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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2010 » Deutschsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 
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Jedes Land hat seinen Osten!

Christoph D. Brumme schreibt ein leichtherzig kluges Buch über seine 8.353 km lange Fahrradfahrt durch Polen, die Ukraine und Russland

Von Rolf-Bernhard EssigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf-Bernhard Essig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am Anfang stehen ein Entschluss und bald ein gut bepacktes Tourenfahrrad. Chrisotph D. Brumme lässt seine Existenz als Autor von Romanen, Essays und Hörspielen in Berlin hinter sich. Er bricht auf in Richtung Osten. Seine Traum- und Lieblingsstadt Saratov an der Wolga ist das Ziel. Er kennt Russland von früheren Aufenthalten, doch nun will er mehr erfahren, indem er losfährt. Fast ein wenig lästig sind die Freunde in Ost und West, denn sie warnen ihn unentwegt vor Banditen, Bären, Wölfen, nicht zu vergessen der Mafia und der Miliz. Man warnt ihn aber auch unterwegs immer wieder: vor dem jeweils nächsten Nachbarn im Osten. Seit langem gilt der Satz: „Jedes Land hat seinen Osten.“

Flott lesen sich Brummes Tagebuchaufzeichnungen. Man spürt seinen Aufbruchsgeist und die mächtige Freude an der Fahrrad-Freiheit. Rasch kommt er mit den Menschen ins Gespräch. Man staunt ihn auf dem Land und in den Kleinstädten an, als komme er „auf einem blauen Elefanten“ geritten. Obwohl sein Rad stabil ist, muss Brumme mehr als einmal Geschenke ablehnen, weil sie einfach zu zahlreich sind. Die meisten Nächte verbringt er im Zelt, am liebsten in Wäldern, doch viele Menschen wollen ihn unbedingt beherbergen. So nimmt Brumme an Feiern teil und an Bauarbeiten, an Schießwettbewerben und Trinkgelagen. Man erzählt viel, politisiert ein wenig über die ungeliebte NATO oder diskutiert alte und neue Literatur. Verwirrend beglückend bleibt das Vertrauen der Menschen: „Freundschaft schließt man hier, bevor man sich kennenlernt, das vergesse ich manchmal.“

Idealisiert der Autor die ukrainischen, vor allem die russischen Verhältnisse? Ja und nein. Er bekennt sich zu seiner Wodka- und Russland-Liebe, er schwärmt von der „Smaragdstadt Saratov“ und den kunstvollen Mosaiken an den Bushaltestellen unterwegs. Ihnen widmet das Buch 24 Farbtafeln, auf denen bunte Bauarbeiter, Wildschweine und liebende Mütter zu sehen sind. Der Blick eines Liebhabers macht ihn aber nicht blind, vielmehr gewinnt seine Wahrnehmung durch die Passion für Land und Leute sowie den streng subjektiven Standpunkt an Genauigkeit, Farbe, Tiefenschärfe. Und historisch-politische Reflexionen fehlen ja nicht. Es fehlen auch nicht die Wölfe, die Raubüberfälle, die Miliz, allerdings begegnen sie anders als erwartet. Es handelt sich eben um ein überraschungsreiches Buch mit häufig wechselndem Tempo: Mal ist man mit Brumme in rascher Fahrt unterwegs durch riesige Felder, Industriegebiete und Ebenen, dann wieder erlebt man eine Zeitbremse; die es in Saratov übrigens wirklich gibt.

Als reine Reisereportage schon wäre „Auf einem blauen Elefanten“ mit Gewinn zu lesen, weil man aus dem Buch so viel über die Menschen und die Landschaft im Osten erfährt. Doch Brummes schlanke, reiche Prosa, die Essensvorlieben, den wehen Hintern, wilde Hunde und quälende Irrwege nicht verschweigt, verführt regelmäßig zu reizvollen Geistesabwegen. Da geht es um deutsche Verhältnisse, die sich lästig in seine fremden Heimatgefühle drängen. Die Ziegen am Weg erinnern ihn an Denker, und die Waldtiere werden mit einer Rede besänftigt. Der Geschmack russischer Wörter will erwogen sein oder der Zusammenhang zwischen Mentalität und angebauten Pflanzen. Brumme wird mit jedem Kilometer mehr zum Philosophen auf dem Fahrrad, aber zu einem, der das Lächeln, das Staunen und die Selbstironie nicht vergisst.

Titelbild

Christoph D. Brumme: Auf einem blauen Elefanten. 8353 Kilometer mit dem Fahrrad von Berlin an die Wolga und zurück.
Dittrich Verlag, Berlin 2009.
250 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783937717326

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Letzte Änderung: 25.11.2009 - 16:17:24
Erschienen am:21.01.2010
Lesungen: 864
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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