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Vokabeln der Not

Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" in Suhrkamps Basis-Bibliothek

Von Stefan Schank

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nachdem sie lange Zeit nicht gerade im Zentrum des Forschungsinteresses standen, werden Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" heute zu Recht immer häufiger zusammen mit Joyces "Ulysses" und Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" als Wegbereiter des modernen Romans genannt. Dies ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil die "Aufzeichnungen" Rilkes einziger Roman sind, sondern vor allem, weil nicht zuletzt durch deren Neubewertung das Image des weltentrückten Ästheten, das Rilke jahrzehntelang anhaftete, durch ein facettenreicheres Bild des Dichters abgelöst wird.

Zu einem Rilke-Bild, das den Dichter zum großen Einsamen, zum Verkünder tiefer Weisheiten, Gottsucher oder realitätsfernen Geistesmenschen verklärte, passte es in der Tat schlecht, dass ausgerechnet Rilke noch Jahre vor Joyce und Proust einen Roman veröffentlicht hat, der die Gefährdung des Subjekts und seine Selbst-Rettungsversuche angesichts traumatisierender Welterfahrungen in der modernen Großstadt thematisiert. Einen Roman, in dem die lineare Erzählstruktur aufgelöst ist, das Schreiben selbst in Frage gestellt wird, in dem der Leser zahlreiche Wechsel der Schauplätze und zeitliche Sprünge nachvollziehen muss und sich mit Lesefrüchten des Autors, Anspielungen auf Künstlerpersönlichkeiten und mit entlegenen Stoffen aus der französischen und dänischen Geschichte konfrontiert sieht, die so präsentiert werden, als sei alles das allgemein verfügbares Bildungsgut.

Allerdings: Eben das, was die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" als einen der herausragenden Texte der klassischen Moderne qualifiziert, macht das Buch für den Leser zu einem schwer verdaulichen Brocken. Wer sich der Rilke-Forschung verschreiben möchte, dem wird das nichts ausmachen. Mehrere Kommentare und Materialienbände, zahllose Aufsätze und Monographien bieten Verständnishilfen und Erklärungsmodelle in Fülle an. Leser jedoch, die sich zunächst einmal 'nur' mit dem Text vertraut machen möchten, werden vermutlich eher eine dem neuesten Forschungsstand entsprechend, aber sparsam und allgemein verständlich kommentierte Ausgabe suchen. Diesen Lesern kann man die in der Reihe "Suhrkamp BasisBibliothek" erschienene Ausgabe von Rilkes Roman empfehlen.

Der Text des Romans folgt der im Insel Verlag erschienenen "Kommentierten Ausgabe" und ist daher zweifelsfrei zuverlässig. Kurze Darstellungen der Entstehungs- und Textgeschichte, der Selbstdeutungen Rilkes, der Wirkungsgeschichte sowie der Positionen der Forschung schließen sich an. Die Auswahlbibliographie vermittelt einen Eindruck vom breiten Spektrum der Forschungsliteratur zu den "Aufzeichnungen", ohne dabei einen für den Einsteiger entmutigenden Umfang anzunehmen. In seinem Nachwort skizziert der Herausgeber des Bandes, Hansgeorg Schmidt-Bergmann, die verschiedenen Richtungen der "Malte"-Rezeption, die sich - bei aller Vehemenz, mit der die Vertreter dieser oder jener Position auf ihren Meinungen beharren - eher ergänzen als wechselseitig ausschließen.

Von besonderem Wert für alle, die mit Rilkes Werk wenig vertraut sind, dürften die Wort- und Sacherläuterungen in dieser Ausgabe sein. Diese basieren auf den einschlägigen Kommentaren von August Stahl und geben Hinweise auf Rilkes Quellen, ordnen einzelne Textpassagen in werkgeschichtliche, biographische, literarhistorische, intertextuelle und sozialgeschichtliche Zusammenhänge ein.

Verweise und Markierungen im Romantext zeigen dem Leser an, zu welchen Stellen er im Erläuterungsteil Genaueres erfährt. Wohl um die Zahl der Verweise in den Erläuterungsteil zu beschränken, werden auf der Marginalspalte am Außenrand des Romantextes Fremdworte, fremdsprachige Formulierungen, topographische Anspielungen und Eigennamen kurz erläutert. Durch diese Art der Textpräsentation entsteht nolens volens eine Art Hypertext-Struktur, in der der ursprüngliche Text um Sacherläuterungen und Herausgeberkommentare erweitert wird. Daraus erwächst meines Erachtens die Gefahr einer Verfremdung des dichterischen Textes. Dies ist ein editorisches und rezeptionsästhetisches Problem. Die Mehrzahl der Schüler und Studenten, an die sich die Reihe "BasisBibliothek" wohl in erster Linie richtet, wird jedoch froh sein über eine solche Ausgabe.

Rilke wäre wahrscheinlich nicht glücklich, seinen "Malte" so ediert zu sehen. Denn Rilke wollte, dass man den Roman ohne alle Erläuterungen lese, ja er meinte, diese seien überhaupt nicht nötig. Als sein polnischer Übersetzer sich mit der Bitte um zahlreiche Erklärungen an ihn wandte, lieferte Rilke diese bereitwillig. Er sprach sich allerdings strikt gegen eine Kommentierung seines Textes aus, auch bei den für die meisten Leser rätselhaften historischen Figuren, von denen 'Malte' erzählt. Rilke dazu: "Es kommt nicht darauf an, dass man mehr von den Beschworenen weiß, als der Scheinwerfer seines Herzens eben erkennen lässt. Sie sind nicht historische Figuren oder Gestalten seiner eigenen Vergangenheit, sondern Vokabeln seiner Not: darum lasse man sich auch ab und zu einen Namen gefallen, der nicht weiter erläutert wird, wie eine Vogelstimme in dieser Natur, in der die inneren Windstillen gefährlicher sind als die Stürme."

Titelbild

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
300 Seiten, 7,00 EUR.
ISBN-10: 3518188178

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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2002 » Deutschsprachige Prosa » Klassiker neu ediert
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:01
Erschienen am:01.05.2002
Lesungen: 8220
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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