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 literaturkritik.de » Nr. 8 / 9, August 1999 (1. Jahrgang) » Hörspiel / Hörbuch
 
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Hörspiel des Monats Juli 1999

"Take it or leave it" von Raymond Federman

Von literaturkritik.de Redaktion

Begründung der Jury:

Voller Komik, spielerisch und mitreißend rauscht "Take it or leave it" durch die Geschichte von Frenchy, der bei der US-Army den bevorstehenden Einsatz in Korea erwartet. "Frenchy", der unbedingt 'Frogman' bei der Armee werden will und sich dabei des Schimpfworts 'Frog' für 'Franzose' nicht bewusst ist, schreibt für seine tumben Kameraden bei der 82. Luftlandedivision lyrisch-verkitscht-versaute Liebesbriefe. Der auf zwei Sprecher aufgeteilte Erzähler berichtet erinnerungsselig von der Begegnung des jazz-begeisterten Tenorsaxophonisten mit dem großen Charlie Parker, von Frenchys Trip durch Amerika während der drei Wochen Freigang vor der Einschiffung nach Fernost oder vom Fallschirmsprung, der allen Vorhaben ein jähes Ende setzt.

Momentaufnahmen aus dem Leben des französischen Einwanderers jüdischen Glaubens zeigen ihn als jemanden, der das Leben nimmt, wie es ist: Take it or leave it. Persönliche Erinnerungen an Nazi-Okkupation und Holocaust erstickt er im Sarkasmus desjenigen, der sich trotz allem für das Leben entschieden hat: "Aber natürlich bin ich Jude. Das habt ihr nicht gewußt? Schaut euch meine Nase an [...]. Die ganze Familie Mutter Vater Schwestern Onkel Tanten Cousins alle wurden aufgeladen alle wurden zu Lampenschirmen verarbeitet nach dem Duschen ja [...]. Naja Schwamm drüber kein Grund deswegen zu jammern."

Raymond Federmans Texte sind nicht nur sprachliche, sondern auch optische Kunstwerke. Die Aufteilung und unterschiedliche Gestaltung der Buchseiten, Grafiken und nichtsprachlichen Sonderzeichen - ein Abschnitt in "Take it or leave it" nimmt sogar die Form eines Judensterns an - scheinen sich nicht gerade für eine Umsetzung als Hörspiel zu prädestinieren. Um so erstaunlicher ist es, mit welcher Bravour Ulrich Gerhardt seine Radiofassung erarbeitet hat. Die visuelle Komponente wird von ihm lautmalerisch ideenreich umgesetzt. Gezielte Schnitte und das Spiel mit dem stereophonen Raum unterstützen den fließenden Übergang von direkter und indirekter Rede, von Ich- und Er-Perspektive. Viel Bepop-Jazz markiert die Atmosphäre der Zeit und die Stimmung des Protagonisten und gibt den 'Groove' des Stücks.

Die Sprecher Graham F. Valentine und Hans-Peter Hallwachs entwickeln eine kaum zu überbietende Spiel- und Sprechfreude und übertreffen sich gegenseitig in der Vielfalt ihrer Modulationen. Mal in atemlos rasendem Tempo, mal behutsam jede einzelne Silbe treffsicher platzierend, mal in französischem oder jiddischem Tonfall, mal in amerikanischem Slang erweitern sie die Sprachakrobatik der Vorlage durch Akrobatik des Vortrags und machen das Hörspiel zu einem eigenständigen und überaus kulinarischen Hörereignis: so gelöst und rasant wie böse - und voller Lebensfreude.

Das Buch zum Hörspiel ist 1976 bei Fiction Collective New York erschienen und liegt seit 1998 - dank der Initiative von Peter Torberg - auch in deutscher Übersetzung vor:

Raymond Federman: Take it or leave it. Eine übertriebene Geschichte aus zweiter Hand, im Stehen oder im Sitzen laut zu lesen. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg 1998. unpaginiert (448 Seiten), 29 DM. ISBN 3-8077-0181-8





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 literaturkritik.de » Nr. 8 / 9, August 1999 (1. Jahrgang) » Hörspiel / Hörbuch
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:45
Erschienen am:01.08.1999
Lesungen: 8642
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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