur in den nötigen Basisangaben über den (an sonstigem Wissen reichhaltigen) Text verteilt. Allerdings könnte man aufgrund der barocken Bildallegorie auf dem Cover erahnen, dass es sich bei diesem Buch eben nicht um ein astronomisches Sachbuch und eigentlich auch nicht um eines über die Sonne handelt. Wer jedoch den Autor Dieter Hildebrandt und seine profunde bildungsbürgerliche Manier schon kennt, wird es gewusst haben: Dieser Text ist ein gelehrter Ritt durch die menschliche Geistesgeschichte am Beispiel der (überwiegend europäischen) Vorstellungen von der Sonne. Das Buch verrät wenig über den Lebenslauf der Sonne selbst, aber umso mehr über Weltbilder und Kunstauffassungen, über die Genese unseres Denkens über die Sonne - kurz, über uns Menschen und unsere Geistesentwicklung im Lichte des Zentralgestirns. Der Fixstern als Spiegel unserer eigenen Kulturgeschichte. Soweit die Buchidee.

Ist die erste Enttäuschung über den irreführenden Titel überwunden, wird man mit einem wahren Füllhorn an interessanten kulturgeschichtlichen Fakten und Geschichten belohnt. Nicht alles was man über die Sonnenauffassungen und ihre kulturellen Auswirkungen erfährt, ist neu, vieles jedoch aus weit entfernten Quellen zusammengetragen und interessant geschrieben. In einem ausführlichen Spaziergang durch die Kulturgeschichte, die den üblichen eurozentrischen Bildungsstationen (Ägypten, Griechenland, europäisches Mittelalter, dann Kopernikus, Bruno, Kepler, Galilei, Descartes, Newton, Herschel, Kant, Einstein) folgt, erfährt man mitunter bisher wenig beachtete Details. Auch wenn sich der Autor hier und da (zum Beispiel in der Darstellung bestimmter antiker philosophischer Strömungen) weit von seinem eigentlichen Thema entfernt, lässt sich der Text doch immer mit Vergnügen und Gewinn lesen. Allerdings findet sich trotz aller Gründlichkeit in dieser Darstellung am Ende außer dem unvermeidlichen Ausflug zu den Sonnenkulten der Azteken kaum etwas über die Sonnenkonzepte jenseits der westeuropäischen Tradition. Und auch die astronomischen Anstrengungen der Gegenwart, die Ergebnisse der immens voranschreitende internationale Sonnenforschung, werden kaum mit einem Nebensatz erwähnt; die Sondenflüge der letzten Jahrzehnte und ihre Ergebnisse bleiben ganz verschwiegen und selbst die existenzielle Bedeutung der Sonne für die menschliche Kultur der Gegenwart und nahen Zukunft (Stichworte Klimawandel und Energiegewinnung) werden im letzten Kapitel eher rhetorisch als fundiert abgehandelt.

Wer aber seine klassische kulturgeschichtliche Bildung auffrischen und erweitern möchte, dem bietet dieses Buch eine Vielfalt an geschichtlichem Wissen, kulturellen Hintergründen und nicht wenigen bedenkenswerten Schlussfolgerungen über den Zusammenhang von Welt(all)bild und kultureller Praxis. Wir bekommen lebendige Porträts von Sonnensuchern wie Thomas von Aquin oder Giordano Bruno gezeichnet, werden vertraut gemacht mit einem Querschnitt von Sonnenpoesie durch die Jahrhunderte, und dürfen Schritt für Schritt mitfiebern beim Ringen um wissenschaftliche Welterkenntnis. Leider schleicht sich in den Ton des Autors hier und da eine Art von Geschwätzigkeit in Form von wertenden Kommentaren ein, die mit der Fülle der Fakten kaum mithalten kann und dem Ganzen mitunter eine Art Erbauungston verleiht. In diesen Passagen hätte man sich einen mutigeren Lektor gewünscht, denn nicht jeder Absatz in diesem Buch gehört zwingend zum Thema. Vermutlich ist jedoch der Respekt vor dem Autor zu groß, der sich mit Klassikern der kunstgeschichtlichen Sachliteratur ("Lessing - Biographie einer Emanzipation" 1979, "Pianoforte - Roman des Klaviers im 19. Jahrhundert" 1985, "Saulus/Paulus - ein Doppelleben" 1989, "Die Neunte - Schiller, Beethoven und die Geschichte eines musikalischen Welterfolges" 2005) längst selbst zum schreibenden Klassiker gemausert hat.

Hildebrandt sagt in seinem Buch, wer über die Sonne schreibe, hätte es in Wirklichkeit mit drei Kugeln zu tun: der Sonne selbst, der Erde und dem menschlichen Kopf. In seinem Buch ist letztere das Zentralgestirn, um das sich alles dreht.


Titelbild

Dieter Hildebrandt: Die Sonne - Biografie unseres Sterns.
Carl Hanser Verlag, München 2008.
392 Seiten, 23,50 EUR.
ISBN-13: 9783446230187

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Letzte Änderung: 02.07.2008 - 11:06:40
Erschienen am:23.06.2008
Lesungen: 2572
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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