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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2010 » Literaturwissenschaft » Von Mitarbeitern
 
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Der von Friedhelm Rathjen herausgegebene Band „Ships in the Night“ versammelt Lyrik aus dem Fundus Arno Schmidts

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Spätestens zu Ende der 1940er-Jahre verabschiedet sich Arno Schmidt von der Lyrik als literarischer Kunstform. Den Erzähler des Romans „Aus dem Leben eines Fauns“ lässt er dekretieren: „So: Epos, Lyrik, Ballade: das ist nichts für mich“. Diese Aussage gilt zu diesem Zeitpunkt auch für Schmidt selbst. Dennoch hat er über einen beträchtlichen Fundus an englischsprachigen Gedichten und Liedern verfügt, und Spuren dieser Texte finden sich in allem, was Schmidt bis zu seinem Tod 1979 geschrieben hat.

Vieles von dem, was in diesen Fundus eingegangen ist, hat Schmidt sich schon in seiner frühen Lebens- und Lesezeit (bis etwa 1950) angeeignet; eine Anthologie dieser Gedichte und Lieder erschien vor fünf Jahren unter dem Titel „Music at Night“. Der nun vorgelegte Band „Ships in the Night“ schließt daran an und präsentiert vor allem solche lyrischen Texte, die Schmidt in späteren Jahren kennengelernt und wiederum in sein eigenes Werk eingearbeitet hat.

Einige der Autoren, die Schmidt in den 1950er und 1960er-Jahren ihrer Prosa wegen rezipiert, haben auch Gedichte geschrieben (etwa die Geschwister Brontë, Lewis Carroll und auch Edward Bulwer Lytton), und natürlich hat Schmidt mit dem Gesamtwerk solcher Autoren auch die lyrischen Teile zur Kenntnis genommen. Bei der Arbeit an „Zettel’s Traum“ dann kann er bei den Analysen der Werke von Edgar Allan Poe dessen Gedichte keineswegs auslassen; überhaupt sind unter den von Schmidt so genannten „Dichterpriestern“ überdurchschnittlich viele Lyriker, und so kehrt er in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre lesend und analysierend zur Lyrik zurück – nicht weil er plötzlich wieder ein Herz für Gedichte entdeckt hätte, sondern weil Gedichte und ihre typischen Autoren für seine psychoanalytisch unterfütterten neuen Analysemethoden sich als besonders fruchtbar erweisen. Die von Schmidt vornehmlich in den 1960er und 1970er-Jahren rezipierten Gedichte englischer Sprache, die das Gros der Texte in „Ships in the Night“ ausmachen, sind also für ihn nicht unbedingt Lieblingsverse gewesen, sondern oft sogar das Gegenteil: Nämlich Verse, deren literarischen Wert er eher gering veranschlagte und die er bisweilen dezidiert nicht mochte. Dennoch ist es für quellenkundlich interessierte Schmidt-Leser wichtig, diese Verse zu kennen, und zwar im hier präsentierten englischsprachigen Original, weil sie auf die eine oder andere Weise in die Komposition der Schmidt’schen Spätwerke eingegangen sind.

Neben jenen Gedichten, die er sich aneignet, ohne sie wirklich zu schätzen, tauchen in seiner Bibliothek und seinem Werk in den späten 1960er und vor allem den 1970er-Jahren aber auch wieder lyrische Texte auf, die er zu goutieren und nicht nur strategisch einzusetzen scheint. Dabei handelt es sich in auffälligem Maße um (häufig lange) Dichtungen, die einerseits die Frustrationen und Defekte des Alters, andererseits die Umstände eines geruhsamen Landlebens zum Thema haben. Es ließe sich die These vertreten, Schmidt habe seine eigene Existenz in Bargfeld durch planmäßige Lektüre solcher Texte zu einer Art Landsitzdasein stilisieren wollen – ebenso ist möglich, dass er keineswegs seine eigenen Lebensumstände, sondern diejenigen einiger seiner gealterten Figuren so auszustaffieren suchte.

Die chronologisch nach Lebensdaten der Verfasser sortierte Anthologie endet im frühen 20. Jahrhundert; augenscheinlich hat Schmidt von der englischsprachigen Lyrik seiner eigenen Lebenszeit sehr wenig wahrgenommen. Der Bogen der genau einhundert lyrischen Texte, die in „Ships in the Night“ abgedruckt sind, spannt sich deshalb von John Skelton und Sir Philip Sidney bis zu Rudyard Kipling und James Elroy Flecker, danach kommt nichts mehr. Da es dieser Anthologie nicht um die Texte als solche, sondern primär um ihren Nutzwert für Schmidt geht, werden im editorischen Anhang die Quellen nachgewiesen, aus denen er die Texte kannte. Außerdem finden sich dort detaillierte Hinweise auf die Verwertung der einzelnen Verse in Schmidts Werk.

Anmerkung der Redaktion: literaturkritik.de rezensiert grundsätzlich nicht die Bücher von regelmäßigen Mitarbeiter / innen der Zeitschrift sowie Angehörigen der Universität Marburg. Deren Publikationen können hier jedoch gesondert vorgestellt werden.

Kein Bild

Friedhelm Rathjen (Hg.): Ships in the night. Arno Schmidt's Second Garden of Verses.
Edition ReJOYCE, Scheeßel 2009.
172 , 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783000293696

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Letzte Änderung: 11.03.2010 - 14:12:17
Erschienen am:09.12.2009
Lesungen: 1235
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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