Retuschen am Bild der Geliebten

Zur Neuausgabe von Karl Kraus' Briefen an Sidonie Nádherný

Von Alexandra PontzenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Pontzen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Karl Kraus' Briefe an die Baronin Sidonie Nádherný von Borutin 1974 erstmals erschienen, sorgten sie für Überraschung. Kein Geringerer als Elias Canetti, ein ausgewiesener Kenner von Kraus, dessen Vorlesungen er jahrelang besucht hatte und der ihm trotzdem der "unbegreiflichste aller Menschen" geblieben war, begrüßte die Briefe als Schlüssel zu einem neuen Karl Kraus. Während sich Kraus der Öffentlichkeit gepanzert und unverletzlich präsentiert habe, sei er als Liebender schwach gewesen, und aus dieser Schwäche machten die Briefe keinen Hehl. Doch nicht nur auf seine Persönlichkeit falle neues Licht, sondern auch auf sein literarisches Schaffen. Canetti wagt eine kühne These: Das Hauptwerk "Die letzten Tage der Menschheit" wäre ohne die Geliebte, die dem bei Weltkriegsbeginn verstummten Autor die Stimme wiedergegeben hätte, nicht entstanden. Bei allem Respekt sei bemerkt, dass Canettis Argumentation vage bleibt, obwohl nicht bezweifelt werden soll, dass von Sidonie als aufmerksamer Hörerin von Kraus' Lesungen und eifriger Leserin seiner "Fackel" keine geringe Motivation ausging. Über die Konzeption der Vortragsabende sowie über die Entstehung und Herausgabe vieler "Fackel"-Hefte teilen die Briefe manches mit, was der Kraus-Philologie von Nutzen sein kann. Außerdem ist fraglos, dass es eine enge Verbindung zwischen einem großen Teil von Kraus' Lyrik und seiner Liebe zu Sidonie gibt. Hier ist biografische Spurensuche aufschlussreich.

Die Neuausgabe der Briefe ist willkommen, obwohl sie Überraschendes nicht zu bieten hat. Hinzugekommen sind nur wenige inzwischen aufgefundene Zeugnisse, vor allem Ansichtskarten mit nichtssagenden Grüßen. Die Erläuterungen wurden überarbeitet und so stark erweitert, dass der Kommentarband den Textband an Umfang übertrifft. Trotzdem bleibt vieles im Unklaren, weil Sidonies Gegenbriefe noch nicht aufgetaucht sind und wohl als verloren gelten müssen. Zusätzlich aufgenommen wurden Canettis Vortrag "Der Neue Karl Kraus" und eine fiktionale Skizze über den Tod der 1950 im englischen Exil sterbenden Sidonie aus der Feder der mit ihr und Kraus befreundeten Mechthilde Lichnowsky. Auch Sidonie selbst kommt zu Wort; doch langweilen ihre Chronik des heimatlichen böhmischen Schlosses Janowitz und ihr Bericht über die Verschönerung des dortigen Parks durch Pedanterie. Sie sind nur insofern von Interesse, als sie Auskunft geben über einen Ort, den Kraus zu einem Paradies verklärt, in dem Schönheit und Harmonie herrschen und das Zuflucht vor der hässlichen und feindseligen Alltagswelt verspricht.

Lesenswerter sind die mitgeteilten Auszüge aus Sidonies auf Englisch geführtem Tagebuch. Sie lassen zuweilen eine verblüffende Diskrepanz zwischen dem Gefühl erkennen, dem Kraus in seinen Briefen Ausdruck verleiht, und den Empfindungen, mit denen die Briefe empfangen werden: "K. K. sends me lovely loveletters - but I - cannot love any more." Die Notiz belegt nicht nur das Auseinanderdriften der Gefühle, sie hat auch so etwas wie eine ungewollt boshafte Pointe: Die von Sidonie und ihrer englischen Gesellschafterin bei jeder Gelegenheit strapazierte Allerweltsvokabel "lovely" ging dem sprachsensiblen Kraus auf die Nerven, und es wäre gewiss bitter für ihn gewesen, hätte er gewusst, dass nicht einmal seine mit leidenschaftlichem Ernst geschriebenen Briefe vor diesem Epitheton sicher waren.

Das Tagebuch bestätigt unmissverständlich das, was auch den verklausulierteren Briefen von Kraus zu entnehmen ist: Die Liebe zwischen beiden ist wenig mehr als ein Jahr lang ungetrübt, von ihrem Beginn im September 1913 bis etwa Dezember 1914. Dann verfolgt Sidonie den Plan, aus Standesgründen einen italienischen Grafen zu heiraten. Zwar akzeptiert Kraus diese Verbindung, die lediglich eine Konventionsehe sein und die Freiheit Sidonies nicht einschränken soll; aber das verhindert nicht Situationen, in denen sich Verstimmung zwangsläufig einstellt. Wegen des Kriegseintritts Italiens fällt die Hochzeit aus. Trotzdem mehren sich von nun an Reibereien, bis Sidonie im September 1918 die Beziehung beendet und Anfang 1920 einen ihr verwandten Grafen heiratet, den Kraus sehr zurecht für einen charakterlich fragwürdigen Psychopathen hält. Die Ehe scheitert schnell, und Ende 1920 sind Kraus und Sidonie wieder versöhnt. Vier Jahre später kommt es zu neuerlicher Trennung, und als Sidonie 1927 zu Kraus zurückkehrt, scheint weniger Liebe den Ausschlag zu geben als vielmehr der Wunsch nach einem Freund. Die Freundschaft hat Bestand bis zu Kraus' Tod im Jahr 1936.

Sidonies Leben und Persönlichkeit sind widerspruchsvoll. Ihr Bemühen, den Forderungen ihres Standes zu entsprechen, kollidiert mit ihrem Streben nach Unabhängigkeit. Ihr Dasein als Landedelfrau, die sich Hunden, Pferden und dem Schlossgarten widmet, wird unterbrochen von ausgedehnten Reisen, zu denen sie ihr Erlebnishunger treibt, auf denen sie kaum ein Land Europas unbesucht lässt und die sie bis nach Ägypten führen. Abwechslung sucht sie auch im Erotischen: "[...] K. K., I wish he'd love me less, for in my heart are other dreams, & faithful I cannot be & no man should want that of a woman, for it must make her fade. A woman can only keep her youth & beauty when kissed by new lips, when held by new arms, of course chosen by her; if otherwise, she must feel herself dirty. True are the words that are said of Lulu in Pandora's Büchse: 'die kann von der Liebe nicht leben, weil die Liebe ihr Leben ist'". Ein solcher Wunsch nach sexueller Freizügigkeit, der Kraus' Deutung von Wedekinds "Büchse der Pandora" verpflichtet ist, kontrastiert mit dem Bedürfnis nach einem brüderlichen Freund. Sidonie treibt einen Kult mit dem Andenken an einen gestorbenen Bruder, was Kraus dazu bewegt, die Rolle eines Boten dieses Bruders zu übernehmen, zumindest in einem Gedicht.

Doch in puncto Brüderlichkeit hat er in Rainer Maria Rilke, der mit Sidonie schon sieben Jahre länger befreundet ist, einen gefährlichen Rivalen. Sie beschwichtigt den eifersüchtigen Kraus mit dem Hinweis auf "die erotischen Neutralität des Falles" und die "rein weiblich-ästhetische Einstellung des R. zur Frau", so jedenfalls referiert Kraus, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie Rilkes Einstellung zutreffend einschätzt, ist groß. Doch obschon erotisch desinteressiert, sieht Rilke das enge Verhältnis zwischen Kraus und Sidonie ungern und warnt sie sogar. Der viel beachtete Brief, in dem er das tut, gilt als wenig nobel und ruft noch heute Entrüstung hervor. In der FAZ nennt der Rezensent der vorliegenden Ausgabe die Warnung "perfide", "trickreich und verlogen". Es ist angebracht, die Empörung zu zügeln. Gewiss, Rilkes Motive sind fragwürdig: Er wollte die Freundin und Janowitz als möglichen Aufenthaltsort nicht verlieren. Nichtsdestoweniger sind seine Begründungen nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen, besonders die Bemerkung über Kraus' aggressive Intellektualität: "[...] die Anwendung, die er seinem Geiste geben mußte, hat aus diesem ein zu einem bestimmten Gebrauche einseitig geschärftes Instrument gemacht, [...] Sie stehen einer Waffe, einem Bewaffneten, einem geistigen Angreifer gegenüber". Im Kern meint Canetti nichts anderes, formuliert sogar krasser, wenn er als psychische Grundierung von Kraus' Polemik "Mordgelüste" diagnostiziert. Rilke kann nicht wissen, dass Kraus gegenüber Sidonie die Waffen ablegt. Dass seine Bedenken nicht ganz frei sind von Klischees über jüdische Wesensart, darf man argwöhnen; doch weist Friedrich Pfäfflin im Kommentar darauf hin, dass ein solcher Vorwurf sich nicht eindeutig aus dem Wortlaut ergibt. Im übrigen scheint Rilke die Einmischung später bereut zu haben. Die Freundschaft zwischen ihm und Sidonie dauerte an. Als Mitte der zwanziger Jahre ihr Kontakt zu Kraus unterbrochen war, plante sie einen längeren Besuch bei Rilke in Muzot. Dessen Krankheit und Tod ließen den Plan nicht zur Ausführung kommen.

Sidonies Liebe zu Kraus hat eine unleugbar sinnliche Komponente, zumindest anfangs; doch allmählich wichtiger wird er ihr als Spender des "Geistigen", das sie braucht: "I agree with none innerly [!] so well as with him; there is something which freshes my spirit up, something - Geistiges what I need [...]. But love him I cannot." Etwas anders und für sich günstiger akzentuiert Kraus die Bedeutung des Geistigen für die Geliebte: "Sinnliche Natur, aber nur das Geistige kann das Sinnliche in Schwingung bringen". Diese Einschätzung weist auf seine Vorstellung von der Rolle der Geschlechter und auf sein Frauenbild. Mit Nachdruck vertritt er die Auffassung von der wesensmäßigen Verschiedenheit von Mann und Frau, wobei diese als Repräsentantin der Natur, jener als Repräsentant des Geistes zu fungieren hat. Weil die ihrer Sinnlichkeit folgende Frau der Natur gehorche, sei mit ihrer sexuellen Untreue keine Schmach verbunden. Das erlaubt, nachsichtig zu sein. Aber theoretische Abgeklärtheit hilft in der Praxis wenig weiter, solange Kraus auf Sidonies Liebe nicht verzichten kann. Die Geliebte ist für ihn die Erlöserin aus der Einsamkeit, ja fast so etwas wie Lebenssinn. Da sie einer solch hehren Aufgabe nicht gewachsen ist, beginnt er schon früh und ganz bewusst mit ihrer Idealisierung. "Ich will mein künftiges Leben daran wenden, Dein Bild zu retouchieren - zu unserer Wahrheit zurück."

Um die unentbehrliche Illusion aufrecht zu halten, will er den Anfängen ihrer Liebe Dauer verleihen und enthebt die Geliebte der Realität - im Einklang mit seinem doppelsinnigem Aperçu: "Man kann eine Frau nicht hoch genug überschätzen". Was hingebungsvolle Liebe zu sein scheint und subjektiv wohl auch von beiden so empfunden wird, lässt sich auch begreifen als die Anmaßung eines Mannes, der die reale Geliebte nicht akzeptiert und sie zu seinen Zwecken zurechtbiegt. Dass dieser Mann ein von seinem Wert überzeugter Autor ist, dem die Geliebte das Publikum repräsentiert, verleiht dem Verhältnis eine besondere Note. Ein Brief, der das wieder einmal drohende Ende der Liebe abwenden soll, schließt mit einer Aufforderung, in der verabsolutierte Liebe und schwerlich zu steigernder Autorenstolz einander durchdringen: "Laß diesen Sommer nicht verwelken, ohne daß wir uns gesehen und uns überzeugt haben, [...] daß wir nicht willens sind, mit der Todsünde, uns vergessen zu haben, von einer Welt abzuscheiden, die unmöglich besseres zu bieten hat als die Erinnerung an Dein Hören und mithin auch die an mein Wort."


Titelbild

Karl Kraus: Briefe an Sidonie Nadherny von Borutin. 1913-1936, 2 Bände.
Herausgegeben von Friedrich Pfäfflin.
Wallstein Verlag, Göttingen 2005.
1600 Seiten, 59,00 EUR.
ISBN-10: 3892449341

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