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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2005 » Deutschsprachige Literatur
 
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Scharf gestellt

Jan Volker Röhnerts Gedicht "Die Hingabe, endloser Kokon"

Von Tobias GrüterichRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tobias Grüterich

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Vers "Ein japanisches Sofortbild vom Time Square in die Mongolei geschickt" könnte programmatisch für das gesamte Langgedicht Jan Volker Röhnerts stehen, welches in zwölf Kapiteln die ganze Welt umspannt.

Die beschriebene Zeit umfasst einige Wochen im Herbst, angefangen vom "goldenen Herbst" (EINS) bis zu den Tagen, an denen "ohne zu zögern ... der Wind das Laub von den Ästen" (ELF) reißt; eine genaue Verortung ist dagegen schwieriger, obgleich mehrere Kapitel eindeutig in den USA angesiedelt sind. Dort lassen sich auch einige poetische Einflüsse ausfindig machen, etwa William Carlos Williams, John Ashbery oder Robert Creeley, dessen Credo "you can write directly from that which you feel" die unmittelbare Wahrnehmung postulierte, die durch kein Kalkül und keine nachgelagerte Reflexion verfälscht ist. "Die Hingabe, endloser Kokon" hat keine Zeit für die behagliche Ironie und die Selbstkommentierungen eines distanzierten Betrachters. Vielmehr gibt sich Röhnerts nunmehr dritter Lyrikband vollständig dem Tempo des Beobachteten hin, wobei der Begriff "Beobachtung" täuscht, da dieser noch jenen Betrachter impliziert, der nicht mehr gegeben ist, denn Hingabe bedeutet immer auch Selbstaufgabe und Auflösung des Subjektes. Die Hingabe richtet sich an das gesamte Geschehen - insofern schreibt Röhnert nicht über, sondern an das Leben -, aber auch an eine immer phantomhaft bleibende Frau. In Kapitel SECHS heißt es: "Ich hoffe noch immer, daß unsere Bahnen einander verschmelzen - optisch in alle Ewigkeit isoliert, sind wir in unser gestaltlosen kinetischen Existenz allerorten ein Paar." Hier klingt Heisenbergs Unschärferelation an - eine Assoziation, die durch den vorangegangen Satz vorbereitet wird: "Inzwischen haben sich die Stäbe des Gitters, durch die ich die Sequenz der Ereignisse beobachten kann, scharf eingestellt."

Bilder, Fotografien und Filme halten nichts fest, sondern sind Teil der Rastlosigkeit, die sie zeigen. Medien dienen nicht mehr der Abbildung und Speicherung, sondern dem Stimulans: Ein "Video [wird] vor dem Schlaf injiziert", damit es "anderntags im Gespräch mit Zitaten versorgt, als wäre ein Drehbuch unser Gepäck" (SECHS). "Ein vergriester Morgen in Schwarz-Weiß" (ZWEI) beschreibt sowohl die Stimmung eines verlorenen Tages, erinnert aber gleichzeitig an einen defekten Schwarzweißfernseher, der nur noch 'Schneesturm' empfängt. Alte, auf einem Dachboden gefundene Fotografien sind "mit dem Bügeleisen des Verstandes nicht zu plätten" (FÜNF) und Märchengestalten tanzen "auf dem Laminat, wo die bunten Strümpfe gescheuert haben" (ZWEI). Derart freie Assoziationen wirken nicht ausgeklügelt, sondern eher wie die Cut-up-Technik eines Rolf Dieter Brinkmann. Die Namenskaskaden verschiedener Städte, Länder und Landschaften ("Postkarten, aus Rhodos, Kreta, Griechenland, zypriotischer Olivenhain, Zedern des Libanon, Trauerweiden im Paradies", DREI) und Begriffe aus der Mythologie ("Nymphen, Sylphiden, Elfengeschöpfe, ätherisch, grazil", FÜNF) erinnern durch die Trunkenheit ihres nüchternen Aufzählens an die Reisegedichte von Gottfried Benn.

Auf den ersten Blick könnte man Röhnert hier auftrumpfendes Name-dropping unterstellen, doch ist sein Gedicht wirklich "auf dem ganzen Globus zuhause" (NEUN). Dies unterscheidet ihn von diversen Gegenwartsautoren, die Provinzgeschichten nur zur Wirkungssteigerung nach Paris oder New York verlagern.

Röhnerts Stärke liegt außerdem darin, dass sein Gedicht mindestens drei gleichermaßen ergiebige Lesarten - Liebesgedicht, Reisegedicht, Wahrnehmungsanalyse - erlaubt. Die große Frage: "wer hat den Takt sich ausgedacht, nach dem unser Gefühl zwischen den Tasten irrt?" (EINS) muss aber auch im poetologischen Finale des zwölften Kapitels unbeantwortet bleiben.

"Die Hingabe, endloser Kokon" ist der erste Band der blauen Reihe der Edition AZUR. Das Nachwort des Herausgebers Helge Pfannenschmidt informiert über das Selbstverständnis der Reihe und illustriert die Bezüge zu Röhnerts bisherigen Veröffentlichungen.

Titelbild

Jan Volker Röhnert: Die Hingabe, endloser Kokon. Gedicht. Mit einem Nachwort von Helge Pfannenschmidt.
Glaux-Verlag, Jena 2005.
80 Seiten, 12,50 EUR.
ISBN-10: 3931743837

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Letzte Änderung: 01.09.2005 - 11:32:33
Erschienen am:16.08.2005
Lesungen: 5436
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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