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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 1999 (1. Jahrgang) » Belletristik
 
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Die Welt als Vorstellung und Selbstreferenz

Alban Nikolai Herbst bedroht Europa mit dem Thetismeer

Von Eva LeipprandRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eva Leipprand

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Die Qualität einer Stadt und also die der Aufzeichnungen über sie mißt sich an der Beschaffenheit ihrer Gehsteige Fahrbahnen, an Unebenheiten hohem und niederem Trottoir. Ist dieses, wie im Westen, uniform aufs Marktniveau gebracht, so ist die Stadt selbst nur Äquivalenz und sind es ihre Bewohner. Damit alle Fantasie perdu. Ich aber will, daß Raum fürs Ungeheure bleibe."

Mit diesem Programm beginnt Alban Nikolai Herbst seinen neuen Neunhundert-Seiten-Roman. Dessen eigentlicher Protagonist ist die Stadt - aber was für eine! Ein Puzzle aus den großen Städten der Welt, wo die Gehsteige noch leben und Geschichte haben, wo der Spreekanal in die Themse fließt und die Friedrichstraße an der Grenze Venedigs liegt. Sie ist die Großstadt schlechthin, Buenos Aires genannt, deren Matrix aber, mag auch Zeit und Raum verschwimmen, doch ganz eindeutig Berlin ist, der Dialekt, die U-Bahn und die Kneipen, der Prenzlauer Berg, die am Potsdamer Platz aus Baugruben hochschießenden Glaspaläste. Im Cafe Silberstein sitzend, mit einem Liter Rotwein im Leib, findet der Erzähler hier in Berlin noch den Raum fürs Ungeheure. "Nachtlack. Geblitz Venezianerinnen Wimpern. Eine Bordsteinschwalbe sprach ihn an. Er hörte aber nicht, jedenfalls schritt er weiter über Trottoir Landschaften Länder Geschichten."

Langsam gleitet der Erzähler vom Ich in die Figur des Hans Deters, den Herbst-Leser schon aus früheren Werken kennen, und aus einer ohnehin schon diffusen Jetztzeit in die Anderswelt hinein, wo die Zeit Schleifen zieht und der Raum zerläuft und alles möglich ist oder auch nicht. Da gibt es noch Vertrautes wie Siemens und Ikea oder auch Taxi und Telefon, doch die Wände simulieren nur und ribbeln sich auf wie Gestricktes, und bei den Leuten, die da herumlaufen, kann man nie sicher sein, ob es nicht Holomorfe sind, körperlose Wesen, an deren Dateien gerade einer herumspielt. Europa, nach einer Ökokatastrophe vom wütenden Thetismeer bedroht, ist durch eine Mauer zweigeteilt; der Westen eine künstliche Paradieswelt, der Osten eine trostlos verheerte und verseuchte Landschaft. Es gibt einen Präsidenten in der Zentralstadt, der am Ende, zu Spielzeuggröße geschrumpft, in einem Fallerhäuschen vegetiert. Die eigentliche Macht liegt beim Tycoon Ungefugger, der soeben dabei ist, nach der Exekutive nun auch die Nation als Ganzes zu privatisieren. Die Benachteiligten im Osten leben schlimmer als die Tiere und rotten sich immer wieder zu kleinen, aber blutigen Revolten zusammen. Schänder, Frauenhorden und Hundsgötter treiben ihr Unwesen mit blutrünstigen, in allen widerlichen Einzelheiten beschriebenen Kulten.

Immer wieder wird das ausufernde Epos zum Erzähler Hans Deters in seiner Kneipe rückgekoppelt, aus dessen Hirn es ja entspringt. Ein Psychiatrieaufenthalt wird erwähnt und deutet Nähe zur Verrücktheit an. Deters bewegt sich übergangslos von einer Imaginationsebene zur anderen, phantasiert Menschen seiner Umgebung in die Anderswelt und umgekehrt, spricht mit seinen Figuren und wird von ihnen bedroht, weil sich die Dinge nach seinem und gegen ihren Willen entwickeln. Über das Wort "wirklich" kann Deters nur lächeln: "Alles ist simuliert."

Die Fiktion in der Fiktion, das intellektuelle Spiel mit den verschiedenen Ebenen der Imagination, das ist durchaus Science-Fiction-Standard und keineswegs neu, aber doch mit großer Souveränität gehandhabt. Diese Spiel ist der Angelpunkt des Romans, die eigentliche Handlungsebene; der äußere Fortgang ist eher wirr und ziellos ausgefranst und in Zeitschleifen jederzeit rückholbar. Es scheint dem Autor gar nicht darum zu gehen, eine geschlossene, in sich logische Anderswelt aufzubauen. Es werden eher Science-Fiction-Versatzstücke hergezeigt, wie sie in der "unterirdischen unterseelischen Flut" des Erzählerhirns herumschwimmen.

Dort schwimmen auch Mythen aller Art herum, vor allem Homers "Ilias", und werden mit den SF-Ingredienzien vermischt. Es gibt leibhaftige Myrmidonen und Achäer, Poseidon tritt auf, dazu Achilles, der Sohn der Thetis, der sich bei Gefahr in Frauenkleider flüchtet, und natürlich der listige und ständig erzählende Odysseus. Die mythischen Elemente fordern zur Sinnsuche heraus, allerdings vergeblich, ein Sinn ist nicht zu entdecken. Sie könnten ein Mittel zur weltgeschichtlichen Überhöhung des Dargestellten sein, manche Passagen im Roman legen diese Deutung nahe. Doch kann man bei Herbst nie ganz sicher sein, was wirklich ernst gemeint ist. Während man einen großen, kosmisch ausgreifenden Zukunftsroman zu lesen glaubt, liest man vielleicht gerade die Parodie darauf.

Der Leser dieses so dickleibigen wie ambitionierten Werkes braucht einen langen Atem und Lust am Spiel mit der Illusion. Er wird belohnt durch eine enorm variable Sprache und eine raffiniert doppelbödige Darstellung der Stadt Berlin in ihrer rasanten Veränderung, die man als Kampf gegen phantasiezerstörende Nivellierung, aber durchaus auch als amüsante Satire lesen kann.

Titelbild

Alban Nikolai Herbst: Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1998.
896 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-10: 3498029436

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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 1999 (1. Jahrgang) » Belletristik
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:09:42
Erschienen am:01.06.1999
Lesungen: 12947
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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