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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2003 » Literaturwissenschaft und Literaturkritik
 
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Ernst Jünger - verzettelt und verzeichnet

Nicolai Riedels Ernst Jünger-Bibliographie und Tobias Wimbauers "Personenregister"

Von Gunther NickelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gunther Nickel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Zeiten, in denen Ernst Jünger Anlass für politische Protestdemonstrationen geboten hat, sind längst vorüber. Inzwischen beschäftigt man sich mit ihm so kühl und sachlich, wie er einem seiner liebsten Hobbys nachgegangen ist: dem Käfersammeln. Doch auch wenn die schroffen Auseinandersetzungen um Jünger der Vergangenheit angehören, sollte man sie nicht einfach ad acta legen. Schließlich spiegeln sie auf besonders lehrreiche Weise deutsche Befindlichkeiten im 20. Jahrhundert. Ein unverzichtbares Hilfsmittel für eine kulturhistorische Rückschau auf diesen Autor und seine Rezeption hat jetzt der Marbacher Literaturwissenschaftler Nicolai Riedel vorgelegt: eine Bibliographie der wissenschaftlichen und essayistischen Beiträge über Jünger von 1928 bis 2002. Sie ist die längst notwendige Ergänzung zu Horst Mühleisens Bibliographie von Jüngers Werken, die 1996 in einer erweiterten Neuausgabe bei Klett-Cotta erschienen ist. Mit gewohnter Marbacher Gründlichkeit hat Riedel knapp 2000 Beiträge sorgfältig verzeichnet, systematisch geordnet und durch mehrere Indices (Werktitel-, Periodika-, Sach- und Personenregister) erschlossen.

Leider, das aber aus nur allzu verständlichen Gründen, musste er auf eine Dokumentation der publizistischen und literaturkritischen Rezeption verzichten. Von einem einzigen Forscher ließe sich ihre Durchführung allerdings auch kaum leisten. Und das Ergebnis eines solchen Unterfangens würde sich zweifellos in mehr als nur einem handlichen Band niederschlagen, wobei dann eine Veröffentlichung auf CD-ROM oder DVD ohnehin sinnvoller wäre. Macht man Stichproben, stellt man aber schnell fest, daß Riedel bei seiner Auswahl die rezeptionsgeschichtlich bedeutenden publizistischen Beiträge trotz seiner bescheiden auftretenden Zielsetzung weitgehend berücksichtigt hat. So ist Wolfgang Weyrauchs Invektive "Von der 'germanischen Unschuld'" in der "Täglichen Rundschau" vom 25. Juni 1946 ebenso annotiert wie François Bondys kluger Aufsatz "Sartre und Jünger - eine imaginäre Begegnung" aus der "Weltwoche" vom 26. August 1949. Vergeblich sucht man dagegen nach einem Beitrag wie Gerard W. Speyers "Die Stillen im Lande" aus der "Neuen Zeitung" vom 23. August 1946, über den sich Erich Peter Neumann, der Gründer des Instituts für Demoskopie in Allensbach, in einem Brief an Friedrich Georg Jünger vom 31. März 1947 empört hat, weil dort das Verhalten der Jünger-Brüder im 'Dritten Reich' mit dem Ernst Glaesers verglichen wird. Doch indem wir das feststellen, beginnen wir mit einem Erbsenzählen, bei dem der Marbacher Bibliograph sicher aus Höflichkeit mit einem Lächeln abwinken würde. Schließlich könnte er unschwer entgegnen, was ihm nie über die Lippen käme: "Und ich weiß noch mehr."

So unverzichtbar für die Forschung wie Riedels Kompendium ist auch das Personenregister zu Jüngers Tagebüchern, das Tobias Wimbauer jetzt in einer zweiten, gründlich überarbeiten Auflage veröffentlicht hat (die erste war 1999 im Freiburger Rombach Verlag erschienen und ist inzwischen vergriffen). Arbeitet man mit diesem Verzeichnis, zeigt sich freilich recht schnell, daß die scheinbar profane Tätigkeit der Erstellung eines knapp kommentierten Namenindex doch erhebliche Kenntnisse erfordert. Kenntnisse, die Wimbauer offenkundig nicht besitzt. "Unzählige Ergänzungen" und "vereinzelte Korrekturen", versichert zwar der sich gelegentlich als Autor der "Jungen Freiheit" exponierende Jünger-Enthusiast, habe er in der Neuausgabe vorgenommen. Erstaunlich ist aber, wie viele und zum Teil grobe Fehler und blinde Flecken sie gleichwohl immer noch enthält. Dazu einige Beispiele: Mit Bellarmin ist bei Jünger die Figur aus Hölderlins Briefroman gemeint und nicht der italienische Theologe und Kardinal Robert Bellarmin. Nicht der Romanist Ernst Robert Curtius schrieb eine "Griechische Etymologie", der Verfasser hieß vielmehr Georg Curtius. Rantzau identifiziert Wimbauer als einen "Abel Graf". Tatsächlich handelt es sich um den Historiker Johann Albrecht von Rantzau, der zu Jüngers Freundeskreis in Paris gehörte. Hercule, ein von Wimbauer nicht aufgelöstes Pseudonym, war einer der Decknamen keines Geringeren als Joseph Breitbach. Bei dem Regimentskamerad Rust, den Jünger in einer Notiz vom Juli 1990 erwähnt, handelt es sich nicht um irgendeinen "Studienrat", der mit Vornamen "Bernd" hieß. Gemeint ist Bernhard Rust, der von 1934 als Reichsminister für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung in Hitlers Diensten stand. Auch Werner Best ist als "Verwaltungschef im Generalstab in Paris" nicht gerade treffend charakterisiert. Das herauszufinden ist auch ohne die Lektüre der instruktiven Studie des Freiburger Historikers Ulrich Herbert über den Verfasser der "Boxheimer Dokumente" und späteren Reichsbevollmächtigen für das besetzte Dänemark leicht möglich.

Kurzum: Es zeigen sich erhebliche Wissensdefizite des 1976 geborenen Registermachers, der angibt, seit seinem 16. Lebensjahr "Jünger-Sammler, -Leser und -Forscher" und seit dem Abbruch eines Studiums der Germanistik und Philosophie als "freier Lektor und Publizist in Mitteldeutschland" tätig zu sein. Vielleicht, überlegt man bei der Lektüre solcher Selbstauskünfte, hätte er sein Studium doch besser beenden sollen. Und gut wäre sicher auch gewesen, seine Einleitung wäre vor ihrer Drucklegung gegengelesen worden. "Der wissenschaftliche Zugang zu Jüngers Tagebüchern", schreibt Wimbauer etwa in seiner Vorbemerkung, "war bislang nur über die Lektüre der einzelnen Bände möglich." Auch sein Register, in dem er zum Glück auf "Beispielnamen wie Hinz und Kunz" mit der Begründung verzichtet hat, daß "es sich hierbei nicht um Personenbezeichnung im eigentlichen Sinne handelt", wird daran zweifellos nichts ändern. Bei aller notwendigen Kritik an Wimbauers hypertrophem Gestus und den Mängeln seiner Arbeit im Detail, kommt man am Ende jedoch nicht umhin, festzustellen: Er hat die Erforschung von Jüngers Werk durch ein nützliches Hilfsmittel erheblich erleichtert.

Titelbild

Nicolai Riedel: Ernst Jünger-Bibliographie 1928-2002.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2003.
383 Seiten, 149,95 EUR.
ISBN-10: 3476019616

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Titelbild

Tobias Wimbauer: Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers. Überarbeitete, ergänzte und erweiterte Neuausgabe.
Edition Antaios, Dresden 2003.
323 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-10: 3935063512

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:13:07
Erschienen am:01.07.2003
Lesungen: 5169
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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