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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2000 (2. Jahrgang) » Sachbücher » Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte
 
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Epiphanie einer Männerphantasie

Franziska Sperrs Roman-Biographie Franziska zu Reventlows

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Mutter und Hetäre" - wie keine andere Frau verkörperte Franziska Gräfin zu Reventlow diesen Mythos der Schwabinger Boheme um 1900. Es schien, als sei eine Göttin aus dem Pantheon der Männerphantasien herabgestiegen, mit Ludwig Klages als Hohem Priester. Franziska zu Reventlows Schriften offenbaren jedoch ein doppelt gebrochenes Verhältnis zum doppelten Mythos: Zum einen in der oft verzweifelten Traurigkeit der Tagebücher jener Zeit, in denen sich immer wieder ein beklagenswertes Leben nicht nur innerer Einsamkeit spiegelt. "Im tiefsten Grunde bin ich überhaupt immer melancholisch gewesen", notiert sie am 1. Januar 1900, "aber die anderen Leute wissen es nicht." Und zum anderen gebrochen in der mal leichten, mal scharfen Ironie und dem immer treffsicheren Spott, mit denen sie - später - den Mythos in ihren autobiographisch geprägten Romanen aufs Korn nimmt. Insbesondere an "Herrn Dames Aufzeichnungen aus einem merkwürdigen Stadtteil" aber auch an "Von Paul zu Pedro" ist hierbei zu denken. Ironie und Spott galten jedoch weder ihrer Mutterschaft, noch ihrer promisken Liebeslust. Beide lebte sie mit Leib und Seele. Es war vielmehr der von den Kosmikern gesponnene Mythos der "Mutter und Hetäre", dem sie galten. Doch arbeitete Franziska zu Reventlow andererseits auch selbst nachhaltig an ihm: etwa indem sie eine Photographie verbreitete, die sie ganz in madonnenhaftem Weiß mit dem kleinen Sohn auf dem Schoß zeigt, oder durch ihre Auftritte im Schwabinger Karneval, etwa auf dem berühmten Kostümfest 1903 im Hause Karl Wolfskehls, einem ihrer zahlreichen Geliebten.

Franziska Sperr veröffentlichte 1995 eine Roman-Biographie über die Gräfin mit dem Titel "Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich", die nun als Taschenbuch neu aufgelegt wurde. Natürlich ist es ein schwieriges und nicht unproblematisches Unterfangen, eine Roman-Biographie über eine Person zu verfassen, die ihr Leben selbst literarisch verarbeitet hat. Deshalb kommt man nicht umhin, Sperrs Buch mit dem Werk - und natürlich dem Leben - Franziska zu Reventlows zu vergleichen. Manches aus Reventlows Leben vermisst man, manche Details stimmen nicht, und gelegentlich fabuliert die Autorin recht unbefangen drauflos. Doch das ist legitim, schließlich ist das Werk als Roman ausgewiesen.

Bedauerlich ist hingegen, dass Sperr aus der faszinierenden Persönlichkeit ihrer Protagonistin ein eher harmloses Buch gestrickt hat, das manchmal allzu bieder wirkt. "Da ist so viel Gezügeltes, das Echte nur im Ansatz", legt Sperr Adolf Herstein in den Mund, dem ersten Geliebten Reventlows und Kritiker ihrer Malerei. Diese Worte treffen exakt die Schwäche ihres eigenen Buches: Nach dem ersten Beischlaf mit Franziska sagt der gleiche Adolf Herstein in ihren Armen angesichts seiner Erkenntnis, dass sie noch Jungfrau gewesen war: "Du verblüffst mich". Worte, die nicht sehr echt klingen, dafür aber umso gezügelter. Hat Franziska zu Reventlow einen Orgasmus, so stockt ihr das Blut und die Erde steht still. Als sie ihr erstes Kind durch eine Frühgeburt verliert, drehen sich hundert Messer in ihrem Unterleib, und als sie stirbt ebenfalls, nur hat sich ihre Anzahl nunmehr verzehnfacht. Dass Franziska mit ihrem Bruder Ludwig in den Jahren vor seinem Tod "geistig so eng zusammengerückt" sei, wird zwar behauptet, aber nicht gezeigt, und wenn es heißt: "Genug des dionysischen Treibens", so fehlte zuvor von dionysischem Treiben jegliche Spur. Solche erzählerischen Schwächen sind zahlreich. Wirklich eindringlich gelingt der Autorin nur die Schilderung der verzweifelten Trauer Franziska zu Reventlows um ihr nur wenige Tage nach der Geburt gestorbenes Töchterchen. Doch auch hier reicht sie nicht an die Intensität der entsprechenden Tagebucheintragungen heran.

Gerechtfertigt erscheint, dass Sperr die Schriftstellerin Reventlow hinter der Malerin zurückstehen lässt. Malerei war ihre Passion, Literatur eher Broterwerb - einer neben zahlreichen anderen. Dass allerdings überhaupt nur zwei von Reventlows Schriften Erwähnung finden, "Ellen Olestjerne" und "Herrn Dames Aufzeichnungen aus einem merkwürdigen Stadtteil", wird ihrem schriftstellerischen Schaffen denn nun doch nicht gerecht.

Hinsichtlich der Gewichtung von Franziska zu Reventlows Lebensphasen fällt eine gewisse Unausgewogenheit ins Auge. Breiten Raum nehmen Kindheit und Jugend, die Zeit bis zum Tod des Vaters ein. Ihre letzten Jahre in Ascona werden hingegen auf nur wenigen Seiten abgetan. Das mag dem Umstand angelastet werden, dass Franziska zu Reventlow ihr Tagebuch nur bis 1910 führte, dem Jahr, in dem sie München verließ und Ascona aufsuchte. Wissenschaftliche Monographien zur Biographie der Gräfin tun sich mit ihrer Zeit in Ascona ebenfalls schwer. Doch auch unter Berücksichtigung der unbefriedigenden Quellenlage muss man Sperrs Buch anlasten, dass die Schilderung der durch den Anarchisten Erich Mühsam vermittelten Geldheirat mit dem Baron Rechenberg allzu knapp ausfällt, und deren finanzieller Fehlschlag in kaum mehr als einem Halbsatz fast völlig untergeht. Eine Episode, die Franziska zu Reventlow in ihrem Roman "Der Geldkomplex" als amüsante Satire geschildert hat.

Trotz der genannten Mängel des Buches ist seine Neuauflage als Taschenbuch zu begrüßen. Denn ungeachtet aller Schwächen könnte es doch den einen oder die andere dazu verführen, einmal zu einem der Bücher Reventlows selbst zu greifen. Es würde sich lohnen!


Titelbild

Franziska Sperr: Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich. Das Leben der Franziska zu Reventlow.
Goldmann Verlag, München 1999.
281 Seiten, 8,20 EUR.
ISBN-10: 3442725100

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:10:27
Erschienen am:01.09.2000
Lesungen: 15551
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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