Gedichte, vom Geiste beseelt

Zum Gedichtband „Von Tschwirik und Tschwirka“ von Olga Martynova

Von Natalia ShchyhlevskaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Natalia Shchyhlevska

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Von Tschwirik und Tschwirka“ ist ein besonderer Gedichtband. In erster Linie handelt es sich um eine Eigenübersetzung der Dichterin und Schriftstellerin Olga Martynova – der diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin –, die sie als Gemeinschaftswerk zusammen mit Elke Erb, ebenfalls Schriftstellerin und verdiente Übersetzerin aus dem Russischen, vorgelegt hat. Zweitens vereint dieser Band zwei Gedichtbände, die 2007 und 2010 in Moskau in der Originalausgabe erschienen. Das Wichtigste sind aber die Gedichte selbst: Diese Texte werden dem Wort „Ge-dicht“ mehr als gerecht. In ihnen verdichten sich Zeit- und Raumdimensionen; Realität, Fantasie und Traum verschränken sich, die Laut- und Klangbilder werden an ihre Ursprünge zurückgeführt, bis ein archaischer Rhythmus zu vernehmen ist.

Ein Hinweis vorab: Gedichte, und diese Gedichte insbesondere, wollen gesprochen werden. Sie haben einen Resonanzkörper, der mit einer Stimme zum Klingen gebracht werden soll. Eine wiederholte Lektüre wird nicht nur den Text beleben, sondern einen meditativen Zustand des Lesenden herbeiführen und es ihm so ermöglichen, sich auf die Inhalte dieser Gedichte voll einzulassen. Zugegeben, es ist eine anspruchsvolle und aufwendige Lektüre. Manche Gedichte magnetisieren uns, lassen uns nicht aus ihrem Bann. Die Frage, wer denn Tschwirik und Tschwirka sind, bleibt offen. Ihre vogelartige Erscheinung und ihr menschenähnliches Wesen sind in vielen Kulturen anzutreffen: ob im babylonischen Gilgamesch oder beim hinduistischen Glücksgott Ganesha. Wie mit einem Zauberstab lässt Olga Martynova sie beide in der Figur des Balletttänzers Marius Petipa durchschimmern. Wie in einem Ballettflug gleiten die Buchstaben vorüber, einer Choreographie der Alliterationen, Vokaldehnungen, Abzählreime oder der Logik des Absurden gehorchend: „Die nassen Frösche im Frühling, die dünnen Wurzeln im Winter.“, „bach ach dach knach / omen ofen oder opel /wotan wonne monat mai.“

„Gedichte aus dem Roman über Papageien“ lautet der Untertitel zu den russischen Texten „Von Tschwirik und Tschwirka“, die Martynova parallel zu ihrem deutschen Roman „Sogar Papageien überleben uns“ (2010) schrieb. Ein Schreiben, zwei Bücher und „sie werden sich wohl nie unter einem Buchdeckel treffen“. Eigentlich sind es drei Bücher, denn mit der Übersetzung des Gedichtbandes ist ein weiteres eigenständiges Werk entstanden. Auf die Frage, warum sie Gedichte nur auf Russisch und Prosa auf Deutsch schreibt, hat Olga Martynova eine Antwort: „Gedichte setzen eine andere Geschwindigkeit voraus. Solche Schnelligkeit habe ich auf Deutsch nicht.“

Mit der Fluggeschwindigkeit eines Vogels lässt Martynova in ihren Gedichten „Von Tschwirik und Tschwirka“ Zeit-, Raum- und Kulturgrenzen überqueren. Die Deutungsmöglichkeiten sind grundsätzlich vielfältig. Ob Vögel als Seelenvögel interpretiert werden oder ob man intertextuellen Bezügen nachgeht, mit jedem Aspekt verdichten und vervielschichtigen sich diese Texte. Wäre es etwa verkehrt, den Vers „Mit ihren Halbkreisen schnitten die Wiedehopfe die Luft“ auf die Oper „L’Upupa“ des kürzlich verstorbenen Komponisten Hans Werner Henze zu beziehen? Novalis und Emily Dickinson, Thomas Pynchon, Johann Wolfgang Goethe, Rainer Maria Rilke und eine ganze Reihe russischer Literaten zitiert Olga Martynova. Durch diese intertextuellen Bezüge, archaisch-mystische Assoziationen sowie Laut- und Klangbilder schafft sie neue Welten, die jenseits des Gewöhnlichen und Bekannten liegen: „Wiesenjenseits“, „das Bienenkorbjenseits jenseits des Korbs, die Jenseits-Wiese der Wiese“, „die Welt-hinter-der Welt“, „das sonnige Hiatus-Luft(loch)schloß ‚i‘-‚e‘“. Ist es paradiesische Wahrnehmung oder Todessehnsucht? Stellenweise findet man sich in einer Fantasmagorie wieder: „am Kai der weiten Nacht / schaukeln wie Wellenbrecher / Planeten, saftige Kometen / und goldene Stachelschweine, / und Flugzeuge, und Satelliten. / Dort sind golden und stachelschweinen / die auffliegenden Zöpfe von Sträuchern.“ Wer das Ungewöhnliche des Gewöhnlichen so beschreibt, ist ein Poet!

An welchen Vorbildern orientiert sich Olga Martynova? Zwei weitere Gedichtzyklen, „Wwedenskij“ und „Verse von Rom“, offenbaren jene russische Literatur des 20. Jahrhunderts, die in der Sowjetzeit nur in Samisdat verbreitet wurde und nur wenigen bekannt war: Leonid Aronson, Nikolaj Sabolozkij, Daniil Charms, Alexander Wwedenskij, Leonid Lipawskij, Elena Schwarz. Zitate dieser Autoren flicht Martynova in eigene Texte ein, eröffnet einen Dialog, der diese Dichter dem Vergessen entreißt und ihre Werke ins geistige Zentrum der europäischen Literatur rückt. Es ist ein vielfältiges Projekt: eine Synthese der klassischen Dichtkunst und Moderne, religiöse, ja mystische Dichtung und eine seltsame Entrückung, eine andere Tradition der Nonsens-Poesie und der Absurdität. Diese Quellen lassen Martynova und Erb durch die Übersetzung auch in die deutsche Literatur einfließen. Dabei gelingt ihnen ein Paradebeispiel der lyrischen Übersetzung, die nicht blind am Reim festhält, sondern den Geist dieser Gedichte atmen lässt: auf Russisch anders, auf Deutsch anders, aber in beiden Sprachen lebendig!

Titelbild

Olga Martynova: Von Tschwirik und Tschwirka. Gedichte.
Übersetzt aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova.
Literaturverlag Droschl, Graz 2012.
96 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783854208310

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