"Poerei und Malesie"

Corinna Hübner verfolgt die Spuren des Grenzüberschreiters Raoul Hausmann im Niemandsland zwischen Literatur und bildender Kunst

Von Marion MalinowskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marion Malinowski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Raoul Hausmann macht es den Kritikern leicht, ihn nicht zu kennen", schrieb Adolf Behne 1923 in der "Weltbühne", und diese Feststellung hat bis heute wenig an Gültigkeit verloren. Sich selbst bezeichnete Hausmann als den "immerhin [...] größte[n] Experimentator Österreichs", und nicht zuletzt in seiner Experimentierfreudigkeit liegt wohl die "Nicht-Rezeptionsgeschichte" des gebürtigen Wieners mit tschechischem Pass begründet. Hausmann entwickelte neue künstlerische Ausdrucksformen im Rückgriff auf die traditionellen Gattungen und entzieht sich so nach wie vor einer an wohldefinierten Kategorien orientierten wissenschaftlichen Kanonisierung. Als einer der Mitbegründer der Dada-Bewegung in Berlin fand er zwar Aufnahme in die Reihe der Dada-Künstler, Wortführer und damit wirkungsmächtiger waren und blieben aber andere.

Auffallend an der überschaubaren Literatur zum Fotografen, Fotomonteur, Maler, Tänzer, Plakatdichter, Lautdichter, Dadaisten und Dadasophen in einer Person sind die vergleichsweise zahlreichen Autorinnen, die sich mit seiner Kunst, häufig im Zusammenhang mit Dada, befasst haben. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre erschienen material- und kenntnisreiche Arbeiten von Hanne Bergius, Cornelia Frenkel, Adelheid Koch sowie Materialien- und Ausstellungsbände der Berlinischen Galerie unter der Federführung von Eva Züchner.

Corinna Hübner führt mit ihrer Arbeit diese ,weibliche Tradition' fort und fügt dem Mosaik ein Steinchen hinzu - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht das "Grenzgängertum" des Dadasophen zwischen Poesie und Malerei. Hausmann schuf neue Verbindungen zwischen Bild und Buchstabe und damit eine Kunst, die nicht nur näher am Leben sein sollte, sondern sich zum Ziel gesetzt hatte, die strikte Trennung zwischen "hoher" Kunst und alltäglichem Dasein sowie die Gattungsgrenzen zwischen den Künsten aufzuheben. Entstehen sollten "Poerei und Malesie", wie er es in typisch sprachspielerischer Manier gemeinsam mit Kurt Schwitters nach der zweiten Jahrhundertkatastrophe 1945 formulierte. Das Vertauschen der Silben 'rei' aus Malerei und 'sie' aus Poesie verdeutlicht prägnant die Intention. Das Bildhafte der Malerei und die sprachlichen Zeichen der Literatur werden in die jeweils andere Kunstform transformiert, so dass etwas Neues entsteht, dessen Ursprünge aber erkennbar bleiben.

Hübner verfolgt die Anfänge dieses Weges von der Malerei zur "Malesie" und von der Poesie zur "Poerei" und konzentriert sich demzufolge auf die Zeit um 1918. Ausgehend von Lessings "Laokoon", in dem die strenge Unterscheidung und Hierarchisierung der Künste legitimiert wurde, zeigt sie auf, wie sowohl der Maler als auch der Literat Hausmann die Gattungsgrenzen zusehends verwischt - mit dem Ziel, den 'neuen Menschen' zu verwirklichen. Mit der Gründung des Club Dada in Berlin im April 1918 fand der zuvor orientierungslose Hausmann ein Forum für diese Lebensaufgabe. Angesichts der Kriegskatastrophen und revolutionären Umbrüche reagierten die Dadaisten auf den Zusammenbruch der alten Gesellschaftsordnung mit einem radikalen Neubeginn in der Kunst und begannen mit der Zerstörung bürgerlicher Kunstvorstellungen. Dada als "praktische Selbstentgiftung" geht somit über bloßen 'Unsinn' weit hinaus.

In ihrer Untersuchung geht Hübner der Polarität von Literatur und Malerei nach und hält dabei an etablierten kunsthistorischen Kategorien und Definitionen fest, denn "grenzüberschreitende theoretische Ansätze müssen erst noch entwickelt werden." Zugleich bemüht sie sich um eine interdisziplinäre Analyse im Zwischenbereich von Kunst-, Literatur- und Sprachwissenschaft. Die Ursprünge von Hausmanns intermedialen Spielarten sieht sie in seiner kunsthandwerklichen Ausbildung als Schriftholzschneider und in dem gleichzeitigen Einfluss seines Vaters, dessen Historienmalerei die ersten Malversuche des Sohnes anregte. Die Kombination aus beidem findet sich später in Hausmanns typographischen Arbeiten wieder, wo Schrift und bildhafte Formen neue Beziehungen eingehen.

Hübner rekonstruiert zunächst chronologisch die künstlerische Entwicklung des Malers Hausmann hin zur völligen Abstraktion. Unter dem Eindruck des Impressionismus begann er, sich mit sinnlichen Wahrnehmungsvorgängen zu befassen. In der Folge und nicht zuletzt unter dem Einfluss des Expressionismus löste er sich sukzessive von der naturalistisch-mimetischen Darstellung und mischte stattdessen zunehmend verschiedene Kunststile (Expressionismus, Kubismus, Konstruktivismus) bis hin zur vollkommen ungegenständlichen, "konkreten" Grafik.

Die Perspektive verschwindet gänzlich, stattdessen rücken das 'Material' und die Formgestaltung zusehends ins Zentrum seines Interesses. Ausgeschnittenes Papier statt Farbe wird zum Gestaltungsmittel. Es ist der Versuch, "eine nähere Beziehung zum Leben und seinen gestalterischen Kräften [zu] vermitteln". Alltägliche Gegenstände und profane Materialien werden in einen neuen Kontext gestellt. Konsequenter Weise schließt diese Umfunktionierung das Material der Sprache, des zentralen Mediums zur Erfassung der Welt, mit ein.

Der Literat Hausmann experimentiert und zerlegt Sprache in kleinste Bestandteile. Es entsteht "simultane", "bruitistische" und "lettristische" Poesie, deren Wirkung sich erst im Vortrag richtig entfaltet (http://www.ubu.com/sound/hausmann.html) - wobei zum Vortrag nicht zuletzt die körperliche Präsenz des Sprechers gehört, deren Dynamik die erhaltenen Fotografien nur erahnen lassen.

Diese Poesie räumt auf mit der Feierlichkeit der bürgerlichen Kultur und mit der "primitiven Metaphernwelt" der Sprache. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen reißt Hausmann das Sprachmaterial aus den Ordnungen von Syntax, Grammatik und Semantik heraus und stellt es in neue Zusammenhänge. Herkömmliche Muster der Wahrnehmung und der hermeneutischen Suche nach Sinn werden so außer Kraft gesetzt. An die Stelle der Kontemplation tritt das Rätseln über die Bedeutung von Wörtern und Sätzen. Die onomatopoetischen Lautbilder evozieren innere Vorstellungsbilder, "da keine signifikaten Formen vorliegen, die im semantischen Sinne mit Bedeutung gefüllt sind. Das Zeichen ist seiner Funktion des Bezeichnens enthoben, wodurch es in seiner Materialität auf sich selbst verweist." Wie bei den Bildern kommt es zu einem "Verlust des Mimetischen". Durch den fortschreitenden Abstraktionsprozess entsteht schließlich 'konkrete Dichtung', in deren Zentrum die Artikulation und der Klang stehen.

Auch dieser Weg wird detailliert nachgezeichnet, wobei ein Problem deutlich zu Tage tritt, mit dem die Forschung über Hausmann stets zu kämpfen hat: Die Ernsthaftigkeit und analytische Schärfe, mit der Hübner zum Beispiel das im Urlaub ins Notizbuch 'hingeworfene' Gedicht "Mistgrube" beschreibt und interpretiert, wirken stellenweise unfreiwillig komisch und veranschaulichen damit zugleich, wie tradierte Vorstellungen von "hoher" Kunst beim Rezipienten nach wie vor wirksam sind.

In "Mistgrube" werden nach Hübner neue, 'alltägliche' Themenkreise erschlossen, das Schriftbild löst sich auf und durch die Verfremdung muss ein Wortsinn erst entschlüsselt werden. Die Silben 'fallen' auseinander und die Typografie eröffnet neue Kombinationsmöglichkeiten. In der Folge gewinnt die Visualität des Textes an Bedeutung, das 'Gedicht' mit seinen Wörtern und Buchstaben wird zum Bild. Durch die Verschriftlichung akkustischer Lautfolgen kommt es schließlich zu einer völligen Destruktion der Semantik, demgegenüber wird die Intonation visualisiert. Der Verzicht auf einen Referenten führt zurück zu den Ursprüngen der Sprache, so dass Realität unmittelbarer neu erfahren werden kann. "Diese Literatur erzeugt eine ihr eigene Wirklichkeit" und betont den Bildcharakter des Buchstabens, der so "gefühltes Erkennen über das Begrenzte und enge Bezirke des nützlichen Lebens hinaus" transportiert.

Hausmann erweitert das sprachliche System um die Elemente Bild und Ton. Was sonst die Grenzen zur Malerei und zur Musik markiert, wird bei ihm aufgeweicht. Aus der Kombination von Optik und Akkustik entwickelt er schließlich die grenzüberschreitenden Mischformen des Plakatgedichts und der optophonetische Poesie, der Collagen und Fotomontagen. Erstere sind nach wie vor der Literatur zugehörig, letztere der Kunst. Hübner bezeichnet die Verschmelzungsprozesse in Anlehnung an Wolfgang M. Faust als "Ikonisierung der Sprache" bzw. "Literarisierung der Kunst".

Ein zentrales Ergebnis der Grenzüberschreitungen ist nach Hübner die "Synthese der Sinne", was im Unterschied zum Gesamtkunstwerkkonzept allerdings kein bloßes intermediales Nebeneinander verschiedener Gattungen und der ihnen zugeordneten Wahrnehmungsvorgänge beinhalte, sondern die Übertragung des Sehens auf die Literatur und umgekehrt des Lesens auf die bildende Kunst. Das Bildhafte wird zum gleichwertigen Merkmal der Literatur, die dadurch - bei gleichzeitigem Verlust der narrativen Funktion - an Räumlichkeit gewinnt, während die Collagen aus Textteilen zusammengesetzt sind und in die Fotomontagen häufig Slogans integriert werden. Der semantische Gehalt der Wörter bleibt so weitestgehend erhalten, während das Bild in Stücke zerfällt. Dessen Fragmente können aber zugleich auch eine neue Einheit bilden.

Die Erfindung der Fotomontage (gemeinsam mit Hannah Höch) reklamierte Hausmann zeitlebens für sich. Er "überwindet alte Grenzvorstellungen, um im selben Moment neue Gattungsgrenzen zu errichten. [...] Darin zeigt sich, dass die große Geste der Dadaisten, die Kunst aus ihrer elitären Ecke zu holen und sie gewissermaßen zu entmachten, nicht wirklich realisiert wurde." Hübner sieht Hausmanns zukunftsweisende Bedeutung darin, dass er intermediale, offene Kunstkonzepte vorbereitete, deren Wirkungen bis zur Postmoderne reichen.

Was Adolf Behne über den Tänzer Hausmann schrieb, ist auf den Gesamtkünstler Hausmann übertragbar: "Besessenheit und Präzision, Wildheit und Technik. Tempo einer Turbine und clownhaft kühner Witz und keine Spur von Ästhetik [...]: eine runde, ganze, lebendige Sache." Corinna Hübner zieht zu Recht den Schluss, dass nur ein transdisziplinärer Untersuchungsansatz diesen 'Experimentator' adäquat erfassen könnte. Insgesamt besticht die Arbeit, sieht man von etlichen Wiederholungen gleicher Aussagen ab, durch ein hohes Maß an Systematik, mit dem das eingestandene Defizit an gegenstandsangemessenen Instrumentarien der Analyse ausgeglichen werden soll. Hübner bringt Ordnung in das dadaistische Chaos und schafft so eine gute Grundlage für jene Grenzüberschreitung der wissenschaftlichen Einzeldisziplinen, die nötig ist, um diesem Vertreter der avantgardistischen Moderne in all seinen Facetten gerecht zu werden.

(Die Abbildungen sind dem besprochenen Buch entnommen, mit Ausnahme des Fotos von Raoul Hausmann beim Vortrag eines Lautgedichts. Dieses ist entnommen aus Karl Riha / Günther Kämpf: Raoul Hausmann. Am Anfang war Dada. Mit einem Nachwort von Karl Riha. Gießen: Anabas, 1992, S. 36.)

Literaturhinweise:

Hanne Bergius: Das Lachen Dadas. Gießen 1989.

Cornelia Frenkel: Raoul Hausmann. Künstler - Forscher - Philosoph. St. Ingbert 1996.

Adelheid Koch: Ich bin immerhin der größte Experimentator Österreichs: Raoul Hausmann, Dada u. Neodada. Wien 1994.

Eva Züchner (Hg.): Der deutsche Spiesser ärgert sich. Raoul Hausmann 1886-1971. Ausstellungskatalog Berlin 1994.

Eva Züchner (Hg.): Scharfrichter der bürgerlichen Seele. Raoul Hausmann in Berlin 1900-1933. Unveröffentlichte Briefe, Texte, Dokumente. Ostfildern 1998.

Titelbild

Corinna Hübner: Raoul Hausmann: Grenzgänger zwischen den Künsten.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2003.
176 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-10: 3895284041

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