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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2008 » Fremdsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 
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Schmerzhaftes Wachstum

Zu Léda Forgós Roman "Der Körper meines Bruders"

Von Martin JankowskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Jankowski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Budapest Mitte der 1950er-Jahre: Eine verheiratete Arbeiterin der Konservenfabrik gebiert Zwillinge, doch sie hat wenig Interesse an der Mutterschaft. Also kümmert sich der Vater um das Mädchen Borká und den Jungen Palkó. Mit dem Ungarnaufstand erreicht die Revolution die Familie, durch einen Zufall stirbt der kleine Junge. Zurück bleibt, kaum dass sie laufen kann, seine Zwillingsschwester Borká. Nun muss sie für zwei leben lernen, für sich und für den Bruder, der ihr so fehlt. Als sie auch noch den Vater verliert, ist sie allein mit ihrer Mutter, die keine sein will.

Eine schmerzhafte Entwicklung beginnt, die Borká und den Leser durch die Institutionen und den pittoresken Alltag des real existierenden Sozialismus' Ungarns führt und dabei keine bittere Wahrheit auslässt. Partei und Kirche, Schule und Intelligenzia, Budapests großbürgerliche Vergangenheit und die sowjetische Gegenwart, all diese Kräfte zerren an der Seele Borkás und ihrer Mutter, die verzweifelt nach einem gangbaren Weg suchen, mit dem Leben zurechtzukommen. Eindrückliche Personen und absonderliche Details aus Alltag und Seelenleben durchkreuzen die Geschichte, immer tiefer dringt man in die trotzige Weltsicht Borkás ein. Das Buch ist voller widersprüchlicher Charakter in schwierigen Umständen, die glaubhaft agieren. Die längst nicht vergangene Geschichte wird dadurch anschaulich.

Léda Forgó hat einen hochinteressanten und ungewöhnlichen Roman geschrieben, der uns die jüngste Geschichte Europas nicht nur aus der Perspektive eines widerspenstigen Kindes, sondern durch die unverwechselbaren Details des Alltags einfacher Leute erzählt. Forgó kommt ganz ohne politische Deutelei und ohne die üblichen Klischees über Osteuropa aus, die Weltsicht ihrer Protagonistin bewahrt sie davor. Hinzu kommt eine klare, aber ungewöhnliche Sprache: Forgó, die seit 1994 in Deutschland lebt und hier nach einem Studium des Szenischen Schreibens ihren ersten Roman vorlegt, hat die deutsche Sprache erst nach ihrem Umzug erlernt. Die Sätze, die sie formt und die bildhaften Szenen, die sie baut, sind eigenwillig und nicht immer elegant, aber eben deshalb besitzt diese besondere Art des Erzählens eine eigene Würze. Zu Recht erhält die Autorin dafür den Chamisso-Förderpreis 2008.


Titelbild

Leda Forgo: Der Körper meines Bruders. Roman.
Atrium Verlag, Zürich 2007.
332 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783855351329

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Letzte Änderung: 03.04.2008 - 14:12:40
Erschienen am:27.02.2008
Lesungen: 2634
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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