Revolutionierung der Köpfe

Bernhard Grau entdeckt in Kurt Eisner einen konsequenten Denker und engagierten Volkspädagogen

Von Nils MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nils Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Aus der akademischen Karriere wurde nichts. Kurt Eisner, 1867 als Sproß einer liberalen jüdischen Bürgerfamilie in Berlin geboren, sieht sich 1889 dazu gezwungen, um des Broterwerbs willen die gerade begonnene Doktorarbeit über Achim von Arnim abzubrechen. Dabei hätte diese die Krönung seines Studiums der Philosophie und der Literaturgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität werden sollen. Er war in seiner Studienzeit mit der Philosophie Kants bekannt gemacht worden, ebenso wie mit dem literarischen Naturalismus in Gestalt der Münchener Zeitschrift "Gesellschaft". Dort hatte er zum ersten Male einen Aufsatz publizieren können: ein Plädoyer für die Einrichtung von Volksbühnen in Berlin.

Wie wurde der politisch nicht besonders engagierte Student mit Sympathien für den Liberalismus im November 1918 zum Revolutionär und ersten Ministerpräsidenten eines Freistaates Bayern? Bernhard Grau, Mitarbeiter im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, zeichnet in seiner Dissertation diesen Lebensweg nach. Das große Manko bisheriger Versuche über die Biographie Kurt Eisners sei - so Grau - die Aufarbeitung "von ihrem Ende her", was die Gefahr in sich berge, Eisners Leben zum biographischen Vorspiel seiner Rolle in der Revolutionszeit zu degradieren. Im Gegenteil scheint hinter dieser Zeit der Prominenz eine weitgehend unbeachtet gebliebene, vielschichtige Persönlichkeit hervor, deren Verfassung Eisner keinesfalls zwingend zum Revolutionär werden ließ. Dennoch ist der Zuschnitt seiner Politik 1918/19 der erstaunlich konsequente Umsetzungs- und Weiterentwicklungsversuch schon früher formulierter Programme und Ideale.

Der Abbruch des Studiums bedeutet den Beginn einer journalistischen Karriere, die Berufung zu sein scheint. Eisner arbeitet bei zwei Berliner Depeschenbüros, wechselt dann als Redakteur zur angesehenen bürgerlich-liberalen "Frankfurter Zeitung", um ab 1893 mit der "Hessischen Landeszeitung" in Marburg endlich die Gelegenheit zu bekommen, ein Blatt ganz nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Mit der Zeit hatte er erkannt, welche Möglichkeiten ihm das Pressewesen bot. Jede Zeitung, für die er während seiner Laufbahn Verantwortung übernahm, versuchte er zu einem aktuellen Organ mit vielfältigen Angebot zu wandeln - ganz nach dem Vorbild der erfolgreichen bürgerlichen Tageszeitungen. Eisner selbst brilliert in seinen Leitartiklen oder als Theaterkritiker; es gelingt ihm, selbst in der hessischen oder fränkischen Provinz die Rubriken Weltpolitik und Feuilleton qualitativ hochwertig anzubieten, womit er allerdings nicht immer auf Gegenliebe stößt. Die Möglichkeit publizistischer Wirkung muss grundsätzliche Übel des gewinnorientierten Pressewesens aufwiegen. Auf jede Spur von "Gesinnungszwang" durch Unternehmer oder Vorgesetzte reagiert Eisner empfindlich, weshalb ein Auseinandergehen im Unfrieden zwischen ihm und seinen Arbeitgebern nicht die Ausnahme, sondern die Regel war. Dafür dass Wilhelm Liebknecht 1898 gerade ihn als Redakteur zum Berliner "Vorwärts" holt, hatte Eisner sich fachlich, nicht aber ideologisch qualifiziert. Zwar macht Grau bereits für Eisners Studienzeit eine Sympathie für die Sache der Arbeiter aus und wertet die Erfahrung des gesellschaftlichen Abstiegs der Familie, der ihn die Hochschulkarriere gekostet hatte, als Erfahrung sozialer Ungerechtigkeit - als Sozialisten konnte man Eisner bis dato aber kaum bezeichnen. Eigene Äußerungen lassen vor allem eine Enttäuschung über den politischen Liberalismus durchscheinen. Eisner sieht sich und alle Idealisten gezwungen, "zur Sozialdemokratie [zu] flüchten": Als - nach eigenen Worten - "Gemütssozialist" tritt er in die Partei ein.

Mit seinem journalistischen Programm findet er dort nicht nur Freunde. Der "Vorwärts" soll - für Kundschaft jeglicher gesellschaftlicher Provenienz lesbar - in Konkurrenz zur bürgerlichen Presse treten anstatt sich als reines Parteiorgan auf das bereits bekehrte Parteivolk zu beschränken. Seine ambitioniertesten Versuche auf dem Gebiet der Breitenbildung nimmt Eisner später in Angriff, nach seinem Weggang von Berlin 1905 infolge heftiger parteiinterner Konflikte um die Rolle des Zentralorgans. Im Dienste der "Fränkischen Tagespost" installiert er den "Volksbildner" als wöchentliche Beilage; nach dem recht frühen Ende dieses Engagements betreibt er von Bayern aus einen Leitartikel-Versand, den "Arbeiter-Feuilleton", der gerade die finanz- und personalschwachen sozialistischen Presseorgane im Reich mit hochwertigen Artikeln versorgen soll.

Allem Anschein nach bedurfte es bis etwa zur Jahrhundertwende immer eines externen Anstoßes, um Eisner zur Äußerung, zur Positionsbestimmung zu bewegen. Seine Absage an das populäre darwinistische Menschenbild zugunsten einer humanistisch-idealistischen Weltsicht erfolgte erst in Auseinandersetzung mit Nietzsche in Eisners erster Buchveröffentlichung "Psychopatia spiritualis" von 1892, das Wissen um die pädagogischen Pflichten und Möglichkeiten der Presse stellte sich erst während der eigenen Verstrickung in dieses Geschäft ein; einen weiteren Impuls zur Positionsbestimmung erhielt Eisner in Marburg durch die fruchtbare Auseinandersetzung mit der Philosophie von Hermann Cohen, wobei die theoretische Fundierung seiner gesellschaftspolitischen Ansichten letztlich deren Konsequenz bewirkt haben dürfte. Für den Neu-Sozialisten Eisner ist die theoretische Arbeit, die es nun zu leisten gilt, gewaltig. Eine Synthese von Marx und Kant galt zurecht als gewagtes Unternehmen, doch scheint Eisners Ansatz recht schlüssig: "Das Proletariat will nicht nur Geschichte erkennen, sondern Geschichte machen. [...] Jede ökonomisch-historische Erkenntnis setzt sich um in eine unmittelbare Willensaktion des Proletariats - und die Wissenschaft von der Gesetzmäßigkeit menschlichen oder, weniger mißverständlich ausgedrückt, gesellschaftlichen Wollens heißt: Ethik." Die Tatsache, dass Kant weiterhin Ausgangspunkt seines Modells war, Marx sich also zum Zuarbeiter degradiert sehen musste, stieß bei den orthodoxen Marxisten um Kautsky bitter auf.

Eisners philosophisches Programm spiegelt sich in den Fragen zur Taktik der Partei. Er hält sowohl ein aktives Engagement in der Tagespolitik als auch das Festhalten am Endziel einer revolutionären Neuordnung der Verhältnisse für notwendig. Eine Doppelstrategie sei schon aus Gründen der Aufklärung der Massen vonnöten, um das Potential der Unterstützung durch die Bevölkerung auszureizen. Damit eckt Eisner zwar sowohl bei den orthodoxen Marxisten als auch mit den Reformisten an, liegt aber - was die Zeitgenossen gerne vergaßen - ganz auf der Linie des Partieprogramms.

Eisners Unverständnis gegenüber parteitaktischen Debatten manövriert ihn nicht nur auf den Parteitagen zwischen alle Stühle. Es wird gängig, ihn zu den Revisionisten um Bernstein zu zählen, mit denen Eisner zwar die Einsicht in die Bedeutung der Teilnahme an der Parlamentsarbeit in dem zu überwindenden System teilt, mit dem er aber in zentralen Fragen uneins ist. In der von Bernstein ausgelösten Debatte um die Wissenschaftlichkeit des Sozialismus findet sich Eisner unversehens auf Seiten Kautskys wieder, wenn auch aus anderen Gründen.

Im Spätsommer 1914 versagt auch Eisner. Sein Biograph muss zur Kenntnis nehmen, dass auch er die Kriegskredite gutheißt und die Sozialdemokratie zur Verteidigung des Vaterlandes in der Pflicht sieht, obwohl er zu Beginn des Jahrhunderts noch als hellsichtiger Mahner hatte gelten dürfen. Mit der Marokkokrise von 1905 setzte seine Auseinandersetzung mit dem Wesen der deutschen imperialistischen Außenpolitik ein und ließ ihn damals nach ausführlichem Studium der verfügbaren Akten zu dem Schluss kommen, die deutsche Großmannssucht sei die Gefahr für den Weltfrieden schlechthin. "Geht Marokko vorüber, irgendwo taucht aufs neue eine Frage auf, bis einmal doch die verheerende Katastrophe losbricht." In den Jahren 1912-1915 ist davon allerdings nicht die Rede. Das Zarenreich ist für die Sozialdemokratie der Hort der Reaktion, gemäß Bebels Ausspruch, gegen Rußland "selbst noch die Flinte auf den Buckel zu nehmen", so dass gegen diesen Feind gar das verhasste Kaiserreich mit dem Segen der Sozialdemokratie antreten darf.

Eisners Begrüßung der Vaterlandsverteidigung erfolgt aber nur unter der Prämisse, dass es sich um einen Angriffskrieg des Zaren handele, nicht um eine Aggression des kaiserlichen Deutschland. Grau glaubt, Bekannte aus der bayrischen Mehrheitssozialdemokratie hätten Eisner von der Unschuld überzeugt. In seiner Begeisterung für den Sozialismus süddeutscher Prägung, der kein Zaudern bei der Mitarbeit im bestehenden System kannte und Eisners Anschauungen somit vordergründig entgegenkam - wobei er, wie sich zeigen sollte, das revolutionäre Endziel doch nicht in aller Konsequenz verfolgte -, soll Eisner sich von seinen gut informierten Quellen hinters Licht geführt haben lassen. Und dies, obwohl seine Aufarbeitung der Marokkokrise durch gründliches Quellenstudium geglänzt hatte.

Doch zu Eisners Ehrenrettung sei gesagt, dass dieser der Zustand der Verblendung nicht lange währte. Der Widerstand gegen den Krieg, der Kampf für einen Verständigungsfrieden bringt ihn während des Krieges mit der USPD und einem breiten Spektrum von Pazifisten zusammen. Eisner ergreift nun endlich selbst die Initiative und organisiert geschickt die wöchentlichen Gesprächsrunden im "Goldenen Anker". Bald steht sein Urteil: "Sie, Genossen der Mehrheitssozialisten, haben mitgeholfen, Deutschland in den Abgrund zu hetzen."

Ein schneller Friede und die Anerkennung der deutschen Kriegsschuld sind hinreichende Gründe für ein Engagement im Januarstreik 1918 in München, dem Eisner als Redner vor den Arbeitern der Rüstungsbetriebe erst zum Durchbruch verhilft. Während der folgenden halbjährigen Haftstrafe hält er an diesen dringlichsten Zielen fest, um nach dem am 7. November 1918 mithilfe einer kleinen Gruppe von Aufständischen durchgeführten Sturz der Wittelsbacher deren Umsetzung zu beginnen. Seine Publikation von Akten aus dem bayrischen Kriegsministerium aber, welche die Kriegsschuld des Reiches belegen sollen, stößt auf Entsetzen auch in den Reihen der Genossen. In den Augen vieler Deutscher hatte er damit schlicht Vaterlandsverrat begangen. Aufrufe zur Gewalt wurden kaum mehr verhüllt: "Mach hurtig, Landvogt, Deine Uhr ist abgelaufen!" Die stark antisemitisch besetzte Propaganda - Eisner sei eigentlich ein Jude aus Gallizien und heiße Kosmanowski - hat ihre Wirkung auf den Attentäter Graf Arco nicht verfehlt.

Für die Lösung der während des Krieges manifest gewordenen innerparteilichen Konflikte scheint Eisner die Schaffung der USPD, als deren Kandidat er die Januarwahl 1919 bestritt, ungeeignet gewesen zu sein. "Wir sollten die Zeit viel eher als zum Nachdenken über die Gründung einer Organisation dazu verwenden, in den Massen den Kampfgeist zu beleben." Die Verweigerungshaltung von MSPD und Gewerkschaften im Januarstreik 1918 bestätigte nochmals seine "Anschauungen über die Verkehrtheit der deutschen Arbeiterorganisationen". Doch entsprechend seiner bisherigen Auffassung von parlamentarischer Arbeit ist dies kein Grund zur Fundamentalopposition, er geht gar ohne zu zögern eine Koalition mit den Mehrheitssozialdemokraten unter Erhard Auer ein, obwohl deren Absicht, sich so schnell wie möglich aus dem Amt zu entfernen ein offenes Geheimnis ist. Die Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung hätte Eisner sowohl in Bayern als auch im Reich gerne weiter hinausgezögert, denn ein schlechtes Wahlergebnis für die unabhängigen Sozialdemokraten war vorhersehbar. Also gilt für ihn vor allem der Zeitgewinn für die noch zu leistende Aufklärungsarbeit im Volk.

Die heftigen Reaktionen auf seine Aktenveröffentlichung zur Kriegsschuld mussten sowohl Eisner selbst als auch fatalerweise den Alliierten, denen durch diese Aktion eine demokratische Gesinnung der Deutschen hätte demonstriert werden sollen, wie schwach der Wille zum revolutionären Bruch mit dem alten System im Grunde war. Darauf abzielende volkspädagogische Aufgaben sollten Eisners Äußerungen zufolge die Räte übernehmen: "Die Räte sollen die Schulen der Demokratie werden, daraus dann sollen die Persönlichkeiten emporsteigen zu politischer und wirtschaftlicher Arbeit. Das ist der tiefste Sinn des Sozialismus: Selbsttätigkeit der Gesamtheit. [...] Dort wirkt Idealismus, dort ist freie öffentliche Tätigkeit möglich. Dort gibt es keinen Führer und Angeführten, sondern dort lebt die Masse selbst." Der Wille zur Überwindung des Obrigkeitsstaates stellt sich somit als Konsequenz einer politischen Aufklärung der breiten Massen dar. Eisner ist Realist genug, um den sofortigen Übergang in ein sozialistisches Gemeinwesen nach der Revolution nicht zu erwarten. Die Grundlagen einer Erfüllung seiner politischen Idealvorstellungen galt es allerdings so schnell wie möglich zu schaffen, wusste doch jedermann, dass weder die verantwortlichen politischen Parteien, noch die Mehrzahl der Räte selbst ein Fortleben dieser Institution in der Zeit nach den auf Reichs- und Landesebene einberufenen Konstituanten erwarteten. Mit der Wahlniederlage würde nicht nur Eisners Amtszeit, sondern auch die der Räte enden. Dabei präsentiert sich Eisners Rätekonzeption entgegen der Befürchtungen seiner Gegner ganz unbolschewistisch: Die Exekutive solle das Parlament bleiben, die Räte hingegen schlechthin das moralische Fundament einer Demokratie nach den Vorstellungen Eisners werden: "Demokratie heißt nicht Anerkennung des Unverstandes der Massen, sondern Demokratie heißt der Glaube an die Möglichkeit der Vernunft der Massen."

Titelbild

Bernhard Grau: Kurt Eisner 1867-1919. Eine Biographie.
Verlag C. H. Beck, München 2001.
651 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3406471587

Weitere Informationen zum Buch





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN