Familie Mann revisited

Walter und Inge Jens legen die Biografie Hedwig Pringsheims vor

Von Mechthilde VahsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthilde Vahsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Groß soll sie gewesen sein, eine beeindruckende Erscheinung, die ihre Meinung über Politik, Kunst und Kultur nicht zurückhielt, charmant plauderte, wunderbar lachte und ein volles Haus liebte: Hedwig Pringsheim. Der Darstellung ihrer Lebensgeschichte widmen sich Inge und Walter Jens, die bereits mit ihrem Buch über "Frau Thomas Mann" ihren Teil zu dieser weiblichen Seite der Mann'schen Familiengeschichte beigetragen haben. Die neue Biografie füllt die Lücke zwischen Großmutter Hedwig Dohm, "Mimchen" genannt, und Katia Mann. Aber warum noch eine Biografie, ein weiteres Mal die mühselige Arbeit des Suchens und Sichtens, der Spurenlese? Weil "die bunte, widersprüchliche und facettenreiche Geschichte der Hedwig Pringsheim das Epos dieser Jahrhundertfamilie" bereichert, heißt es in der Vorbemerkung.

Und das tut sie tatsächlich. Auch wenn Hedwig Pringsheim selbst nicht literarisch oder künstlerisch tätig war - abgesehen von ihrer zweijährigen Arbeit als Schauspielerin in Meiningen und einigen wenigen autobiografischen Skizzen in den 1920er Jahren in der 'Vossischen Zeitung' -, ihre hinterlassenen Briefe zeugen von Esprit und Wortwitz, scharfer Beobachtungsgabe und Lust an der Sprache; ein Talent, das in dieser Familie nicht überrascht.

"Sie zu ehren", heißt es weiter im Vorwort, zitieren "wir so viel wie möglich [...] aus den Zeugnissen, die sich [...] erhalten haben." Eine gute Entscheidung, denn so erfahren wir aus erster Hand die Geschichte fast eines ganzen Jahrhunderts, über das Aufwachsen im Kaiserreich, den ersten Weltkrieg, die chaotischen Jahre der Weltwirtschaftskrise, bis hinein in die Jahre des Nationalsozialismus und den beginnenden Zweiten Weltkrieg. Dies alles aus der Perspektive einer Frau, die, verheiratet mit einem sehr reichen Mathematiker und Musiker, ihre pazifistische und kritische politische Haltung aus dem Elternhaus mitbrachte. Geprägt vom 'Kladderadatsch'-Redakteur Ernst Dohm, dem Vater, stark beeinflusst von der Mutter, der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, die vor allem wegen ihrer scharfzüngigen, rhetorisch geschickten und auch heute noch gut zu lesenden feministischen Repliken einen Namen hatte in der ersten deutschen Frauenbewegung.

Die verwendeten und ausführlich zitierten Quellen reichen von den bereits erwähnten Briefen an den Freund Maximilian Harden (1900-1921) und die Tochter Katia über die Notizbücher aus den Jahren 1910 bis 1916 und 1939 bis 1941, dazu kommen Notizen von der Reise zum Erstgeborenen Erik nach Argentinien bis zum Kinderbüchlein für die Jahre 1879 bis 1896. Ergänzt wird dieser Materialfundus durch autobiografische Skizzen.

Auf fast 250 Seiten präsentiert sich ein farbenprächtiges Leben, das hier kurz nachgezeichnet werden soll: Kindheit in einem der Politik und dem sozialen Leben verpflichteten, oft finanziell schlecht ausgestatteten Elternhaus, dessen berühmte Montagabende "alle Kreise und Altersstufen" versammelten. Hier entwickelt die am 13. Juli 1855 geborene Tochter ihre Lust an Gesellschaften, am Austausch über Kunst und Kultur. Schon früh führt ihr Interesse am Theater zu einer Ausbildung beim herzoglichen Hoftheater in Meiningen, das zu den berühmtesten Theatern der Zeit zählt. Doch nach zwei Jahren ist Schluss, die nicht übermäßig Talentierte hat sich heimlich mit Alfred Pringsheim verlobt, dem begabten Mathematiker und Musiker, der eine Anstellung an der Universität München bekommt. Fünf Kinder bringt sie zur Welt: Erik, Heinz, Peter, die Zwillinge Katia und Klaus. Ab 1890 wohnt die Familie in einem großen Palais an der Arcisstraße, das sich rasch zu einem gesellschaftlichen Zentrum innerhalb Münchens entwickelt. Es wird musiziert, der Hausherr zeigt seine Kunstschätze, die Gastgeberin führt alle, die Rang und Namen haben, zu Diners zusammen: Nobelpreisträger, Wissenschaftler, Künstler, Literaten, viele Musiker, Sängerinnen und Kunstverständige.

Etwas weniger luxuriös geht es in den Ferien zu: Familie Pringsheim erkundet Europa mit dem Fahrrad, es geht in die Schweiz, nach Norwegen, von Bozen nach Nizza, nach Holland und Frankreich, bis nach England und wieder zurück. Daneben gibt es viele Reisen in die europäischen Hauptstädte, zu kulturellen Ereignissen, Kongressen, Treffen mit Bekannten und Freunden.

Einige Familienskandale schaden dem Ansehen nicht, Thomas Mann lässt sich nur zu gern bei den Pringsheims einführen. Seine angestrebte Verbindung mit der einzigen Tochter Katia wird von Hedwig Pringsheim unterstützt, hier unterscheidet sich ihre Auffassung eines weiblichen Lebens deutlich von der ihrer Mutter, die die Berufstätigkeit für Frauen einforderte, damit diese finanzielle Autonomie erlangen konnten.

Hedwig Dohm, Hedwig Pringsheim und Katia Mann verstehen sich generationsübergreifend sehr gut. Jeweils Mutter und Tochter sind eng verbunden, stehen sich bei, können sich aufeinander verlassen - diese matriarchale Linie wird im Buch ausführlich skizziert und interpretiert. Allerdings muss das Urteil, Hedwig Pringsheim "hätte, weit mehr als ihre Mutter, das Zeug zu einer Schriftstellerin gehabt, zu einer Meisterin des intelligenten Klatsches", angezweifelt werden. Zudem bedient die Zusammenführung 'Schriftstellerin und Meisterin des intelligenten Klatsches' eine konventionelle Vorstellung von weiblicher Autorschaft.

Die weiteren Stationen sind schnell berichtet, sie sind bekannt: die Pflege der Tochter im Sanatorium, der Tod von Erik 1909, dann der Tod von 'Mimchen' 1919, es folgt die Abkühlung zwischen Hedwig und Katia wegen politischer Unvereinbarkeiten, dann die räumliche Entfernung, als die Manns in den USA im Exil sind und die alten Pringsheims noch in München ausharren. Die Flucht in die Schweiz gelingt den beiden Hochbetagten erst in letzter Sekunde. Am 27. Juli 1942 stirbt Hedwig Pringsheim, knapp ein Jahr nach ihrem Mann.

Die Lebensgeschichten von Katias Brüdern, den vier Söhnen Pringsheim, sind in der Darstellung etwas kurz geraten, was vielleicht der Quellenlage geschuldet ist, der Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem Mann-Familienzweig. Hier wäre der Raum gewesen, die Familiengeschichte der Pringsheims ausführlicher zu gestalten.

Insgesamt legen Inge und Walter Jens eine sehr detailliert recherchierte und gut geschriebene Biografie vor. Nur eine Kleinigkeit ärgert: Immer wieder ist von der "alten Meiningerin" oder "Meiningerin" die Rede, wenn es etwas dramatischer zugeht. Dieser Hinweis auf die knapp zweijährige Bühnentätigkeit wirkt aufgesetzt, zumal Hedwig Pringsheim ihrer 'Karriere' nicht nachgetrauert hat.

Der Bildteil, ein umfangreicher Anhang mit Zitatverweisen, Quellen, Personenregister und Archivangaben vervollständigen die fundierte Biografie.

Kein Bild

Inge Jens / Walter Jens: Katias Mutter. Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005.
285 Seiten,
ISBN-10: 3498033379

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