Mit Empörung ist die Marke Steiner nicht zu erledigen

Irene Wagner bietet in „Der lange Schatten Rudolf Steiners. Die okkulten Hintergründe von Waldorf & Co“ ein anthroposophisches Absurditätenkabinett ohne Erkenntniswert

Von Christiane BarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christiane Barz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Rudolf Steiner ist bis heute der erfolgreichste Esoteriker der vorletzten Jahrhundertwende. Das liegt nicht in erster Linie an der Originalität der von ihm in den weltanschaulichen Neuorientierungswirren nach 1900 entwickelten Anthroposophie, sondern an deren praktischen Wirkungsfeldern, die sich als Marken Waldorf, Weleda und Demeter weit über Deutschland hinaus großen Zuspruchs erfreuen. Steiners Äther- und Astralleiber, planetarische Weltentwicklungsstufen und Wurzelrassen lösen dagegen außerhalb der Anthroposophengemeinde weithin Befremden aus. Nach wie vor gibt es ein beträchtliches Kenntnis- und Akzeptanzgefälle zwischen Theorie und Praxis der Anthroposophie.

Dieses Gefälle – jedenfalls für den Bereich der Kenntnisse – kritisch abzutragen, lässt der Titel von Irene Wagners Buch „Rudolf Steiners langer Schatten. Die okkulten Hintergründe von Waldorf & Co“ erwarten. In der Tat sind hier mehrere potentielle Hintergrundschichten auszuleuchten: Zunächst die Anthroposophie, deren Menschenbild, Weltanschauung und Erkenntnisbegriff die Grundlage für die Entwicklung der Praxisfelder Pädagogik, Medizin, Landbau, Tanz, Architektur und Ästhetik bilden. Davon unablösbar ist wiederum der kulturhistorische Hintergrund der Anthroposophie selbst: die Theosophie. Entgegen Steiners Selbststilisierung als hellseherischer Originalschöpfer seiner Lehre, die er vorgeblich in übersinnlicher Schau der „Akasha-Chronik“ – einer immateriellen Matrix der vorzeitlichen Weltgeschichte – entnommen haben will, besteht spätestens seit Helmut Zanders exquisiter Studie zur „Anthroposophie in Deutschland“ von 2007 kein Zweifel mehr darüber, dass Steiner sämtliche Kerningredienzien seiner Anthroposophie aus dem weltanschaulichen Fundus der Theosophie bezogen hat, deren deutsche Sektion er von 1904 bis 1912 leitete. Die Theosophie ist nun ihrerseits eine Mélange aus Anleihen bei den Weltreligionen, vornehmlich hinduistisch-buddhistischen Elementen (Karma, Reinkarnation), mit evolutionistischen Theorien und allerlei Beigaben aus Astrologie und diversen Mysterienkulten, die Helena Blavatsky und Annie Besant in den 1870er-Jahren zu einer quasi-unüberbietbaren universellen Weisheitslehre verschmolzen. Hinter der theosophischen Tiefenschicht der Anthroposophie tut sich nun noch ein weiterer wesentlicher Hintergrund auf: der anglo-amerikanische Spiritismus, dessen Protagonistin Blavatsky bis zur Gründung der „Theosophischen Gesellschaft“ im Jahr 1875 war. Aspekte dieses spiritistisch-theosophischen Erbes durchziehen die Steiner’sche Anthroposophie inhaltlich wie erkenntnistheoretisch. – Fürwahr viele Schichten „okkulter Hintergründe“, die es im Zusammenhang mit „Waldorf & Co“ zu erhellen gäbe.

Um es kurz zu machen: „Der lange Schatten Rudolf Steiners“ erfüllt in keiner Hinsicht seinen eigenen Anspruch. Es handelt sich um einen erstaunlich alltagsbezogenen Blick, offenbar ausgelöst von einer persönlichen Kollision mit der Waldorfpädagogik, der sich in einer einzigen sehr überschaubar informierten und durchdachten Polemik entlädt. Bereits auf der einundzwanzigsten von 383 langen Seiten steht der Satz: „Auf die Anthroposophie will ich nicht speziell und nicht ausführlich eingehen“. Hier könnte man das Buch zuklappen. Eine Publikation, die über „okkulte Hintergründe“ aufklären, sich mit denen aber nicht befassen möchte, sondern sich damit bescheidet, sich über „Phantastereien und absurde Theorien“ zu mokieren, ist von deutlich begrenztem Erkenntniswert.

Der Hauptteil der Darstellung widmet sich titelgemäß der Waldorfpädagogik. Die Darstellung besteht aus einem methodenlosen Sammelsurium persönlicher Eindrücke und dem weitschweifigen Referieren von wenigen Quellen, die weder auf den geistesgeschichtlichen Horizont der Zeit noch auf den Kontext aktueller erziehungswissenschaftlicher Erkenntnisse bezogen werden. Der Maßstab bleibt subjektiv-diffus: „Steiner hat noch mehr Merkwürdigkeiten parat, die sich so ganz und gar nicht in Einklang befinden mit dem üblichen Empfinden.“ Das anthroposophische Erziehungskonzept ist, wie die seriöse Waldorf-Kritik der letzten Jahre gezeigt hat, überaus angreifbar. Das betrifft zum Beispiel die sakrosankte Stellung Steiners, das Festhalten an unhaltbaren Grundüberzeugungen (dazu gehören unzeitgemäße Rassismen), Intransparenz, den Umgang mit Autorität und nicht zuletzt Kritikresistenz. Diesen Punkten begegnen wir bei Wagner auch, vermehrt um den Vorwurf des Elitarismus, des Sektierertums, der Demokratiefeindlichkeit, der Manipulation und totalitären Persönlichkeitsvereinnahmung. Grundlage dieses Verdikts sind im Wesentlichen zwei Aufsätze Steiners zur Erziehung, aktuelles Prospektmaterial und persönliche Erlebnisse der Autorin bei Waldorf-Veranstaltungen. Bei letzteren liest sich die Darstellung noch am flüssigsten. Ansonsten erfolgt ein Durchmarsch durch ein sehr disparates und begrenztes Quellenkorpus, Zitat wird an Zitat gereiht und unter Überstrapazierung des Attributs „abstrus“ durchgehend abqualifizierend kommentiert.

Der Leser erfährt nichts über die waghalsige Implementierung und praktische Weiterentwicklung des Waldorf-Konzepts in der historischen Situation der 1920er-Jahre und nichts über die inhaltlichen und didaktischen Anleihen sowohl bei der zeitgenössischen Reformpädagogik als auch bei der Staatsschule, die größer waren, als man annehmen möchte. Auch dass es sich bei Waldorf um ein im Kern theosophisches Konstrukt handelt (vor allem was die diversen Anthropologien, evolutionistische Geschichtsphilosophie und die Doppelstellung des Lehrers zwischen arkaner Innenwelt und öffentlicher Präsenz angeht), bleibt komplett unbearbeitet.

Wurde im Fall der Waldorfpädagogik neben der ausufernden Darstellung von Werbematerial und ähnlichem noch ein Minimum an Forschungsliteratur herangezogen, so sind die Teile zu Medizin und Landbau so gut wie komplett broschürenbasiert. Für den Bereich der Medizin werden sämtliche Stereotypen aufgeboten, die undifferenziert auf den gesamten Bereich der Alternativmedizin ausgedehnt werden (Schüren irrationaler Ängste, Profitgier, Sekteneinstieg). Die hohe Akzeptanz anthroposophischer Produkte und Methoden, die Zander auf die positive Integration von Krankheit in die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit, das Konzept ganzheitlicher Therapie und Patientenorientierung zurückführt, bleibt in Wagners Darstellung unverständlich. Sie beschränkt sich ohne jegliches hermeneutisches Interesse auf das Zitieren von „Abstrusem“ und „Abenteuerlichem“, wobei der medizinhistorische Kontext und Steiners Position zwischen medizinischer Empirie und unterschiedlichen Traditionen alternativer Medizin keine Rolle spielen. Ähnlich plakativ und substanzlos ist auch der letzte Abschnitt über den biologisch-dynamischen Landbau abgefasst, der zu dem Schluss kommt, die gesamte ökologische Landwirtschaft sei Esoterik für eine „Finanzelite“.

Ermüdend an „Der lange Schatten Rudolf Steiners“ ist der Gestus der Dauerempörung der Autorin, die ihrem Gegenstand gar nicht nahekommen möchte, sondern sich in kopfschüttelndem Unverständnis gefällt. Sprachlich unbeholfen, ist die Arbeit auch terminologisch unscharf, so werden etwa Kernbegriffe wie „ideologisch“, „esoterisch“ und „okkult“ munter synonym und inhaltsleer als bloße Schlagworte gebraucht, obwohl in den letzten Jahren gerade diese Begriffe (im Zuge der Erforschung neureligiöser Bewegungen um 1900) eine deutliche Abgrenzung erfahren haben. Doch gerade die damit angesprochenen – im Untertitel reklamierten – kulturhistorischen Hintergründe werden zugunsten einer polemischen, mitunter karikierenden Abrechnung mit „Waldorf & Co“ übergangen. Insgesamt ist die Darstellung argumentativ von einer solchen Schlichtheit, dass damit der äußerst berechtigten Anthroposophiekritik nicht gedient ist. Wer die zeitgenössische wie die heutige Konjunktur der Anthroposophie und ihrer Anwendungsfelder verstehen möchte, bleibt nach der Lektüre entnervt zurück.

Titelbild

Irene Wagner: Rudolf Steiners langer Schatten. Die okkulten Hintergründe von Waldorf & Co.
Alibri Verlag, Aschaffenburg 2012.
405 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783865690692

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